Politik
In den 1990er-Jahren wurden tausende Sirenen abgebaut.
In den 1990er-Jahren wurden tausende Sirenen abgebaut.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Freitag, 08. Juni 2012

Wecksystem fehlt: Deutschland könnte Krieg verschlafen

von Jochen Müter

Ein an- und abschwellender Dauerton, der bis ins Mark ging: Realität noch vor Jahren, wenn Sirenen auf Hausdächern den Katastrophen- oder Kriegsfall simulierten. Doch das Warnsystem ist in weiten Teilen Deutschlands Geschichte, die Sirenen sind verschwunden. Und nichts hat sie ersetzt bisher.

Bis zum Mauerfall, da heulten sie noch. Spülten düstere Gedanken nach oben: an den Atom-Krieg, an Giftgas und Großbrände. Von Häuserdächern aus jaulten sie zwei Mal im Jahr zur Probe, meist im Frühling und vor dem Winter. Eindringlich, scharf und laut. Und jeder wusste dann: Das ist der Test für den Ernstfall."Jetzt kommt der Russe", scherzten manche im Westen, während sie sich die Ohren zuhielten.

Eingang in einen Luftschutzkeller. Aber wann geht man hin?
Eingang in einen Luftschutzkeller. Aber wann geht man hin?(Foto: picture alliance / dpa)

Mit dem Ende des Kalten Krieges stellte der Bund die Wartung und Pflege der Sirenen ein, gab sie ab an die Länder, Kreise und Städte oder ließ sie abbauen – aus Kostengründen. Von den einst rund 70.000 Sirenen sind nach Schätzungen nur noch rund 35.000 übrig. Die stehen allerdings nur noch dort, wo besonders auffällige Gefahren lauern: Atomare Unfälle, Sturmfluten, Überschwemmungen. Dresden etwa hat ein umfangreiches Sirenen-Netz. Bayern auch: jeweils im Umkreis von 25 Kilometern rund um die Atom-Meiler. Und Hamburg natürlich, entlang der Elbe.

Mit den Einsparungen der Sirenen ist entstanden, was die Polizei einen "föderalen Flickenteppich" nennt. Der Umstieg auf moderne Alarmsysteme sei noch nicht gelungen, kritisiert Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft die Tatsache, dass viele Regionen in Deutschland ohne funktionierendes Bevölkerungswarnsystem dastehen. Und auch der Deutsche Feuerwehr-Verband fordert eindringlich: "Ein Weckeffekt mit einer eindeutigen Handlungsanweisung muss in Gebäuden ebenso wie im Freien erreicht werden."

Silvester-Effekt

Weckeffekt? Auf ihn legen die Experten besonders großen Wert. Anders etwa als bei SMS, Rundfunkwarnungen oder Fernsehunterbrechungen können die Bürger dem Klang der Sirenen nicht entkommen. Sie wirken auch in der Nacht, wenn das Land friedlich schläft. Sie sind hörbar für alle, die draußen unterwegs sind. Sie warnen auch die, die sich nicht gerade an einer Informationsschnittstelle befinden. Und darum geht es den Fachleuten, wenn sie etwa an große Chemieunfälle, atomare Verseuchung oder gar einen militärischen oder terroristischen Angriff denken.

Viel ist ausprobiert worden, vieles ist noch in der Testphase. Einiges hat sich schon als unbrauchbar erwiesen. Massen-SMS etwa. Bis Millionen der Kurznachrichten an den Handys ankommen, könnte längst alles zu spät sein, sie brauchen einfach zu lange. Jeder, der Silvester schon mal versucht hat, seinen Bekannten per Kurznachricht ein frohes neues Jahr zu wünschen, weiß schließlich, was ein totaler Netzausfall ist. Über Festnetz-Telefone ist eine Warnung theoretisch denkbar. Problem: Sie stehen nur in Gebäuden. Und: Der Trend geht deutlich weg von stationären Anschlüssen. Zudem ist die entsprechende Technik noch nicht vorhanden, würde Millionen verschlingen.

Rainer Wendt ist unzufrieden mit der Weck-Situation.
Rainer Wendt ist unzufrieden mit der Weck-Situation.(Foto: dpa)

Die Feuerwehr setzt auf die Rauchmelder-Lösung. Immer mehr Bundesländer verpflichten Vermieter und Hausbesitzer, ihre Immobilien damit auszustatten. "Eine sehr gute Gelegenheit zur Lösung des Problems", sagt Rudolf Römer n-tv.de. Sofern die Geräte entsprechend ausgerüstet sind, könne zentral gesteuert im Katastrophenfall ein Signal gesendet werden, erklärt der stellvertretende Geschäftsführer des Feuerwehrverbandes. Denkbar sind dann auch Durchsagen quasi bis ins Schlafzimmer.

