Politik
Hertha-Fan Helmut Klopfleisch im März 1979 in Prag.
Hertha-Fan Helmut Klopfleisch im März 1979 in Prag.(Foto: dapd)

Rummenigge-Trikot unterm Jackett: Der Fan, der zum Staatsfeind wurde

Von René Wiese

Er geht an die Mauer, um die Spiele von Hertha BSC wenigstens zu hören. Er reist ins sozialistische Ausland, um die Mannschaft der Bundesrepublik spielen zu sehen. Nach der Rückreise aus Prag droht ihm die Festnahme. Doch Helmut Klopfleisch kommt davon. "Franz Beckenbauer war meine Lebensversicherung."

In der Warteschlange an der Grenzübergangsstelle Friedrichstraße bekommt Fritz Scherer Muffensausen. Es ist ein kalter Winterabend im Jahre 1981, und der Präsident des FC Bayern München hat einen Auftrag zu erledigen. Er muss ein Trikot übergeben, Karl-Heinz Rummenigge hatte es ein halbes Jahr zuvor beim Europapokalspiel bei Banik Ostrava dem DDR-Bürger Helmut Klopfleisch versprochen, für dessen Sohn. Einige Minuten später klingelt Scherer an Klopfleischs Wohnungstür in Ost-Berlin. "Er kam in den Flur hinein", erzählt Klopfleisch. "Wir haben schnell die Tür zugemacht. Und zu unserer Verwunderung fing er im Flur an, mehr als nur seine Garderobe abzulegen. Er hat seine Jacke ausgezogen und sein Jackett. Unter dem Pullover hat er das Originaltrikot von Kalle Rummenigge gehabt, vom FC Bayern mit der Nummer 11 hinten drauf. Und dann hat er gesagt: 'Na ja, wir haben es ja damals versprochen!'"

Bis zu diesem Abend, an dem der Präsident des FC Bayern München ein Trikot über die innerdeutsche Grenze schmuggelt, ist viel passiert in Helmut Klopfleischs Leben. 1948 ins Nachkriegselend hineingeboren, ist er schon früh zum Fußballfan geworden. Als Sechsjähriger ist er Balljunge auf dem Hertha-Sportplatz "Plumpe", der direkt an der Zonengrenze im Westteil Berlins liegt, später wechselt er auf die Stehränge. Der Mauerbau 1961 hindert ihn, der mit seiner Familie im Ostteil Berlins lebt, am Stadionbesuch, nicht aber daran, dabei zu sein, wenn Hertha ein Heimspiel hat. An solchen Tagen ist er einer von denjenigen Fans aus Ost-Berlin, die sich an der provisorisch gezogenen Mauer an der Bornholmer Straße im Prenzlauer Berg versammeln, um den Geräuschen des Spiels, dem Raunen und dem Jubel der Zuschauer auf der anderen Seite der Mauer zu lauschen. Ein paar Spiele lang geht das so, dann treibt die Volkspolizei die Fans auseinander. "Und ich als kleiner Piepel mittendrin."

Helmut Klopfleisch 2011 in seiner Heimatstadt Berlin.
Helmut Klopfleisch 2011 in seiner Heimatstadt Berlin.(Foto: dapd)

An solchen Spieltagen knüpft er die ersten Kontakte. Denn schon haben sich die Hertha-Anhänger im Osten Berlins organisiert, treffen sich als Tipp-Verein getarnt in Lokalen, tauschen Informationen, die West-Zeitschriften "Kicker" und "Fußball-Woche" kursieren. Den Kontakt zum Verein halten die älteren Herthaner aus Ost-Berlin, die als Rentner zwischen den Stadtteilen pendeln dürfen und die Fanpost aus dem Osten zur Geschäftsstelle bringen. Und immer wieder schauen Spieler, Trainer und Funktionäre der Hertha bei den Fans im Ostsektor vorbei. Kaum einer der Herthaner bleibt unbeeindruckt von der Leidenschaft und von der Beharrlichkeit des jungen Helmut Klopfleisch.

