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Wenn neue Trassen ausbleiben: Deutschland droht die Strompreisspaltung

Die Hochspannungsleitungen, die Windstrom aus den Küstengebieten Deutschlands in den Süden der Republik leiten sollen, sind noch immer umstritten. Doch sollte man auf den Bau der Trassen verzichten, hat das Folgen: Im Süden wird der Strom teurer.

In Bayern und Baden-Württemberg drohen Verbrauchern bis zu zehn Prozent höhere Strompreise als im Norden der Republik. Das berichtet der "Spiegel". Das Magazin bezieht sich auf eine Studie, die von der EU-Kommission in Auftrag gegeben wurde. Darin untersuchten Strommarktexperten, welche Auswirkung eine Teilung des deutschen Elektrizitätsmarkts in eine nördliche und eine südliche Preiszone haben würde. Zu dieser Trennung werde die EU-Kommission Deutschland womöglich drängen, wenn die beiden geplanten Stromtrassen, die Windstrom vom Norden in den Süden leiten sollen, nicht gebaut werden.

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Versorgungsengpässe insbesondere in Bayern verursachen schon heute laut "Spiegel" Kosten in dreistelliger Millionenhöhe, die bislang Stromkunden bundesweit mittrügen. Diese Situation werde sich durch die Abschaltung von drei bayerischen Atomkraftwerken bis 2022 verschärfen. Dennoch hatte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) vorige Woche den Bau der Stromtrassen generell infrage gestellt.

Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Oliver Krischer, spricht bereits davon, dass "Seehofers Energiewende-Populismus nun räche". "Seit Monaten macht er Stimmung gegen den Stromnetzausbau und gegen neue Windkraftanlagen. Seine CSU-Kollegen im Bundestag haben zudem den Ausbau der Solarenergie und Biogas als Teil der Großen Koalition in der jüngsten EEG-Novelle abgewürgt. Was diese energiepolitische Irrfahrt den Stromkunden kostet, rechnet ihm nun die EU-Kommission vor."

Seehofer "blockiert die Energiewende"

Nach "Focus"-Informationen droht Seehofer zudem die Energiewende-Planung von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zu torpedieren. Der bayerische Regierungschef wolle erst untersuchen lassen, ob die neuen Superleitungen überhaupt gebraucht werden.

Der Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena), Stephan Kohler, warnte im "Focus": "Kommen die Stromtrassen nach Bayern nicht, dann müssten die Länder im Norden sofort aufhören, neue Windkraftanlagen zu installieren." Die Ankündigung Seehofers, statt auf importierten Windstrom auf eigene Gaskraftwerke zu setzen, sei unrealistisch. Neue Gaskraftwerke rechneten sich zurzeit nur mit Subventionen. "Dann hätten wir einen gespaltenen Energiemarkt", so Kohler. "In Bayern wäre der Strom teurer als im Norden, wo Überfluss herrscht."

Krischer ergänzte: "Entweder Horst Seehofer kommt endlich zur Vernunft und blockiert nicht weiter die Energiewende oder er muss den Bayern demnächst erklären, warum sie höhere Strompreise als der Rest der Republik zahlen müssen. Nicht nur die Industrie wird dann in andere Bundesländer abwandern. Es kann nicht sein, dass der Rest der Republik für die Eskapaden des bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer zahlt."

Brandenburg zahlt schon jetzt für Bayern

Regional gibt es nach Berechnungen des Portals Verivox Unterschiede. Bei einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden zahlt ein Haushalt in Brandenburg mit im Schnitt 1189 Euro (2008: 911 Euro) derzeit am meisten. Am günstigsten ist es in Bremen mit 1105 Euro (2008: 842 Euro). Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers erklärte, die Strompreise in seinem Land hingen mit den Kosten für den Netzausbau zusammen: "Bereits zu Zeiten der schwarz-gelben Koalition im Bund haben wir eine Bundesratsinitiative gestartet, um zu erreichen, dass die Netzentgelte bundesweit gerecht umgelegt werden." Bisher würden die Kosten für den Bau von Stromtrassen dort umgelegt, wo sie errichtet werden. Davon sei Brandenburg besonders betroffen.

Enormer Preisanstieg seit 2008

Zudem ist seit nunmehr vier Wochen auch regierungsamtlich, dass sich die Strompreise für Bürger und Industrie in den letzten Jahren sehr unterschiedlich entwickelt haben. Für private Haushalte in Deutschland stieg er im Bundesschnitt seit 2008 um 38 Prozent. Das teilte die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen mit. Demnach legte der Kilowattstunden-Preis von 21,4 Cent auf über 29 Cent zu. Für die energieintensive Industrie sind die Preise - auch dank hoher Rabatte bei der Ökostromförderung - von 2008 bis 2014 hingegen um ein Prozent gefallen. Für die übrige Industrie stieg er je nach Verbrauch um 13 bis 15 Prozent.

Die Versorger konnten seit 2008 wegen des Zuwachses an Solar- und Windstrom von deutlich gesunkenen Einkaufspreisen profitieren. Aber dieser Vorteil wird nach Meinung von Verbraucherschützern oft nur unzureichend an die Stromkunden weitergegeben, während sie durch die Ökostrom-Förderung, Industrierabatte und gestiegenen Netzkosten im Zuge der Energiewende stark belastet werden

Quelle: n-tv.de

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