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Plagiate finden ist wie Ostereier suchen, so beschreibt Heidingsfelder die Faszination seiner Arbeit.
Plagiate finden ist wie Ostereier suchen, so beschreibt Heidingsfelder die Faszination seiner Arbeit.(Foto: picture alliance / dpa)

Interview mit dem Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder: Der Doktor-Schreck

Für Politiker mit Doktortitel ist er der personifizierte Albtraum. Im Interview mit n-tv.de spricht Martin Heidingsfelder über die Faszination vom Suchen und Finden. Nach den Arbeiten von Guttenberg und Schavan prüft der Plagiatsjäger nun die Dissertation der neuen Bildungsministerin Wanka. Und auch die Kanzlerin nimmt er ins Visier.

Von GuttenPlag bis Politplag

GuttenPlag Wiki: Das im Februar 2011 gegründete offene Wiki sammelt und dokumentiert die Fehler in der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg.

VroniPlag Wiki: Im März 2011 gründet Heidingsfelder die Plagiatsdokumentation. Ins Visier geraten unter anderem die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis, denen der Doktortitel später aberkannt wird.

SchavanPlag Wiki: Im Mai 2012 erhebt Heidingsfelder auf SchavanPlag Wiki Plagiatsvorwürfe gegen die damalige Bildungsministerin.

PolitPlag: Im Januar 2013 gründet Heidingsfelder diese kommerzielle Plattform. Gegen ein Honorar bietet er die Prüfung der Doktorarbeitern aller Politiker an, die für den Bundestag kandidieren.

n-tv.de: Heute schon Plagiate gefunden?

Martin Heidingsfelder: Heute morgen bin ich erst sehr früh ins Bett gekommen. Ich war noch in der Bibliothek und habe mir zwei Arbeiten angeschaut, bei einer habe ich schon Plagiate gefunden.

Was reizt Sie so sehr an Ihrer Arbeit als Plagiatsjäger?

Dieses Suchen und Finden macht mir Spaß. Das ist so, als hätte man einen Golfball verschossen und dann findet man irgendwo im Gebüsch neben seinem eigenen noch zwei weitere Bälle.

Sie empfinden also ein Gefühl des Triumphs?

Es ist wie ein kleines Kind, das sich freut, ein Osterei zu finden. Aber mal im Ernst: Es ist viel harte Arbeit. Man muss die Bücher besorgen, sie scannen, es ist viel drumherum.

Wie hat das bei Ihnen angefangen?

Geprägt wurde mein Interesse durch meine Arbeit im Guttenplag Wiki. Damals, am 20. Februar 2011, hatte ich sehr schnell meinen ersten Fund. Später habe ich Vroniplag Wiki alleine gegründet. Nach der langen Beschäftigung entwickelt man eine gewisse Expertise darin, Plagiate aufzuspüren.

Sie haben auch bei der Suche in der Dissertation von Annette Schavan mitgeholfen. Schon im Mai 2012 haben Sie ihren Rücktritt gefordert. Stolz, dass Sie dazu beigetragen haben, sie zu stürzen?

In dem Moment, wo sie zurückgetreten ist, habe ich mich gefreut. Das gebe ich zu. Schließlich habe ich das lange gefordert. Aber ich beziehe das gar nicht so stark auf mich. Schavans Rücktritt kommt viel zu spät. Ihre Einsicht, dass sie plagiiert hat, ist leider überhaupt nicht vorhanden.

Warum hat es so lange gedauert?

Es wurde nicht so großflächig und eindeutig plagiiert wie bei Karl-Theodor zu Guttenberg.

Wo ziehen Sie die Grenze zu einem systematischen Plagiat?

Die große Mehrheit der Arbeiten ist tadellos. Ein kleiner Fehler ist nicht erheblich. Wenn man ein Plagiat findet, fordert man nicht gleich, den Doktortitel abzuerkennen. Es muss schon System dahinter stecken.

Überführt und inzwischen ohne Doktor: Guttenberg und Schavan.
Überführt und inzwischen ohne Doktor: Guttenberg und Schavan.(Foto: picture alliance / dpa)

Welche populären Plagiate haben Sie in der Vergangenheit noch aufgedeckt?

Ich habe immer in der Gemeinschaft mit anderen daran gearbeitet. Beteiligt war ich unter anderem beim Aufdecken der Plagiatsfälle von Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis. Damals habe ich die Fälle publik gemacht, die Anzeigen bei der Uni gestellt und Kontakt zu den Medien gehalten. Als letztes habe ich Professor Klaus E. Goehrmann, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Messe AG, den "Vater der Cebit", angezeigt. Das Verfahren läuft noch.

Sind Sie wegen Ihrer Arbeit schon angegriffen oder bedroht worden?

Ja, aber das sind ja nur Drohungen und ich bin ein furchtloser Mensch. Außerdem bin ich auch oft gelobt worden.

Als Nächstes wollen Sie sich die Arbeit von Schavans Nachfolgerin Johanna Wanka anschauen.

Johanna Wanka war zuletzt Bildungsministerin in Niedersachsen.
Johanna Wanka war zuletzt Bildungsministerin in Niedersachsen.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Arbeit habe ich mir in der Bibliothek bestellt. Ein Fachmann aus der Mathematik hat sich bei mir schon gemeldet. Es ist auch schon ein Interessent vorhanden, Wanka komplett prüfen zu lassen. Wenn die Finanzierung klappt, können wir darüber reden. Die Summe wird individuell verhandelt.

Im Gegensatz zu den bisherigen Dokumentationen ist PolitPlag eine kommerzielle Plattform. Wie genau funktioniert die Finanzierung?