Glücksbringer für Helmut Schön

In den 1970er Jahren entdeckt Klopfleisch das Reisen. Schon 1971 fährt er zum Länderspiel Polen gegen die Bundesrepublik in Warschau. Dort überreicht er dem Bundestrainer und ehemaligen Hertha-Spieler Helmut Schön einen Berliner Bären als Glücksbringer und gehört später zu jenen 1303 DDR-Fans, die wegen ihrer lautstarken Sympathiebekundungen für die westdeutsche Nationalelf für helle Aufregung im SED-Politbüro und im Ministerium für Staatssicherheit sorgen. Denn dort hat man nicht damit gerechnet, dass DDR-Fußballfans massenhaft ins Ausland reisen könnten, nur die internationalen Sportveranstaltungen in der DDR werden intensiv überwacht. Das ändert sich nun, die Überwachung der "feindlichen Personengruppe" wird beschlossen.

Doch noch ist Klopfleisch nicht im Visier der Staatssicherheit. Auch weil er seine Reisen umsichtig plant. Er meidet die einschlägigen Grenzübergänge, versteckt seine Fanutensilien im Auto und tarnt die Fußballfahrt als Familienurlaub mit Frau und Kind. Informationen zu Anstoßzeiten, Eintreffen und Training der Mannschaften oder Kartenverkauf hat er sich zuvor über Freunde aus dem Westen besorgt. Oft genug hat Klopfleisch damit Erfolg. Als Hertha BSC 1979 im Europapokal-Viertelfinale bei Dukla Prag antreten muss, besucht er die Mannschaft im Hotel und macht mit ihr eine Stadtrundfahrt. Die Nähe zu den Spielern und seine blau-weiße Fankleidung lassen ihn wie einen Fan aus dem Westen wirken, das schützt ihn vor der Entdeckung durch die Staatssicherheit.

"Klopfleisch war da!"

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Noch. Denn Klopfleischs Leidenschaft für den Fußball ist dem Ministerium schon länger bekannt, ebenso sein intensiver Briefkontakt zu den Stars der Bundesliga. Also lässt ihn die Stasi zu Spielen von westdeutschen Mannschaften in der DDR, wie etwa Dynamo Dresden gegen Hertha BSC im Jahre 1978, erst gar nicht mehr fahren. Aber bei Spielen im Ostblock ist er vorsichtig gewesen, in der Masse der DDR-Fußballfans ist er bis dahin unerkannt geblieben. Das nutzt er aus, im Jahre 1980 dokumentiert seine Super-8-Kamera den Besuch des Länderspiels in Sofia zwischen Bulgarien und der Bundesrepublik. Mit seiner Familie ist er zuvor schon mehrere Male in den Ostblock gereist, um die westdeutsche Nationalmannschaft zu sehen. Wie immer findet er auch dieses Mal den direkten Kontakt zu den bundesdeutschen Stars. Spieler Pierre Littbarski wird sich später erinnern: "Überall, wo wir im Ostblock gespielt haben - Klopfleisch war da!"

Im Nationalteam ist er mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund. 1982 schickt Littbarski eine Postkarte mit den Unterschriften aller Nationalspieler aus dem spanischen WM-Quartier an Klopfleisch. Allein, sie kommt nie bei ihrem Adressaten in Ost-Berlin an. Denn 1981, im Alter von 33 Jahren, ist er zum ersten Mal vom MfS verhaftet und über seine Fahrten in den Ostblock befragt worden. Nur kurze Zeit später wird er Opfer einer unbedachten Super-8-Film-Aktion aus einem Ostrauer Hotelfenster am Spieltag der Europapokalbegegnung zwischen Banik Ostrava und dem FC Bayern München.

