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Die Dienste in den Altenheimen sollen vorrangig abgesichert werden.
Die Dienste in den Altenheimen sollen vorrangig abgesichert werden.(Foto: picture alliance / dpa)

"Nicht nur an das Chillen denken": Der Freiwilligendienst lahmt

von Peter Poprawa

Der Bundesfreiwilligendienst kommt in der Gesellschaft nicht recht an. Erst 3000 statt der erwarteten 35.000 Freiwilligen finden den Weg zu den Wohlfahrtsverbänden. Die Arbeit zehntausender Zivis können sie nicht ersetzen. "Wir werden in ein Loch fallen", heißt es beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Man wird sich über die Runden retten müssen.

Das DRK wirbt in Berlin für den Freiwilligendienst.
Das DRK wirbt in Berlin für den Freiwilligendienst.(Foto: picture alliance / dpa)

Lässt man die nackten Zahlen sprechen, dann wird der neue Bundesfreiwilligendienst einen klassischen Fehlstart hinlegen. 35.000 Menschen jährlich sollen sich freiwillig melden für den Dienst an der Gesellschaft. Nicht einmal 3000 Verträge wurden bislang abgeschlossen und Familienministerin Kristina Schröder lässt die Zahl 35.000 jetzt als Zielmarke für das kommende Jahr festlegen. Sie räumte ein, dass das Engagement der Freiwilligen die Arbeit der Zivis nicht werde vollständig ersetzen können.

Von einem Holperstart spricht der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. Im Gespräch mit n-tv.de klagt Schneider darüber, dass in seinem Verband "erst 650 Verträge unterzeichnet" wurden. Bei der Caritas, der Diakonie oder dem Deutschen Roten Kreuz sieht es nicht besser aus. Schneider macht Zeitdruck dafür verantwortlich. "Die Wehrpflicht wurde von Verteidigungsminister zu Guttenberg für die meisten von uns völlig überraschend abgeschafft. Niemand war wirklich darauf vorbereitet", kritisierte er das Vorgehen des ehemaligen Ministers. Eine gründliche Vorbereitung auf einen Ersatzdienst sei damit unmöglich gewesen. Offenbar werden man erst 2012 analysieren können, ob der Freiwilligendienst eine Erfolgsgeschichte wird oder nicht.

"Es wird Qualitätsverluste geben"

Das Familienministerium gab das Motto aus, dass trotz aller Schwierigkeiten vor allem die Versorgung älterer Menschen in Pflegeheimen nicht gefährdet werden dürfe. Schneider sieht diese Vorgaben skeptisch und erwartet in diesem Jahr Versorgungsschwierigkeiten. Der Sozialstaat werde zwar nicht zusammenbrechen, die Bedürftigen würden es aber dennoch zu spüren bekommen. Bislang hatten jährlich etwa 60.000 junge Männer in Pflegeeinrichtungen gearbeitet, deren großes Gut Zeit war. Sie hatten Zeit für Gespräche am Krankenbett, konnten auf schwierige Kinder eingehen, die besonderer Zuwendung bedurften, oder – wie Schneider sagt – den "Rollstuhl einfach mal in die Sonne schieben". Dieser Qualitätsverlust könne kurzfristig gar nicht aufgefangen werden. "Wir werden in diesem Jahr in ein Loch fallen, aber wir hoffen, uns über die Runden retten zu können", so Schneider.

Ulrich Schneider: Wir müssen uns über das Jahr 2011 retten.
Ulrich Schneider: Wir müssen uns über das Jahr 2011 retten.(Foto: Paritätischer Gesamtverband)

Wo Stellen nicht besetzt werden, könnten nach Meinung von Peter Kosick vom Verein "Für soziales Leben e.V." möglicherweise Mitarbeiter auf 400 Euro-Basis eingestellt werden. Vor allem Alteneinrichtungen hätten schon beizeiten erkannt, was auf sie zukommen wird. Zudem hätten sich über 14.000 Zivis bereit erklärt, sich über das Ende der Wehrpflicht am 1. Juli hinaus zu engagieren.

Der BFD steht allen Bürgern offen

Der neue Bundesfreiwilligendienst bietet aber auch Chancen, die bislang noch gar nicht wahrgenommen wurden. Der Dienst steht nämlich nicht mehr nur jungen Männern offen. "Wir bekommen Anfragen von jungen Menschen, die gerade das Abitur gemacht haben und auf der Suche sind nach ihren Neigungen und Fähigkeiten. Es kommen aber auch Rentner, die noch rüstig sind und sich nützlich machen wollen. Es melden sich Arbeitslose, die nicht zu Hause herumsitzen wollen und sich über den BFD neue Einstiegschancen erhoffen. Es kommen sogar junge Frauen, die nach der Erziehungszeit den Wiedereinstieg in geregelte Arbeitszeiten erproben." Die Bandbreite der Interessenten ist offenbar riesig und deren Beweggründe für die Arbeit am Menschen vielfältig. Geld ist es nicht. Die Freiwilligen sind sozialversichert, bekommen aber in der Regel nur ein Taschengeld von höchstens 330 Euro im Monat – natürlich steuerfrei.

Interessenten kommen aus allen Schichten der Gesellschaft.
Interessenten kommen aus allen Schichten der Gesellschaft.(Foto: picture alliance / dpa)

Interessenten für den Bundesfreiwilligendienst können sich nach Angaben des Hauptgeschäftsführers jederzeit beim Paritätischen Wohlfahrtsverband oder einer adäquaten Organisation melden. In den Niederlassungen würden die Bürger beraten und gemeinsam nach einem Einsatzort gesucht. Dies könne der Kinderladen um der Ecke sein oder das Krankenhaus in der Kreisstadt. In diesem Fall wären sogar Unterkunft und vielfach auch Verpflegung mit im Angebot. Der Dienst kann sowohl in sozialen Einrichtungen, aber auch in den Bereichen Sport, Integration oder Kultur geleistet werden. Ulrich Schneider betont immer wieder die Freiwilligkeit.

Freiwillig und flexibel

Zur Flexibilität des Dienstes gehört auch seine Dauer von in der Regel einem Jahr. Er kann aber auch auf sechs Monate verkürzt oder auf maximal 18 Monate verlängert werden. "Haben wir beispielsweise einen Arbeitslosen angestellt, der schon nach kurzer Zeit ein Jobangebot bekommt, so kann er sofort den Dienst beenden und seine reguläre Arbeit antreten", berichtet Schneider. Der Dienst sei "wie gesagt freiwillig, aber ungemein wichtig".

Schröders Werbekampagne für den BFD begann erst Mitte Mai.
Schröders Werbekampagne für den BFD begann erst Mitte Mai.(Foto: picture alliance / dpa)

Verteidigungsminister Thomas de Maizière hatte es auf den Punkt gebracht: "Es ist gut, wenn Du überhaupt was tust und nicht nur an die Karriere oder an das Chillen denkst." Dem kann Schneider nur beipflichten: "Um diesen tollen Dienst an der Gesellschaft der Öffentlichkeit schmackhaft zu machen, müssen wir vor allem in die Schulen gehen." Unglücklich ist der Chef der Pritätischen jedoch darüber, dass die großangelegte Werbekampagne für den BFD erst jetzt greift. "Dummerweise genau zur Ferienzeit". Er hofft aber auf jene jungen Erwachsenen, die keinen Studien- oder Ausbildungsplatz mehr abbekommen haben. Der Bundesfreiwilligendienst wäre eine gute Alternative – und die Rollstühle müssten nicht drinnen bleiben.

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Quelle: n-tv.de

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