Ein anderer flächendeckender Ansatz sind Autohupen. Das Fraunhofer-Institut entwickelte ein System, mit dem zentral gesteuert Fahrzeuge quasi zur Sirene werden. Eine Warnung ist das schon. Allerdings auch eine, mit der der Bürger in Gefahr etwas anfangen kann? Zudem sind längst nicht genug Autos mit dem entsprechenden Modul bestückt.

Einig sind sich Polizeigewerkschaft und Feuerwehr, dass dringend etwas geschehen muss. Das Thema würde einfach nicht konsequent verfolgt, bemängelte Wendt zuletzt. "Jeder, der in Deutschland lebt, muss einen Warnhinweis wahrnehmen können", appelliert auch Feuerwehrmann Römer. Und er pocht auf eine zügigere Umsetzung. Ein Weckruf für alle Deutschen sei Aufgabe des Bundes.

Was passiert bis dahin?

Der Bund, genauer: das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, wiegelt gar nicht groß ab. Die für die Warnung der Bevölkerung im Verteidigungsfall zuständige Behörde betreibt ein satellitengestütztes Warnsystem. Damit ist sie in der Lage, die Bevölkerung innerhalb von drei Minuten vor anfliegenden Raketen zu warnen. Dennoch räumt man ein, gebe es keine flächendeckende Weckfunktion. Die Deutschen könnten - zugespitzt gesagt - also den Krieg verschlafen oder mittendrin erst wach werden. Immerhin: "Die Dinge sind im Fluss", sagt Sprecherin Ursula Fuchs.

Sie meint damit den weiteren Ausbau von "SatWaS", das seit 2001 einsatzbereite "Satellitengestützte Warnsystem". Damit können Rundfunk und Fernsehen für Warnhinweise und Verhaltensanweisungen unterbrochen werden. 160 Radiostationen sind bereits angeschlossen, dazu alle relevanten Nachrichtenagenturen. Außerdem wird getestet, inwieweit etwa soziale Medien, SMS, Funkwecker, Navigationsgeräte und auch die Rauchmelder mit Hilfe von SatWaS gesteuert werden können. Bisher ist das Warnsystem aber nicht in der Art einsatzbereit, dass es einen Weckruf an alle schicken kann.

Die Thematik sei "sehr komplex", weiß Hans-Gerrit Möws. Er ist beim Bundesamt zuständig für den Bereich "Warnung der Bevölkerung". Angesichts der föderalen Strukturen, in denen das Problem gelöst werden müsse, "sind wir extrem schnell". Von vier Schritten der vierten Ausbaustufe sei man kurz vor dem dritten, so Möws zu n-tv.de. Und der bedeutet: Bereits vorhandene Alarmsysteme werden zurzeit in SatWaS integriert. Danach folgt der Ausbau mit der Zukunftsmusik.

Möws sieht die Sirenen-Frage differenziert. "Wenn eine losheult, weiß natürlich jeder, dass was los ist", gibt er zu. Aber: Heute wüsste doch niemand mehr, wovor genau gewarnt wird. Der Experte vom Bund erwartet von einem System auch die Möglichkeit, auf unterschiedliche Gefahrensituationen mit unterschiedlichen Warnmeldungen reagieren zu können. "Der Umgang der Menschen mit Technik hat sich stark verändert", sagt er. Und das könne man nutzen, um nicht nur ein Signal zu senden, sondern auch um zu vermitteln, was nun genau geschehen solle.

Feuerwehr, Polizeigewerkschaft und Bundesamt sind sich einig, dass das System stetig weiter entwickelt werden muss. Strittig ist nur die Frage, was im Verteidigungsfall in der Zeit bis zur Fertigstellung geschieht. Die in den letzten Jahrzehnten abgebauten 35.000 Sirenen zu ersetzen, würde rund 120 Millionen Euro kosten. Plus Folgekosten. Das SatWaS kostet, weil es auf bestehende Systeme aufbaut, nur einen Bruchteil. Dennoch: Polizist Wendt sieht eine gefährliche Lücke – und fordert, bis zur Fertigstellung des modernen Systems wieder auf die Sirene zu setzen. Schließlich gelte: "Wer Radio und Fernsehen ausgeschaltet hat, ist blind und taub für Gefahren, während früher jeder hören konnte, dass Gefahr droht", so Wendt.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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