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Sechs, setzen!: Deutsche Schulen fallen durch

Alarmierende Ergebnisse bringt eine neue Studie zur Chancengerechtigkeit im deutschen Schulwesen. Trotz aller Appelle nach der Pisa-Studie vor zehn Jahren, ist Bildungserfolg noch immer sehr stark vom Elternhaus abhängig. Besonders schlecht ist die Situation in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Kinder aus sozial schwachen Familien haben nicht dieselben Bildungschancen wie Akademikerkinder.
Kinder aus sozial schwachen Familien haben nicht dieselben Bildungschancen wie Akademikerkinder.(Foto: picture alliance / dpa)

Auch zehn Jahre nach dem Pisa-Schock gilt die Chancengerechtigkeit in deutschen Schulen als ungenügend. Nach wie vor ist die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg extrem groß. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Dies geht aus dem ersten "Chancenspiegel" hervor, den das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zusammengestellt hat.

So haben Kinder armer Eltern oder von Migranten nach wie vor in allen Bundesländern deutlich geringere Chancen, nach der Grundschule ein Gymnasium zu besuchen, als Kinder von Akademikern. Besonders ausgeprägt ist diese Chancenungleichheit in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Die Abitur-Chancen von Akademikerkindern sind hier im Schnitt 5,1 mal größer als die von Kindern aus niedrigeren Schichten. In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen und Sachsen sind diese Chancen im Schnitt nur 2,5 Mal so hoch.

Untersucht wurden für den "Chancenspiegel" vier Bereiche, und zwar die Förderung von Lernbehinderten ("Integrationskraft"), die Chancen für Kinder aus bildungsfernen Schichten, das Abitur zu erwerben (soziale "Durchlässigkeit"), die Leistungen beim Lesen und Textverständnis ("Kompetenzförderung") sowie der Anteil von Schülern mit weiterführenden Abschlüssen und ihre Chancen auf dem Ausbildungsstellenmarkt ("Zertifikatsvergabe").

Jährlich 60.000 Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss

Trotz der seit 2009 auch für Deutschland geltenden UN-Konvention mit dem Rechtsanspruch von lern- wie körperbehinderten Kindern auf den Besuch einer "normalen" Schule (Inklusion) gibt es auch hier deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Während Berlin, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und auch Schleswig-Holstein hier inzwischen erste Fortschritte verzeichnen, liegen vor allem Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen noch weit zurück.

Weitere Ergebnisse: Während in Sachsen beispielsweise drei von vier Schülern die Chance haben, eine Ganztagsschule zu besuchen, ist das in Bayern nicht einmal jeder zehnte. In Baden-Württemberg, Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein müssen heute nur noch im Schnitt 1,7 Prozent der Schüler ein Schuljahr wiederholen, in Bayern, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind dies dagegen 4,5 Prozent. Das "Sitzenbleiben" gilt unter Schulforschern heute als "Griff in die pädagogische Mottenkiste" und ist verpönt.

Trotz mehrerer Reformzusagen der Kultusminister verlassen nach wie vor bundesweit pro Jahr über 60.000 junge Menschen die Schule ohne Hauptschulabschluss. Aber auch hier gibt es ein Gefälle zwischen den Bundesländern. Während Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt einen besonders hohen Anteil von Schulabgängern ohne Abschluss verzeichnen (im Schnitt 11,9 Prozent), sieht diese Quote in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen schon wesentlich besser aus (6,1 Prozent; Anteil an der entsprechenden Altersgruppe).

Keine Rangliste erstellt

Der Schulforscher Wilfried Bos: "Der Mindestanspruch von Schule muss sein, dass herkunftsbedingte Nachteile von Schülern während ihrer Schulzeit nicht noch verstärkt werden und sie so für ihr Elternhaus auch noch 'bestraft' werden." Von einer echten sozialen Förderung dagegen sei das deutsche Schulsystem jedoch noch meilenweit entfernt.

Das Gesamt-Fazit fällt ernüchternd aus: Kein Land erhält in allen Untersuchungsfeldern gute Noten. Allerdings ist auch kein Bundesland in allen Bereichen nur Schlusslicht. "Die Bundesländer sollten mehr voneinander lernen", sagte Stiftungsvorstandsmitglied Jörg Dräger. Der Nachholbedarf in Sachen sozialer Förderung sei extrem groß.

Ausdrücklich wird in der Studie auf ein Länderranking verzichtet. Gleichwohl gibt es für die Guten wie für die Schlechten jeweils in den unterschiedlichen Sparten ein "Plus" oder ein "Minus". Als einziges Bundesland schafft Sachsen zweimal ein "Plus". Ein "Minus" bekommt es dagegen wegen seiner hohen Schulabbrecherzahl und der niedrigen Abiturentenquote. Das Nachbarland Sachsen-Anhalt fällt als einziges Bundesland mit gleich dreimal "Minus" auf. Ein einziges "Plus" bekommt es für gute Schülerleistungen.

Quelle: n-tv.de

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