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Foto der Personalakte des ehemaligen Rottenführers Hans Lipschiz in Auschwitz-Birkenau.
Foto der Personalakte des ehemaligen Rottenführers Hans Lipschiz in Auschwitz-Birkenau.(Foto: dpa)

Keine Anklage wegen Beihilfe zum Mord an 10.510 Menschen : Dementer SS-Wachmann darf gehen

Fast 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg haben Nazi-Jäger noch immer Dutzende von NS-Schergen im Visier. Doch die Freilassung eines angeklagten ehemaligen SS-Wachmanns aus Auschwitz zeigt, dass späte Sühne schwierig ist.

Am Eingang zum KZ Auschwitz. Hier hatte Lipschis von 1941 bis 1943 Dienst als Wachmann.
Am Eingang zum KZ Auschwitz. Hier hatte Lipschis von 1941 bis 1943 Dienst als Wachmann.(Foto: AP)

Das Landgericht Ellwagen hat den Haftbefehl gegen einen wegen der Beihilfe zum Mord beschuldigten früheren SS-Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz aufgehoben. Zugleich verfügte die Schwurgerichtskammer die sofortige Freilassung des 94-jährigen Hans Lipschis aus der Untersuchungshaft, wie das Gericht mitteilte. Grund ist demnach eine beginnende Demenz von Lipschis, wegen der er einem Strafprozess "sehr wahrscheinlich" nicht mehr ausreichend folgen und sich deshalb gegen die Anklagevorwürfe nicht mehr angemessen verteidigen könne.

Ob das Hauptverfahren gegen den 94-Jährigen eröffnet wird, muss die Schwurgerichtskammer noch entscheiden. Die Staatsanwaltschaft wirft dem mutmaßlichen NS-Verbrecher vor, von 1941 bis 1943 Wachbereitschaft im KZ Auschwitz gehabt und so "den Lagerbetrieb und damit die Vernichtungsaktionen unterstützt zu haben". In dieser Zeit seien in Auschwitz zwölf Gefangenentransporte angekommen. Die dabei als nicht arbeitsfähig eingestuften Menschen seien gleich nach der Ankunft in den Gaskammern getötet worden. Nach Gerichtsangaben soll Lipschis laut Anklage Beihilfe zum Mord an 10.510 Menschen geleistet haben.

Lipschis saß seit Mai im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg in Untersuchungshaft. Aufgrund der neuen Erkenntnisse über seinen gesundheitlichen Zustand meldete die Schwurgerichtskammer nunmehr "erhebliche Zweifel" an, dass er verhandlungsfähig ist. Deshalb könne nicht mehr von einer "überwiegenden Wahrscheinlichkeit" seiner Verurteilung ausgegangen werden. Diese sei jedoch erforderlich für die Fortdauer der Haft.

Die Konzentrationsfähigkeit und das Kurzzeitgedächtnis des Angeschuldigten seien deutlich beeinträchtigt, hieß es weiter in der Gerichtsmitteilung. Lipschis sei nicht in der Lage, die Anklagevorwürfe im Einzelnen zu erfassen und sich ihnen in differenzierter Weise zu stellen. Die Einhaltung einer etwaigen Verteidigungsstrategie sei ihm aufgrund des eingeschränkten Kurzzeitgedächtnisses verwehrt.

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Quelle: n-tv.de

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