Zum FC Bayern hat Klopfleisch in den Jahren zuvor, ähnlich wie zu Hertha BSC und der Nationalmannschaft, intensive Kontakte aufgebaut. Auf Einladung des FC Bayern wohnt er im Mannschaftshotel und filmt mit seiner Kamera zufällig, wie tschechische Polizisten mit Schlagstöcken gegen DDR-Fans vorgehen, die in der Hoffnung auf Souvenirs und Eintrittskarten den Hoteleingang blockiert haben. "Das Vorgehen der Milizionäre wurde nach Feststellung der Miliz und eingesetzten Beobachter durch eine männliche Person mit Schmalfilmkamera vom Fenster des Hotelzimmers aus gefilmt.", rapportiert ein MfS-Bericht über das Spiel in Stasi-Akte Klopfleischs. Von dieser Kamera-Aktion aufgeschreckt, gerät er nun unter intensive Beobachtung. Klopfleisch und seine Familie fahren "zum Spielbesuch mit eine PKW Tatra mit csl. Kennzeichen im Stadion vor. Überprüfungen durch das Bruderorgan ergaben hierzu, daß dieser PKW einem Dienstleistungsbetrieb in Ostrava" gehört, vermelden die Spitzel. Die Erkennungsmaschinerie des MfS läuft nun auf Hochtouren.

Verhöre im Stasi-Knast

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Zurück in Ost-Berlin wird er ein zweites Mal verhaftet und mehrere Tage lang im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen verhört. Klopfleisch hat Angst, gibt aber seine Verbindungen nicht preis. Er will keine anderen Fans oder die Ostmitglieder der Hertha belasten, gebetsmühlenartig fragt er: "Was habe ich denn verbrochen?" Die Vernehmer interessieren vor allem seine Kontakte. Klopfleisch antwortet stets: "Ich bin immer allein gefahren mit meiner Familie oder ganz alleine." Die Stasi misstraut der "Einzeltäter"-Darstellung, eine "Operative Personenkontrolle" (OPK) soll Klarheit bringen. "Für die Dauer von einem Jahr wurde K. durch den Entzug des Personalausweises vom visafreien Reiseverkehr ausgeschlossen. Zur Kontrolle der Verbindungen wurde zur Familie K. eine Kontrolle der Abt. M eingeleitet." Herauszufinden sei, ob "K. dazu beiträgt, das Ansehen der DDR bei internationalen Sportveranstaltungen im sozialistischen Ausland herabzuwürdigen." Klopfleischs Post wird nun vollständig überwacht, seine Besuche kontrolliert. Und was vielleicht für ihn persönlich am schwierigsten ist, er muss vorläufig auf Fußballreisen in den Ostblock verzichten. Als Ersatzdokument erhält er das PM 12, einen vorläufigen Personalausweis, der normalerweise Kriminellen zugedacht ist. Helmut Klopfleisch wird zum Staatsfeind.

Die MfS-Abteilung M, die für die Überwachung des Briefverkehrs zuständig war, stellt wenig später fest, dass Klopfleisch "umfangreiche postalische Verbindungen nach der BRD und WB", also West-Berlin, unterhält und mit "ca. 30 Personen unterschiedlicher Identität in postalischer Verbindung" steht, darunter auch "Spieler der BRD-Bundesliga". Plötzlich geraten auch die prominenten West-Berliner und westdeutschen Besucher Klopfleischs ins Fadenkreuz des MfS. Wolfgang Holst, der Hertha-Präsident, und sein Amtskollege vom FC Bayern Fritz Scherer gehören dazu.

Helmut Klopfleisch (r.) mit dem ehemaligen Hertha-Präsidenten Wolfgang Holst, Ende der 70er Jahre.
Helmut Klopfleisch (r.) mit dem ehemaligen Hertha-Präsidenten Wolfgang Holst, Ende der 70er Jahre.(Foto: dapd)