Jeder Bürger kann uns engagieren. Das läuft über eine Art Schwarmfinanzierung. Wir warten auf die entsprechende Geldsumme, dann beginnen wir mit der Arbeit.

Eine Voruntersuchung kostet 500 Euro, jeder weitere Arbeitstag eines Plagiatsuchers laut Ihrer Preisliste ebenfalls 500 Euro. Werden Sie reich damit?

Wenn's passiert, wäre ich glücklich, aber ich sehe meine Aufgabe eher darin, der Gesellschaft zu dienen. Wir machen seit November 2011 einen niedrigen vierstelligen Umsatz pro Monat.

Auf Politplag.de ist eine Liste von Politikern, die Sie derzeit ebenfalls untersuchen. Darunter befinden sich auch die Minister Philipp Rösler, Ursula von der Leyen und Peter Ramsauer.

Die Arbeiten liegen zur Untersuchung bereit. Da gibt es aber noch nichts Druckreifes. Bei Ramsauer haben wir bereits erheblichen Geldeingang, da ist die Prüfung schon fortgeschritten.

Haben Sie schon was gefunden?

(lacht) Das ist work in progress. Darüber möchte ich nicht sprechen. Man kann sich nie sicher sein, dass man nicht doch noch was findet.

Merkel promovierte 1986 zum Thema "Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden".
Merkel promovierte 1986 zum Thema "Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden".(Foto: picture alliance / dpa)

Also muss einer der drei im Wahljahr schlechte Nachrichten befürchten?

Wenn wir noch einen Plagiator finden würden in dieser Legislaturperiode, wäre ich bis aufs Knochenmark erschüttert. Wir haben bei nur 15 Bundesministerien schon in zweien Ministerwechsel aufgrund von Plagiatsfällen gehabt. Dieses zweite Kabinett Merkel wird in die Geschichte eingehen als Kabinett der Plagiatoren. Man muss schon sagen: Wir Plagiatssucher haben da kräftig mit rumgewühlt.

Was ist eigentlich mit Merkels Dissertation?

Uns wurde vor etwa einem Jahr eine Prämie ausgelobt …

… angeblich im fünfstelligen Bereich.

Wir haben schon Vorarbeit geleistet, aber wir können auch nicht alle Fälle der Republik lösen. Wir sind nur ein kleines Team von vier Leuten und etlichen Helfern, die einfache Arbeiten ausführen.

Aber ein Plagiatsfall Merkel wäre für Sie doch der Glücksfall.

(lacht) Ja, aber für diese Arbeit braucht man Personal. Die Überprüfung wurde bereits an einen Experten übergeben und der meinte, er bräuchte einen noch spezialisierteren Experten als ihn.

Martin Heidingsfelder (47) ist Diplom-Kaufmann. In den 80ern spielte er American Football. Seit 2011 arbeitete der Franke auf den Plagiats-Webseiten VroniPlag Wiki, SchavanPlag Wiki und PolitPlag.
Martin Heidingsfelder (47) ist Diplom-Kaufmann. In den 80ern spielte er American Football. Seit 2011 arbeitete der Franke auf den Plagiats-Webseiten VroniPlag Wiki, SchavanPlag Wiki und PolitPlag.(Foto: Martin Stollberg)

2005 haben Sie die Aktion "Angela? Nein danke" gegründet, um die schwarz-gelbe Koalition zu verhindern. Sie waren Mitglied der SPD, inzwischen sind Sie Pirat. Wie unabhängig kann jemand wie Sie ihre Promotion untersuchen?

Ich organisiere die Arbeit ja erst einmal nur und prüfe nicht jede Dissertation persönlich. Oft suche ich nur den Experten auf dem jeweiligen Fachgebiet.

Trotzdem stehen Sie mit Ihrem Namen dafür ein.

In meinem Team ist auch eine CSU-Professorin und ein grüner Professor. Ja und?! Wenn ich einen Politiker persönlich kenne, der bei uns angezeigt wird, bin ich befangen und gebe es an einen Kollegen ab.

Zu Fall gebracht haben Sie bisher vor allem Politiker aus Union und FDP. Ist das Zufall?

Ja, das ist Zufall. Fälle wie Guttenberg habe ich ja nicht als erster entdeckt, sondern mich der Suche angeschlossen. Wenn jemand etwas findet, dann bringt er den Fall zu Fachleuten, zu Vroniplag Wiki, zu mir oder zu anderen.

Was glauben Sie, wieso bisher vor allem Politiker aus bürgerlichen Parteien enttarnt wurden?

Das zeichnet sich ab, ja, aber es ist nicht sicher. Ich sag immer: Wenn das Bier umsonst ist, saufen die Roten auch (lacht).

Wie gut können Leute Plagiate suchen, die selbst nicht promoviert haben?

Dazu gibt es eine gute Aussage der Uni Düsseldorf zum Fall Schavan. Auf deren Webseite steht meiner Erinnerung nach: Wenn es um inhaltliche Dinge geht, wäre das relevant. Die Regeln sind für alle Fächer gleich. Ein Plagiat erkennt man durch Vergleich von Texten. Dazu muss man nicht ein spezielles Fach studiert oder promoviert haben. Bei Jürgen Goldschmidt, dem FDP-Bürgermeister in Forst, hat sogar jemand ohne Abitur 2011 erhebliche Plagiate gefunden.

Wäre es nicht trotzdem sinnvoll für Ihre Arbeit, wenn Sie selbst promoviert hätten?

Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich das tun. Ein Angebot zu promovieren, liegt mir vor, aber das ist nicht ganz ohne.

Mit Martin Heidingsfelder sprach Christian Rothenberg

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Quelle: n-tv.de

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