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Ankara am Morgen danach: Der Anschlagsort liegt inmitten des türkischen Regierungsviertels.
Ankara am Morgen danach: Der Anschlagsort liegt inmitten des türkischen Regierungsviertels.(Foto: dpa)

Anschläge in Ankara und im Südosten: Davutoglu beschuldigt die PKK

Am Tag nach dem Anschlag in der türkischen Hauptstadt stehen die Schuldigen für Ankara fest: Regierungschef Davutoglu macht kurdische Kämpfer für die Tat verantwortlich, Präsident Erdogan kündigt Vergeltung an. Die PKK weist jede Beteiligung von sich. Im Südosten des Landes kommt es zu einer weiteren Attacke.

Nach dem Anschlag mit Dutzenden Toten und Verletzten in Ankara liegen offenbar Hinweise auf die Hintermänner vor. Das Attentat sei von der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der syrischen Kurdenorganisation PYD verübt worden, erklärte der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu. Bei dem Attentäter habe es sich um einen 1992 in Syrien geborenen YPG-Kämpfer gehandelt, sagte er. Die YPG ist der militärische Arm der PYD. Neun Verdächtige säßen bereits in Haft, erklärte Davutoglu.

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Ein PKK-Sprecher wies die Vorwürfe zurück. "Wir wissen nicht, wer das getan hat", zitierte die PKK-nahe Nachrichtenagentur Firat den kurdischen Kommandeur Cemil Bayik. "Es könnte aber ein Vergeltungsschlag für die Massaker in Kurdistan gewesen sein."

Ein Bekennerschreiben zu dem Anschlag in Ankara liegt nicht vor. Die PKK dementierte bereits früh, in das tödliche Attentat verwickelt gewesen zu sein, ausdrücklich zurück. "Wir sind nicht verantwortlich für die Ankara-Explosion", zitierte der kurdische Journalist Barzan Sadiq aus einer PKK-Mitteilung.

Syrische Kurden: "Eskalationspolitik"

Die syrische Kurdenpartei PYD wies ebenfalls jegliche Verantwortung für den Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara zurück. "Wir haben keine Verbindungen zu dem, was in der Türkei passiert", sagte der Co-Vorsitzende der PYD, Salih Muslim. Die türkischen Anschuldigungen seien Teil einer "Eskalationspolitik" gegen kurdische Parteien.

Bei dem Anschlag im Zentrum Ankaras kamen am Mittwoch mindestens 28 Menschen ums Leben. Es gab zahlreiche Verletzte. Am Tag nach dem Anschlag schwebt keiner der Verwundeten in Lebensgefahr, wie türkische Medien berichteten. 30 Verletzte seien inzwischen aus den Krankenhäusern entlassen worden, teilte das türkische Militär mit. 31 Menschen müssten weiterhin stationär behandelt werden.

Neuer Anschlag mit sechs Toten

"Recht auf Selbstverteidigung": Reccep Tayyip Erdogan kündigt harte Reaktionen an - noch bevor klar ist, wer für die Anschläge verantwortlich zeichnet.
"Recht auf Selbstverteidigung": Reccep Tayyip Erdogan kündigt harte Reaktionen an - noch bevor klar ist, wer für die Anschläge verantwortlich zeichnet.(Foto: REUTERS)

Unterdessen kamen bei einem neuerlichen Angriff auf die türkische Armee im Südosten des Landes mindestens sechs Soldaten ums Leben. Ziel des Anschlags in der Ortschaft Lice in der Provinz Diyarbakir sei am Donnerstagmorgen ein Militärkonvoi gewesen, hieß es aus Kreisen der Sicherheitskräfte. Diese machten erneut die PKK für den Angriff verantwortlich.

Den Anschlag in Ankara vom Mittwoch soll offenbar ein syrischer Staatsbürger verübt haben. Dies berichten türkische Medien. Der Attentäter sei aufgrund seiner Fingerabdrücke identifiziert worden, schreibt das regierungsnahe Blatt "Yeni Safak". Der mittlerweile namentlich bekannte Syrer sei vermutlich mit Flüchtlingen aus dem türkischen Nachbarland gekommen, hieß es. Beim Grenzübertritt waren seine Fingerabdrücke genommen worden, was schließlich seine Identifizierung ermöglicht habe. Er soll das mit Sprengstoff beladene Fahrzeug in den Konvoi aus Armeebussen gelenkt haben.

Diesen Angaben zufolge soll der Attentäter Verbindungen zur PKK und zu kurdischen PYD-Kämpfern gehabt haben. Vertreter der türkischen Regierung sollen PKK und die Kurdenmiliz PYD laut "Daily Sabah" wiederholt als "Schachfiguren Russlands" bezeichnet haben.

PKK: "Wir sind nicht verantwortlich"

Die Frage, wer für die jüngsten Bombenanschläge verantwortlich ist, könnte erhebliche Auswirkungen auf das militärische Vorgehen der türkischen Regierung gegen Kurden haben. Anhänger der PKK hatten in den vergangenen Monaten wiederholt türkische Sicherheitskräfte angegriffen. Die Organisation hatte zudem angekündigt, Angriffe auf staatliche Institutionen auszuweiten.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte noch am Abend nach dem Attentat Vergeltung an: Die Türkei sei entschlossen, von ihrem "Recht auf Selbstverteidigung" Gebrauch zu machen, erklärte Erdogan. Beobachter werteten seine Worte als Hinweis auf militärische Reaktionen. Vize-Regierungschef Numan Kurtulmus sprach von einem Angriff "auf unsere Nation". Die Türkei werde vor dem "Terror" nicht zurückweichen.

CSU-Politiker vor Ort

Der CSU-Politiker und Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament wurde durch Zufall Zeuge des Anschlags in der türkischen Hauptstadt. "Ich war am Nachmittag im Hotelzimmer für einen kurzen Zwischenstopp und hörte dann draußen einen lauten Knall", sagte Weber. Die Fensterscheiben hätten gezittert. Das Hotel liege nur wenige Meter vom Anschlagsort entfernt.

Nach Angaben der türkischen Streitkräfte explodierte gegen 18.31 Uhr Ortszeit eine Autobombe, als ein Konvoi aus Bussen mit Armeeangehörigen an einer roten Ampel hielt. Wie ein AFP-Journalist berichtete, ereignete sich später eine zweite Explosion. Medienberichten zufolge wurde sie durch ein verdächtiges Paket ausgelöst. Zu dem Anschlag bekannte sich zunächst niemand. Die türkischen Behörden haben den Anschlagsort abgesperrt und noch in der Nacht Ermittlungen aufgenommen.

Luftangriffe jenseits der Grenze

Das Auto, das bei dem Anschlag genutzt wurde, wurde angeblich schon vor zwei Wochen in der türkischen Stadt Izmir gemietet. Aus Sicherheitskreisen hieß es dagegen, die ersten Hinweise deuteten darauf hin, dass der Anschlag von Kämpfern der Kurdischen Arbeiterpartei PKK verübt worden sei. Das türkische Militär geht seit Wochen mit massiver Waffengewalt gegen Anhänger der PKK im Südosten des Landes vor.

Noch am Abend nach dem Anschlag flog die türkische Luftwaffe irakischen Medienberichten zufolge neue Angriffe auf Stellungen der PKK im Nordirak. Die Luftschläge hätten eine Stunde gedauert, berichtete der Fernsehsender "Al Sumaria". Unklar war zunächst, ob die Attacken im südöstlichen Nachbarland der Türkei im Zusammenhang mit dem Terroranschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara standen.

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Quelle: n-tv.de

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