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Sonnenuntergang über Kairo.
Sonnenuntergang über Kairo.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Untergang der islamischen Welt: "Der Islam ist nicht reformierbar"

Hamed Abdel-Samad sieht schwarz für die islamische Welt. "In spätestens 30 Jahren, wenn die Ölquellen versiegen, werden sich die Konflikte verschärfen, die schon jetzt vorhanden sind", sagt er. "Dann wird die größte Völkerwanderung der Geschichte einsetzen - aus der islamischen Welt in Richtung Europa." Er hat nur eine minimale Hoffnung: Die islamische Welt muss sich radikal der Moderne zuwenden. Sein Buch "Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose" ist gerade sowohl in Deutschland als auch  in Ägypten erschienen.

n-tv.de: Der Untertitel Ihres Buches lautet "Eine Prognose". Wann ist es denn soweit?

Hamed Abdel-Samad: Wir sind gerade mitten drin. In der islamischen Welt gibt es keine kreative Wirtschaft, keine effektive Bildung. Die Geisteshaltung ist erstarrt. Der Prozess des Zerfalls, des Niedergangs, hat schon begonnen.

Ihnen fehlt im Islam die "faustische Seele". Aber vor 100 Jahren hätte vermutlich auch niemand darauf gewettet, dass Europa irgendwann an seiner Einheit bastelt, und im Mittelalter war die Aufklärung auch noch nicht vorhersehbar. Die Zukunft ist doch offen.

Hamed Abdel-Samad kam in Ägypten zur Welt und ging im Alter von 23 Jahren nach Deutschland.
Hamed Abdel-Samad kam in Ägypten zur Welt und ging im Alter von 23 Jahren nach Deutschland.

Ja, die Zukunft ist offen. Aber was ist nach dem Ende des europäischen Mittelalters passiert? Es gab eine Art Untergang und eine Wiedergeburt, eine Renaissance. Und vor 100 Jahren hätte man zumindest voraussehen können, dass sich die Demokratie in Europa durchsetzen wird, weil Europa auf dem Repertoire der Aufklärung aufbauen konnte. Die Gedanken waren da, die Ansätze waren da. Was fehlte, war ein Katalysator. In der islamischen Welt dreht sich der Reformprozess seit mehr als 120 Jahren im Kreis. Man geht einen Schritt in Richtung Moderne und dann zwei Schritte zurück.

Sie schreiben, Konsum ohne Kant führe zur Verwirrung. Was meinen Sie damit?

Viele denken, die Menschen in der islamischen Welt leben asketisch, religiös und abgeschottet. So ist es nicht. Sie haben sich der Moderne durchaus geöffnet - aber nur von der Konsum-Seite her. Sie kaufen die modernen Konsumgüter, haben aber ihren Geist nicht für die Gedanken geöffnet, die diese Konsumgüter zustande gebracht haben.

Konsum gibt es auch in Europa.

Aber in Europa gibt es mit den Gedanken der Aufklärung und des Humanismus einen Ausgleich! Diese Gedanken gibt es in der islamischen Welt nicht, und deshalb führt der Konsum dort zur Verwirrung, zur Verwahrlosung sogar. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Vor mehreren Jahren habe ich bei einer Konferenz in Deutschland einen ägyptischen Professor getroffen. Um vier Uhr nachts hat er im Hotel zum Gebet gerufen und die anderen Hotelgäste geweckt. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass er das nicht darf, sagte er, er übe lediglich seine religiöse Freiheit aus. Am nächsten Tag weigerte er sich, an einem Tisch Platz zu nehmen, an dem ein Kollege ein Bier trank. Der Mann war Erziehungswissenschaftler - er bildet Lehrer aus! Nach der Konferenz habe ich ihn zufällig in einem Laden getroffen, wo er einen iPod kaufen wollte, um darauf den Koran abzuspeichern. Dieses Bild - Koran auf iPod - zeigt das Dilemma der islamischen Welt: Man konsumiert, aber niemand fragt nach dem Hintergrund der Konsumgüter. Warum wurde der iPod nicht von einem Muslim erfunden?

Warum nicht?

Ich habe damals zu dem Professor gesagt: "Wissen Sie, warum es diesen iPod gibt? Weil jeder hier im Westen trinken darf, was er will." Ohne Freiheit, ohne freies Denken gibt es keine Kreativität. Das zählt. Es muss möglich sein, alles in Frage zu stellen - auch das Heiligste. In der islamischen Welt ist das absolut tabu.

Sie glauben nicht an die Reformierbarkeit des Islam.

Es gibt eine Kette, die das System Islam umspannt. Diese Kette besteht aus der Unantastbarkeit der Religion, dem Nichtinfragestellen der Herrschaft und den altarabischen Stammesstrukturen - Ehre, Stolz und so weiter. Die Reformer hatten niemals den Mut, diese Kette zu sprengen, obwohl sie längst verrostet ist. Stattdessen versuchen sie, die Kette in ihrer jeweiligen Lieblingsfarbe anzustreichen. Das sind die Reformprozesse, die wir bislang erlebt haben.

Das klingt sehr pessimistisch.

Der Islam ist nicht reformierbar, aber die Geisteshaltung der Muslime zum Islam ist reformierbar. Daran arbeite ich.

Wie wird die islamische Welt in 20, 30 Jahren aussehen?

