Politik
Gemeinsam die konservative Seele streicheln: Bundeskanzlerin Merkel hat sich für Koch und sein Buch Zeit genommen.
Gemeinsam die konservative Seele streicheln: Bundeskanzlerin Merkel hat sich für Koch und sein Buch Zeit genommen.(Foto: dpa)

Buchvorstellung mit Merkel und Koch: Der letzte Ritter der Konservativen

Till Schwarze

Roland Koch hat eine Mission: Die Rettung der Konservativen. Dafür hat er "Konservativ" geschrieben, eine Streitschrift, die seine Geistesgenossen aus der dunklen Ecke holen und ihnen Selbstbewusstsein geben soll. Weil das dringend nötig ist, stellt Kanzlerin Merkel das Werk vor.

Angela Merkel weiß, wie schlecht es um die Konservativen und ihre derzeitige Gefühlslage in der Union steht. Sie fühlen sich vernachlässigt, vom Zeitgeist und der Kanzlerin. Deshalb nimmt sie sich an diesem Montagmorgen volle zwei Stunden Zeit. Merkel will beweisen, dass ihr die Konservativen am Herzen liegen. Und welche Gelegenheit wäre da besser, als das Werk eines Vorzeigekonservativen der Union vorzustellen. "Konservativ" heißt das Buch von Roland Koch. Und wie der Titel unschwer erahnen lässt, hat der ehemalige hessische Ministerpräsident damit eine konservative Streitschrift vorgelegt. Sie soll Orientierung bieten und den verschmähten Konservativen neues Selbstbewusstsein einhauchen.

"Herzlichen Dank, dass es dieses Buch gibt", sagt Merkel bei der Vorstellung in einer Berliner Buchhandlung. Wer sich in der CDU den konservativen Wurzeln verpflichtet fühle, brauche nicht mit gesenktem Haupt umherzugehen. Das betont Merkel immer wieder, etwa wenn sie sich als "christlich-sozial, liberal und konservativ" bezeichnet. Doch wer wie sie das immer wieder erklären muss, beweist seine Defizite. Das weiß auch die Kanzlerin. Und deshalb fühlt sie sich Koch auch so sehr zum Dank verpflichtet. Denn er leistet das, was Merkel nicht zu geben vermag: dem Konservativen einen intellektuellen Überbau verleihen.

"Fröhlich in die Zukunft"

Kochs Mission ist die Rettung der Konservativen. Er weiß, dass diese Geisteshaltung in der Gesellschaft im Hintertreffen ist. "Der Begriff als solcher ist schon oft eine Hemmschwelle", sagt er. Viele Anhänger würden sich nicht trauen, sich dazu zu bekennen. Das will er ändern, ihn aus der dunklen Ecke holen. Denn Koch ist überzeugt, für einen großen, schweigenden Teil der Gesellschaft zu sprechen, wenn er konservative Werte und Überzeugungen benennt. Er wolle die Konservativen mit "fröhlichem Gesicht in die Zukunft führen", ihnen Orientierung geben. Die Konservativen seien zwar nicht der Nabel der Welt. "Wenn sie aber nicht mehr da sind, wird der Nabel nicht mehr in der Mitte sein."

Das Buch: "Konservativ. Ohne Werte und Prinzipien ist kein Staat zu machen.", Verlag Herder, 220 Seiten, 17,95 Euro.
Das Buch: "Konservativ. Ohne Werte und Prinzipien ist kein Staat zu machen.", Verlag Herder, 220 Seiten, 17,95 Euro.(Foto: REUTERS)

Je länger Koch spricht, desto deutlicher wird, dass seine Botschaft zumindest drei Adressaten hat. Zum einen die Konservativen selbst, die sich nicht allein gelassen fühlen sollen. Zum zweiten die Gesellschaft und seine Partei: "Die Konservativen leben noch", schreibt er. Das ist auch an die dritte Adresse gerichtet. Während seiner kurzen Ausführung richtet er immer wieder den Blick auf Merkel, die in der ersten Reihe sitzt. Sie wird die Botschaft verstanden haben, auch wenn sie nicht in allen Punkten mit Koch übereinstimmt.

