Politik
Florian und Egon entspannen nach Feierabend unter dem Blauen Wunder.
Florian und Egon entspannen nach Feierabend unter dem Blauen Wunder.(Foto: Robert Dakin)
Mittwoch, 23. August 2017

Auf ein Sixpack in Dresden: "Der 'Merkel muss weg'-Mist ist Quatsch"

Von Julian Vetten, Dresden

Gut jeder fünfte Sachse würde AfD wählen, wenn heute Bundestagswahl wäre. Die beiden Dresdner Unternehmer Florian und Egon haben Angst vor der Angst ihrer Mitmenschen - und fragen sich, wie man wieder in den Dialog miteinander kommt.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch das Land und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Dresden.

Wo ist das Gesicht zur Geschichte?

Politik ist für die meisten Menschen eine Privatangelegenheit, abseits vom Stammtisch darüber zu sprechen noch immer ungewöhnlich. Unsere Gesprächspartner in dieser Serie sagen ihre Meinung frei heraus, manche von ihnen befürchten aber, deswegen zum Thema für den Nachbarschaftstratsch zu werden - und bitten uns, auf Fotos zu verzichten. Wir respektieren diesen Wunsch.

Manchmal ist es schwer, sich an Neues zu gewöhnen - je fremdartiger, desto schwerer. Als die Loschwitzer Brücke 1893 fertiggestellt wurde, waren die Dresdner von ihrer Fremdartigkeit dermaßen schockiert, dass sie sich noch jahrelang über den gefühlten Makel in der Stadtlandschaft aufregten. Heute gilt das "Blaue Wunder" als eines der Wahrzeichen der Stadt: Die Dresdner sind stolz auf die elegante Brücke mit der ungewöhnlichen Form, führen ihren Besuch über sie oder trinken in ihrem Schatten am Elbufer Bier. So wie Florian und Egon, die mit einem Sixpack ihren Feierabend einläuten und über Gott, die Welt und die Angst vor Veränderung sprechen.

Das "Blaue Wunder" galt lange als Schandfleck in der Landschaft, heute ist die Brücke ein Dresdner Wahrzeichen.
Das "Blaue Wunder" galt lange als Schandfleck in der Landschaft, heute ist die Brücke ein Dresdner Wahrzeichen.(Foto: imago/blickwinkel)

"Wir können doch nicht die Augen vor der Realität verschließen: Die Flüchtlinge sind da und die meisten von ihnen werden auch nicht mehr gehen", sagt Florian und schiebt hinterher: "Und das ist auch gut so, die Aufnahme von Flüchtlingen bringt uns ja nicht nur als Gesellschaft, sondern auch wirtschaftlich weiter, jedenfalls wenn wir langfristig denken." Auch wenn der Endzwanziger mit Sneakers, lockeren Jeans und Longsleeve nicht dem archetypischen Bild eines Chefs entspricht, hat er als Arbeitgeber in einem mittelständischen Unternehmen einen durchaus pragmatischen Zugang zu den Konsequenzen der Flüchtlingskrise: "Unsere Bevölkerung altert rapide. Wenn wir unsere wirtschaftliche Stärke halten wollen, brauchen wir frisches Blut und aufgeweckte Köpfe aus dem Ausland."

Eine Lanze für die Bundeskanzlerin

"Du hast ja Recht", antwortet Egon seinem Kumpel, "aber wie willst du das denn den ganzen AfD-Wählern und Pegidisten klarmachen? Die hören dir doch gar nicht zu." Es klingt, als hätte Egon, der von sich selbst nur sagt, dass er als Unternehmer in der Fleischwirtschaft arbeitet, schon einschlägige Erfahrungen auf dem Gebiet gemacht. Mit viel Frust in der Stimme erklärt er sich: "Aufklärung ist das wichtigste Mittel gegen Fremdenfeindlichkeit. Aber wie willst du aufklären, wenn dir die, auf die es ankommt, nicht zuhören? Und das sind in der Mehrheit die Wähler der AfD, die ja wahrscheinlich in den Bundestag einzieht."

Zwischen 7 und 9 Prozent der Stimmen würde die AfD nach aktuellen Umfragen bekommen. Das ist zwar deutlich weniger als noch zu Beginn des Jahres, für Egon und Florian aber kein Grund zur Beruhigung, zumal die Zustimmungswerte in Sachsen deutlich höher liegen: 21 Prozent der Menschen in Dresden, Chemnitz & Co. würden ihr Kreuzchen bei der AfD machen, wäre heute Bundestagswahl. "Wie erreicht man diese Leute und erklärt ihnen die Tragweite der Flüchtlingsproblematik?", wundert sich Egon. "Mit Werbespots im Kino oder im Fernsehen vielleicht? Gemäßigte Politiker haben jedenfalls keine Chance, man sieht ja, wie die vom Pegida-Mob angegangen werden, wenn sie sich dahintrauen."

Die beiden Männer nehmen einen tiefen Schluck Bier und gucken dann so angestrengt auf ihre Flaschen, als ob die Lösung irgendwo im Gerstensaft verborgen sein könnte. "Das ist alles so bescheuert", sagt Florian nach einer längeren Pause. "Uns geht es doch grundsätzlich gut in Deutschland, vor allem, wenn wir uns mal in der Welt umschauen. Dieser ganze 'Merkel muss weg'-Mist ist doch völliger Quatsch." Findet auch Egon und bricht eine Lanze für die Bundeskanzlerin: "So etwas wie das Flüchtlingsproblem ist vorher noch nie da gewesen: Kein Politiker hätte das besser machen können. Die Kanzlerin sollte weiter an ihrem Kurs festhalten und sich von den Kritikern nicht beeindrucken lassen. Irgendwann in ein paar Jahren oder meinetwegen auch ein paar Jahrzehnten werden die Menschen dann zurückschauen und sagen: 'Jo, war ganz schön schwer, sich daran zu gewöhnen, aber es hat sich gelohnt.'"

Die beiden Kumpels leeren ihre letzten Flaschen und machen sich dann über das "Blaue Wunder" auf den Heimweg nach Loschwitz - über eine Brücke, die früher mal so fremdartig war und heute als Dresdner Wahrzeichen gilt.

Quelle: n-tv.de

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