Politik
Beppo Grillo.
Beppo Grillo.(Foto: Reuters)

Grillo mischt Italien auf: Der Ein-Mann-Shitstorm

Von Jan Gänger

In Europas Hauptstädten gilt es als Horrorszenario: Silvio Berlusconi gewinnt die italienischen Parlamentswahlen. Doch neben der Rückkehr des "Cavaliere" droht eine weitere, unterschätzte Gefahr. Komiker und Populist Beppe Grillo zieht die Massen an – und aus Spaß könnte plötzlich Ernst werden.

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Er lehrt die etablierten Politiker in Italien das Fürchten: Getragen vom Frust vieler Landsleute ist der Komiker Beppe Grillo auf dem besten Wege, mit seiner Protestbewegung "Fünf Sterne" bei der Wahl am Sonntag und Montag ein starkes Ergebnis zu erzielen. Demoskopen trauen ihm zu, bis zu 20 Prozent der Stimmen zu gewinnen. Er spricht vielen Italienern aus der Seele, wenn er Korruption, Vetternwirtschaft, Verschwendung, zu hohe Steuern und den Euro anprangert.

Seine wüsten Beschimpfungen, sein beißender Spott und sein Populismus richten sich gegen die verachtete Politikerkaste und jede Partei. Grillo wirkt dabei wie die Anti-These zum dauergebräunten Silvio Berlusconi, der von ihm als "Psycho-Zwerg" verspottet wird.

Seit Wochen zieht Grillo in einer "Tsunami-Tour" genannten Kampagne von einer Piazza zur anderen und schimpft und ätzt – angesichts der Zustände in Italien mit großem Erfolg. Grillos 2009 gegründete Initiative hatte im vergangenen Jahr bereits die Bürgermeisterwahl in Parma gewonnen, wurde dann Siziliens stärkste Regionalpartei und bekommt mehr und mehr Zulauf. Ob in Mailand, Turin oder Rom; Grillo begeistert Zehntausende. Auf der Bühne lässt er seiner Wut freien Lauf – und das wortgewaltig. Grillo ist der fleischgewordene Shitstorm. Er wütet und tobt, schreit und flucht. Die gnadenlosen Pointen sitzen.

Autoritärer Stil

Das ist überaus unterhaltsam. Doch zeigt sich in den Auftritten auch eine unschöne Gemeinsamkeit mit Berlusconi, den Grillo so sehr verachtet. Wie der ehemalige Ministerpräsident, ist er im Grunde ein populistischer Gaukler mit einem Hang zur Selbstdarstellung. Dazu kommen bei Grillo verstörende Positionen – gepaart mit einer schlichten Weltsicht und dem Ruf nach einfachen Lösungen. Nimmt man ernst, was er in seinen aggressiven Polemiken äußert, wird es schnell beunruhigend.

So fordert Grillo unter anderem, dass sich "schuldige Politiker" in "Volks-Prozessen" vor Bürgern verantworten müssen – und nicht etwa vor ordentlichen Gerichten, sondern auf öffentlichen Plätzen. "Es gibt kein Vergeben in einer Volksbewegung", sagt Grillo. Zudem hält er es auch für eine gute Idee, 10.000 Politiker zu verhaften und in ein Fußballstadion zu sperren, bis sie "die Beute, die sie von uns Steuerzahlern geraubt haben" zurückzahlen.

Die von ihm ins Leben gerufene "Bewegung" – er zieht diese Bezeichnung dem Begriff Partei vor – führt er autoritär. Grillo kandidiert allerdings für kein Mandat. Der Grund: Er hatte in den achtziger Jahren einen Autounfall verursacht, bei dem drei Menschen starben, und wurde daraufhin wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. "Fünf Sterne" fordert jedoch, dass sich in Italien kein Vorbestrafter um ein politisches Amt bewerben darf. Grillo hält sich daran.

Doch wer in seinem Namen gewählt wird, hat sich an seine Anweisungen zu halten. Der Autokrat duldet keinen Widerspruch und zieht die Fäden. Ende vergangenen Jahres warf er eine Gemeinderätin aus Bologna und eine Kongressabgeordnete der Region Emilia hinaus, die sich über mangelnde politische Debatten innerhalb der "Fünf Sterne" beschwert hatten.

Finstere Mächte

Überhaupt scheint der 63-Jährige auch in Sachen Frauen dem Machismo Berlusconis viel näher, als es seine Anhänger wahrhaben wollen. Das Zerwürfnis mit der Gemeinderätin aus Bologna hatte in dieser Gedankenwelt gewissermaßen ein Vorspiel: Federica Salsi hatte sich nicht an die Anweisung Grillos gehalten, nicht im Fernsehen aufzutreten. Er bestimmt, wer in welchen Medien stattfindet. Und darum findet dort in der Regel nur er selbst statt.

Nachdem die Gemeinderätin trotzdem an einer Politik-Talkshow teilgenommen hatte, ereiferte sich Grillo über die Verlockungen von Auftritten im Fernsehen, die bei einigen wohl "wie der G-Punkt für Orgasmen sorgen." Zu seinem Frauenbild gehört auch, dass der mit einer Iranerin verheiratete Grillo völlig ironiefrei lobende Worte über das iranische Gesellschaftsmodell findet, in dem die Frau im Zentrum der Familie stehe.

Damit nicht genug. Grillo scheint einen Hang zu Verschwörungstherorien zu haben. So geht er beispielsweise davon aus, dass der Bürgerkrieg in Syrien von ausländischen Spionen ausgelöst wurde, die Assad stürzen wollen. Oder er fabuliert von einer jüdischen Agentur, die "alles, was wir in Europa über Israel und Palästina wissen", filtere. Er traut Israel zu, einen dritten Weltkrieg auszulösen.

Ähnlich befremdlich ist seine Interpretation der europäischen Schuldenkrise. Auch hier sieht er finstere Mächte am Werk. Grillo hält die hohen Zinsen, die Italien für Staatsanleihen zahlen muss, für das reine Werk von Spekulanten. Ausländische und heimische Banken würden sie absichtlich in die Höhe treiben, um möglichst viel Geld an Italiens Verschuldung zu verdienen. Ministerpräsident Mario Monti sei nur installiert worden, um den Bankrott abzuwenden und dafür zu sorgen, dass deutsche und französische Banken ihr Geld zurückbekommen.

Grillo denkt laut darüber nach, dass Italien die Eurozone verlassen sollte. Wie er einen solchen Schritt bewerkstelligen will und wie er mit den Folgen umgehen würde, darüber schweigt sich Grillo aus. Er prangert die wirtschaftliche Misere Italiens an, doch von ihm sind lediglich Plattitüden und keine Lösungsansätze zu hören. Wie er die Verschuldung des Staates abbauen will? Durch Einsparungen. Wo er wie viel Geld einsparen will, verrät Grillo nicht.

Und doch ist Grillo in Italien ungemein populär. Denn er gibt der Wut auf die politische Klasse des Landes und der Frustration angesichts der Wirtschaftsmisere eine pointierte, laute Stimme. Viele Italiener wollen die bisherigen Politiker nicht mehr ertragen. Es wäre wünschenswert, dass sie sich dennoch genau überlegten, wodurch sie diese ersetzen wollen.

Quelle: n-tv.de

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