Konservative Artikulationsprobleme

Denn auch wenn Merkel gekommen ist, um die konservative Seele zu streicheln und die Verdienste Kochs zu würdigen: Eine gewisse Distanz kann und will sie nicht verbergen. Es sei wichtig und gut, die Linien in der Arbeit von Koch vorzustellen. Zu eigen machen will sie sich die Gedanken des "konservativen Reformers" also nicht.

Zudem verteilt sie auch kleine Spitzen gegen Koch und sein Lamento von der Vernachlässigung der Konservativen. Sie könnten sich manchmal schlecht artikulieren, merkt die CDU-Chefin an. Es werde auch mehr darüber diskutiert, was konservativ ist, als über die christlich-soziale oder liberale Strömung. Und wenn, wie Koch schreibe, der Erhalt der Schöpfung ein zutiefst konservatives Anliegen sei, dann sollten die entsprechenden Vertreter das bitte schön auch so artikulieren. Das habe sie beim Thema Umweltschutz nämlich noch nicht allzu oft gehört.

Doch bemühen sich beide, solche Konflikte an den Rand zu drängen. Schließlich wollen beide dasselbe: Den Konservativen eine Heimat geben. Und da sind sie sich im Grundsatz bei den meisten Themen einig: Christliches Menschenbild, besonderer Schutz der Familie, Patriotismus, ein starker Staat, Bildungswille, Erhalt der Schöpfung, Integrationspflicht und bürgerliche Werte. Anhand dieser Themen übersetzt Koch seine Vorstellungen von Konservatismus in praktische Politik. Und in den meisten Fällen ist Merkel auch bereit, ihm zu folgen.

Und dann kommt Stuttgart 21

Keine Zukunft in der Politik: Koch wird definitiv nicht mehr in ein Kabinett von Merkel eintreten.
Keine Zukunft in der Politik: Koch wird definitiv nicht mehr in ein Kabinett von Merkel eintreten.(Foto: dapd)

Einig sind sich beide auch in der Definition eines modernen Konservatismus. In seinem Buch schreibt Koch darüber, bei aller notwendigen Veränderung bestimmte Werte und Traditionen zu erhalten: "Konservative haben sich also zuerst gewehrt. Sie waren gegen das gezwungene, künstliche Neue nur um des Neuen willen." Das Gute nicht über Bord zu werfen, dafür tritt auch Merkel ein. "Die Werte und Prinzipien bleiben erhalten, aber die Umstände, unter denen sie angewandt werden, ändern sich", erklärt sie.

Was denn aus solch konservativen Werten für den Streit um Stuttgart 21 folgt, wird Koch dann gefragt. Darauf will der Autor erst eigentlich nicht antworten, dass müssten sie in Baden-Württemberg entscheiden. "Das ist keine konservative Frage", betont Koch. Im Punkt der Verlässlichkeit dann allerdings doch. Da sieht er auch die Grenzen des Widerstands, wenn demokratisch legitimierte Entscheidungen infrage gestellt würden. "Da reiße ich Leitplanken ein und öffne der Willkür die Tür", sagt Koch. Merkel schweigt bei diesem Thema.

Auf ganz andere Umstände kommen die beiden dann noch aus einem weiteren aktuellen Anlass zu sprechen. Koch wurde zuletzt immer wieder als möglicher Nachfolger für den gesundheitlich angeschlagenen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble genannt. Solchen Spekulationen erteilt Koch allerdings eine definitive Absage. "Ich finde diese Diskussion angesichts der Lebensleistung und der Lage des Betroffenen unangemessen", setzt er an. Schäuble habe Anspruch auf eine andere Form des Umgangs. Und dann stellt er klar: "Ich habe mir gut überlegt, aus der Politik auszuscheiden. Ich werde diese Entscheidung nicht korrigieren." Merkel schweigt kurz, und stellt dann ebenfalls klar, dass Schäuble für sie nicht infrage steht. Vielleicht musste sie kurz über die Konsequenzen von Kochs Aussage nachdenken.

Roland Kochs Buch "Konservativ. Ohne Werte und Prinzipien ist kein Staat zu machen" erscheint am 7. Oktober. Bestellen können Sie es dann hier im n-tv Shop.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen