Politik
Seit Ende September 2012 ist Steinbrück SPD-Kanzlerkandidat.
Seit Ende September 2012 ist Steinbrück SPD-Kanzlerkandidat.(Foto: dpa)

Steinbrücks ungewöhnlicher Wandel: Der gedrosselte Terrier

Von Christian Rothenberg

Während Kanzlerin Merkel auf Ischia Urlaub macht, ist SPD-Hoffnungsträger Steinbrück auf Ochsentour durch die Bundesländer. Nach dem schwierigen Start kämpft der Kanzlerkandidat um seine letzte Chance. Doch Steinbrück ist vorsichtiger geworden. Die Angst vor dem nächsten Fettnäpfchen ist groß.

Traute Zweisamkeit im Planschbecken
Traute Zweisamkeit im Planschbecken(Foto: dpa)

Um 12 Uhr mittags liegt Peer Steinbrück rücklings neben Antonia in einem Planschbecken mit Plexiglaskugeln. Nur einige Zentimeter trennen ihre Köpfe. Die 19-Jährige singt "Can you feel this love tonight" von Elton John. Der SPD-Kanzlerkandidat lauscht beseelt. Was ist dein Lieblingslied, fragt das Mädchen. "Lou Reeds 'Take a walk on the wild side'", sagt Steinbrück. Der intime Dialog auf der Bühne des Deutschen Theaters geht weiter. Welche drei Dinge er mit auf eine einsame Insel nehmen würde, will Antonia wissen. "Taschenmesser, Tolstois 'Krieg und Frieden' und eine Flasche Rotwein", sagt Steinbrück ohne nachzudenken. Die junge Schauspielerin bohrt nach. Welche Marke? Kein Kommentar. Welche Preisklasse? Steinbrück lacht, darüber rede er "nicht mehr".

Der Mann, der sich bei seiner eintägigen Länderreise in Berlin präsentiert, ist ein anderer als noch im Herbst, als die SPD ihn zum Kanzlerkandidaten kürte. Unvergessen ist die Aufregung um Steinbrücks Kommentare: Das Kanzlergehalt sei zu niedrig, es gebe einen Frauenbonus in der Politik, er würde keine Flasche Pinot Grigio für fünf Euro kaufen, und bei der Wahl in Italien hätten zwei Clowns gewonnen. So überzogen die Reaktionen teilweise auch waren: Geholfen haben die Bemerkungen sicher nicht.

Weniger Haudrauf, weniger Stolperer

Steinbrück besuchte junge Laienschauspieler im Deutschen Theater.
Steinbrück besuchte junge Laienschauspieler im Deutschen Theater.(Foto: dpa)

Selbst im Willy-Brandt-Haus wuchs Anfang des Jahres die Kritik. Wie soll dieser Mann noch glaubwürdig das Thema soziale Gerechtigkeit verkörpern? Die Partei reagierte Ende Februar. Mit Generalsekretärin Andrea Nahles und der bayerischen Parteisprecherin Jarmilla Schneider wurden Michael Donnermeyer, dem bisherigen Leiter von Steinbrücks Team, zwei Frauen zur Seite gestellt. Mit spürbaren Auswirkungen. Der Kanzlerkandidat hat seine Haudrauf-Rhetorik entschärft. Weniger markige Worte, weniger "Walk on the wild side": Stattdessen versucht Steinbrück ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl Stolperer zu vermeiden. Jeder weitere Ausrutscher, jede doppeldeutige Bemerkung könnte die Operation Rot-Grün nur zusätzlich gefährden. Steinbrück weiß inzwischen: Überall lauern Fallen, zum Beispiel in Form von Weinflaschen.

Die Probe im Deutschen Theater ist zu Ende. Die jungen Schauspieler zwischen 13 und 19 haben sich vor Steinbrück auf den Boden gesetzt. "Was habt ihr für Ängste?", fragt der Mann mit dem roten Schlips. Ein Junge sagt: "Ich habe Angst, es nicht zu schaffen, und am Ende zur unteren Seite des Eisbergs zu gehören." "Es gibt so viele Waffen, ein Knopfdruck könnte die ganze Erde zerstören", sagt ein anderer. Aber was fürchtet eigentlich der Mann, der im Herbst Angela Merkel ablösen will? Steinbrück legt die Stirn in Falten. Er spricht von Wohnvierteln, die mit Mauern abgeschottet sind, auf der einen Seite die Reichen, auf der anderen die Armen. Er sorge sich um "die innere Friedfertigkeit der Gesellschaft". Dass der Laden eines Tages "auseinanderfliege und wir uns alle an die Gurgel gehen".