In spätestens 30 Jahren, wenn die Ölquellen versiegen, werden sich die Konflikte verschärfen, die schon jetzt vorhanden sind. Was in Somalia, Afghanistan, Pakistan, Algerien und Sudan passiert, aus Mangel an Ressourcen und wegen regionaler Konflikte, werden wir dann in gesteigertem Maße erleben. Der Staat wird in den islamischen Ländern an Einfluss verlieren, die Gewalt wird privatisiert, das führt automatisch zu Bürgerkriegen. Dann wird die größte Völkerwanderung der Geschichte einsetzen - aus der islamischen Welt in Richtung Europa.

Haben Sie gar keine Hoffnung?

"Die Unantastbarkeit des Koran ist der größte Brocken."
"Die Unantastbarkeit des Koran ist der größte Brocken."(Foto: picture alliance / dpa)

Ich habe eine minimale Hoffnung, sonst hätte ich das Buch nicht geschrieben. Die islamische Welt muss einen drastischen Neuanfang wagen. Der schwere Koffer, der die islamische Welt daran hindert, den Weg in die Moderne zu beschreiten, muss weg. In diesem Koffer gibt es mehrere harte Brocken - der größte ist die Unantastbarkeit des Koran. Wir, die Muslime, müssen Abstand nehmen von den Ressentiments gegenüber dem Westen, wir müssen aufhören, nach Sündenböcken zu suchen. Wir müssen uns von unserer Selbstverherrlichung trennen, wir müssen die herrschenden Strukturen infrage stellen, Religion und Politik trennen. Wir müssen uns von einem bestimmten Gottesbild trennen - dieses Allmächtige, das nicht infrage gestellt werden darf, ist eine Schablone für die Diktatoren in der islamischen Welt geworden. Wir brauchen eine effektive Bildung, die auf freiem und kritischem Denken basiert, nicht auf Indoktrination. Wir brauchen eine Hinwendung zum weltlichen Wissen. Es gibt eine große Wissenschaftsskepsis in der islamischen Welt, die Leute empfinden Schadenfreude, wenn eine Raumfähre abstürzt oder wenn ein Genforscher an Krebs erkrankt. Das alles muss weg. Es würde einen radikalen Bruch mit der Tradition bedeuten. Nur: Wenn wir ihn nicht wagen, dann kommt ein anderer Bruch: der Zusammenbruch.

Welchen Ratschlag haben Sie für die europäische Gesellschaft im Umgang mit der islamischen Welt?

Wie der Westen mit der islamischen Welt umgeht, ist unsäglich. Vor wenigen Wochen haben die USA ein Waffengeschäft mit Saudi-Arabien über 60 Milliarden Dollar beschlossen. Damit sollen 750.000 Arbeitsplätze in Amerika gesichert werden. Na gut. Aber die Waffen, die Saudi-Arabien von Amerika kauft, werden irgendwann gegen den Westen verwendet werden. So war es bei Saddam Hussein, so war es bei den Taliban. Die westlichen Staaten sollten sich neue Verbündete suchen: Demokraten, die ihr Land öffnen wollen, Frauenrechtlerinnen, Künstler, Kinder - das ist die Hoffnung. Leider hat der Westen im Umgang mit Diktaturen eine Art strategische Ungeduld: Das Ziel sind schnelle Geschäfte und kurzfristiger Profit.

Und wie sollte Europa mit den Muslimen hier umgehen?

Hier in Europa sollte man von den Migranten verlangen, sich an die Spielregeln dieser Gesellschaft zu halten. Man muss schon an der Pforte Klartext mit ihnen reden. Menschen, die  einwandern, sind flexibel. Am Anfang sind sie zu allem bereit. Wenn man nach dem Muster verfährt, dass jeder nach seiner Fasson selig wird, dann enden wir nicht in Parallelgesellschaften, sondern auf verschiedenen Planeten. "Parallelgesellschaften" würde bedeuten, dass diese Gesellschaften synchron in eine Richtung streben und sich wenigstens im Unendlichen treffen. Aber die Gesellschaften, die wir heute hier haben, bewegen sich asynchron und haben wenig miteinander zu tun.

Sie sind gerade auf Lesereise. Wie ist das Feedback vom Publikum?

Ganz unterschiedlich. Natürlich gibt es Leute, die sich ärgern. Meist sind das gläubige Muslime oder linke Deutsche. Die haben eine ganz merkwürdige Beziehung zu einander. Aber ich bekomme auch viel positives Feedback, weil man merkt, dass ich die islamische Welt nicht aus einer Abneigung heraus kritisiere, sondern aus einer Zuneigung heraus. Die islamische Welt ist meine Heimat, das sind mein Vater, meine Mutter, meine Geschwister und Freunde in Ägypten und anderen Teilen der islamischen Welt. Ich kritisiere sie, weil ich sie mag, weil ich mir Sorgen mache um sie. Viele Leute, glaube ich, merken das.

Ihr Vater ist Imam in Ihrem Heimatdorf. Was sagt er zu Ihren Büchern?

Gerade in dieser Woche ist mein Buch auf Arabisch erschienen, mein Vater hat das erste Exemplar gleich nach dem Druck bekommen. Er hat es gelesen und ist sehr begeistert. Er hat seine Kritikpunkte, aber er weiß, was ich meine und was ich beabsichtige.

Ihr Buch ist in Ägypten erschienen?

Ja. Ich finde sehr wichtig, dass man nicht nur über die islamische Welt spricht, sondern auch mit ihr. In zwei Wochen fliege ich hin, um das Buch dort vorzustellen. Ich bin schon sehr gespannt.

Mit Hamed Abdel-Samad sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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