Die Identifikation der Prominenz macht dem MfS augenscheinlich anfangs Probleme, vor allem der Besuch Fritz Scherers bereitet der Stasi großes Kopfzerbrechen. Ist Scherer tatsächlich mit einem unter dem Pullover geschmuggelten Bayern-Trikot nach Ost-Berlin zur Familie Klopfleisch gefahren? Solche Mühen für einen einfachen DDR-Bürger? Der Staatssicherheit fehlt es an Fantasie, sich vorzustellen, wie Klopfleisch ein solch individuelles Netzwerk an persönlichen und intensiven Kontakten zur westdeutschen Fußballprominenz wie Littbarski, Breitner, Matthäus oder Beckenbauer knüpfen konnte. Das verblüffte MfS vermutet also mehr, stößt aber in Verhören bei Klopfleisch auf Granit. Wolfgang Holst bekennt später: "Ich hatte oft Angst um Klopfleisch, da dieser ein Mensch ist, der sich klar und laut äußerte. Dieser Mut hat mich sehr beeindruckt." Obwohl die Staatssicherheit seinen Spielraum nun mehr und mehr einschränkt, versucht er weiter die Spiele im Ostblock zu besuchen und deutsch-deutsche Begegnungen in der DDR zu sehen. Das gelingt ihm immer seltener. 1982 schaut er gemeinsam mit Paul Breitner, dem Weltmeister von 1974, das Europapokalspiel in Ost-Berlin zwischen dem BFC Dynamo und dem Hamburger SV, andere Spielbesuche in den kommenden Jahren fallen der Stasi-Beobachtung zum Opfer. Kündigten sich deutsch-deutsche Fußballbegegnungen in der DDR an, wird er, wie 1984 beim Sportkalenderspiel zwischen dem 1. FC Magdeburg und Borussia Mönchengladbach, vorsorglich auf das Volkspolizeirevier bestellt, um nicht zum Spiel fahren zu können.

"Franz Beckenbauer war meine Lebensversicherung"

Im Jahre 1985 fährt er zum letzten Mal in den Ostblock zum WM-Qualifikationsspiel der bundesdeutschen Nationalmannschaft gegen die CSSR nach Prag. Der nun ständig überwachte Klopfleisch wird schon auf seiner Rückreise an der Grenze festgehalten und abermals verhört. Dass er dem Teamchef Franz Beckenbauer in Prag einen Stoffbären überreicht hat, wird ihm fast zum Verhängnis. Dann aber reagiert Klopfleisch gedankenschnell und kontert mit einer Drohung. Falls man ihn und seine Familie nicht sofort freiließe, stünde das morgen im Westen überall in der Zeitung. Man lässt ihn ziehen. Wie er selbst heute sagt, war "Franz Beckenbauer meine Lebensversicherung".

Doch gegen Ende der 1980er Jahre ist er der Repression müde geworden. Da das MfS mittlerweile um die Kontaktfreudigkeit Klopfleischs weiß, wird er sogar bei Staatsbesuchen oder Parteitagen rund um Uhr observiert. Von den jährlichen Weihnachtsfeiern der Herthaner Ostgemeinde zieht er sich vorsorglich zurück, um die Gruppe nicht in Gefahr zu bringen. Und dann nimmt die Staatssicherheit auch noch Kontakt zu Klopfleischs Sohn auf, er soll als Inoffizieller Mitarbeiter geworben werden, um das MfS über die Freizeitinteressen des Vaters "aufzuklären" und die "Abwendung von Rowdytum und Schädigung des Ansehens der DDR im Ausland zu realisieren". Der Sohn weigert sich, darf fortan nicht mehr Fußball spielen und findet keine Lehrstelle. Klopfleisch resigniert und stellt einen Ausreiseantrag, im Jahr 1986. Es folgen zwei Jahre mit wiederholten Ausreiseanträgen, es gibt Querelen um den Verkauf eines Grundstücks, die Warterei zermürbt die Familie. Dann, im Sommer 1989, darf Klopfleisch mit seiner Familie ausreisen.

Kaum ist er im Westen, schaut er sich all die Stadien an, die er nur von Postkarten und Fotos kennt, die Bielefelder Alm und das Müngersdorfer Stadion. Und als Erstes kauft er sich eine Dauerkarte für die Spiele von Hertha BSC. "Im Olympiastadion sitzen, war ein tolles Gefühl". Fast wie damals, als kleiner Piepel in der "Plumpe".

Der Autor ist Sporthistoriker und Vorsitzender des Zentrums deutsche Sportgeschichte.

Quelle: n-tv.de

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