"Gabriel schlägt Schaum"

Es sind düstere Sätze, die Steinbrück seit Monaten abspult und die im Moment auch gut zu seiner Partei passen. Die Aussichten, im Herbst die schwarz-gelbe Regierung abzulösen, sind im Moment bescheiden. Nicht nur bei den Sozialdemokraten ist die Stimmung daher angespannt, sondern auch zwischen den möglichen Koalitionspartnern. SPD-Chef Sigmar Gabriel unterstellte den Grünen zuletzt eine zu große Nähe zur Union. Cem Özdemir hielt sofort dagegen. "Gabriel schlägt Schaum", sagte der Grünen-Chef und warf den Genossen wiederum vor, notfalls wieder eine Große Koalition einzugehen.

Für Unruhe sorgte zuletzt auch der Berliner SPD-Landeschef Jan Stöß. Wenn es für Rot-Grün keine Mehrheit gebe, so der Parteilinke, könne sich Steinbrück auch im dritten Wahlgang mit den Stimmen der Linkspartei zum Bundeskanzler wählen lassen. Mit einer Tolerierung habe SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in NRW gute Erfahrungen gemacht. Und wieder knallte es daraufhin gehörig und diesmal in der eigenen Partei. "Mein Rat ist, mehr für die eigene rot-grüne Mehrheit zu tun, statt über Minderheitsregierungen zu schwadronieren", empfahl Gabriel dem Berliner. "Stöß soll sich lieber um seinen Landesverband und um den Flughafen kümmern. Da hat er genug zu tun", sagte Johannes Kahrs, Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD.

Steinbrück selbst versuchte die Debatte schließlich zu beenden, im Ton betont diplomatisch und versöhnlich. Er könne niemandem in der SPD seine Meinung verbieten, aber er habe mehrfach klargemacht, dass eine Minderheitsregierung für ihn nicht in Frage komme. "Insofern ist die Lage klar für die SPD", sagte Steinbrück. "Und das weiß auch Herr Stöß."

Das Problem mit der Glaubwürdigkeit

600 Zuschauer kamen zu "Klartext mit Peer Steinbrück" ins Tempodrom.
600 Zuschauer kamen zu "Klartext mit Peer Steinbrück" ins Tempodrom.(Foto: dpa)

Auch die Brunnenstraße im Westen Berlins ist ein Ziel von Steinbrücks Reise. Hier trifft er auf einige Gründer. Im anglo-amerikanischen Raum sei es leichter, an Gründungskapital für Start-up-Firmen zu kommen, sagt er im Gespräch mit ihnen. In den USA sei es zudem normal, mit neuen Unternehmen zwei oder drei Mal zu scheitern. "In Deutschland wird man sehr schnell zum Verlierer abgestempelt", sagt Steinbrück. Nach den hämischen Reaktionen auf seinen holprigen Start könnte man meinen, er meint sich selbst.

Im Willy-Brandt-Haus registriert man zufrieden, dass der Wahlkampf allmählich in ruhigeren Bahnen verläuft. Doch auch wenn Steinbrück Fettnäpfchen weitläufig zu umkurven versucht - in Umfragen kommen er und die SPD bisher kaum vom Fleck. Im direkten Vergleich liegt Steinbrück weit hinter Merkel zurück. Als sein größtes Problem bezeichnen Meinungsforscher ausgerechnet die Glaubwürdigkeit. Die Eigenschaft, die im Herbst noch als Steinbrücks große Stärke galt.

Nach den Besuchen bei Unternehmern und Schauspielern geht es weiter in den Ostteil der Stadt. Zum Termin im Industriekomplex Pfuelstraße ist Steinbrück zu Fuß unterwegs. Ein Dutzend Kamerateams und Fotografen drängeln sich um den Mann, der betont lässig den Mantelkragen aufrichtet und an seinem karierten Schal zupft. "Wer ist das?", fragt eine Frau, die gleich neben dem Pulk an einer Ampel wartet. "Das ist Peer Steinbrück", erwidert ihr Begleiter. "Der will die Eastside Gallery retten, um seine mauen Umfragewerte aufzupolieren."

Steinbrücks Tag endet nicht in trauter Zweisamkeit im Planschbecken und doch ähnlich, wie er begonnen hat. Seite an Seite und betont einträchtig bahnen sich Steinbrück und Berlins SPD-Chef Stöß ihren Weg zur Mitte des Saals. "Klartext mit Steinbrück" heißt die Veranstaltung im Berliner Tempodrom, mit der seine Länderreise endet. Hier will sich Steinbrück den Fragen der Wähler stellen.

Auf das Thema Steuerbetrug angesprochen, scherzt er: "Es gibt einen Mann, der hat ja mal von der Kavallerie gesprochen. Darüber haben sich viele aufgeregt." Vorsichtiger kann man es wohl nicht ausdrücken. So vorsichtig, dass die Zuschauer lachen müssen.

Quelle: n-tv.de

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