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An diesem Ort, direkt vor dem Obelisk am Hippodrom, sprengte sich der Attentäter in die Luft.
An diesem Ort, direkt vor dem Obelisk am Hippodrom, sprengte sich der Attentäter in die Luft.(Foto: dpa)

Die Sicherheitslage verändert sich: Deutschland rückt ins Fadenkreuz des IS

Noch hat die Bundesregierung keinen Beleg dafür, dass der Terroranschlag von Istanbul Deutschland galt. Experten sind sich aber sicher: deutsche Touristen waren das Ziel. Und die Sicherheitslage habe sich dramatisch verändert.

Hat der islamisch motivierte Terrorismus nun auch Deutschland erreicht? Mit dem Anschlag auf eine deutsche Reisegruppe in Istanbul scheint dies nahezuliegen. Tatsächlich ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar, ob der Terroranschlag in der türkischen Metropole in erster Linie Deutschland galt. Bislang, so heißt es aus Kreisen der Bundesregierung, gibt es keine Belege dafür.

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Der Türkei-Experte Günter Seufert von der Stiftung Wissenschaft und Politik sagte indes am Abend in der ARD, dass man nach allem, was bislang über den Anschlag bekannt ist, davon ausgehen muss, dass es sich um ein weiteres Attentat des Islamischen Staates (IS) handelt - erstmals ganz gezielt gegen Deutschland. "Ich denke, dass es kein Zufall ist, dass sich der IS für diesen Anschlag eine deutsche Reisegruppe ausgeguckt hat", sagte Seufert. Dafür sprächen zwei Dinge: Die Deutschen stellen die stärkste Gruppe aller Türkei-Reisenden und würden mit einer Verunsicherung jetzt der türkischen Tourismusindustrie schwer zu schaffen machen. Es könne zudem auch sein, "dass der IS ganz bewusst die Konflikte innerhalb der deutschen Gesellschaft vorantreiben will, die besonders nach den Vorgängen in Köln angeheizt sind". Bekanntermaßen reagiere der IS immer sehr schnell auf solche Entwicklungen.

Auch wenn es schmerze, angesichts der vielen Toten und Verletzten "von einem eher kleinen Anschlag des IS zu sprechen", müsse man erkennen, dass er ohne große Vorbereitungen durchgeführt werden konnte. Auch das spreche für die These einer schnellen Reaktion des IS. "Das, was in Istanbul passiert ist, kann jetzt überall passieren."

Konflikt in Deutschland vorantreiben

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Terrorismus-Experte Bruno Schirra, der als einer der ersten deutschen Journalisten durch IS-Gebiet gereist ist, ist sich ebenfalls sicher, dass sich dieser Anschlag "dezidiert gegen Deutsche" richtet. Dies sei ihm aus dem "aktiven Sympathisanten-Umfeld" der Terrormiliz bestätigt worden, sagte Schirra der "Bild"-Zeitung. Der Buchautor geht wie Seufert davon aus, dass Deutschland in den vergangenen Wochen, "und erst recht nach den Ereignissen von Köln" verstärkt ins Fadenkreuz des IS gerückt ist. "Und zwar nicht wegen des Einsatzes von Bundeswehr-Tornados im Luftraum über dem selbsternannten Kalifat. Sondern, weil die Islamisten auf eine Verschärfung des Konflikts der deutschen Mehrheitsgesellschaft mit den Muslimen hoffen, in der Gewissheit, dass ihnen dies weitere Kämpfer in die Arme treibt", so Schirra zu "Bild". Nichts verabscheue der IS mehr als Beispiele gelungener Integration.

Auch Schirra sieht, dass Anschläge wie der von Istanbul kaum technischen Aufwand erforderten und die Stabilität der betroffenen Länder erheblich ins Wanken bringen könne. Bereits nach dem Strandanschlag vom vergangenen Juni in Tunesien habe ein IS-Funktionär gedroht, die Deutschen könnten "rund ums Mittelmeer keinen sicheren Urlaub mehr machen".

"Touristen sind ein leicht erreichbares Ziel"

Vor voreiligen Schlüssen warnt indes der britische Terror-Experte Davis Lewin: "Ich gehe davon aus, dass Deutsche nicht mehr und nicht weniger im Visier der Terroristen sind wie Briten oder Amerikaner oder Bürger anderer westlicher Länder", sagte Lewin der "Bild". Entscheidend aus Sicht der Islamisten sei, dass Touristen wie die Briten am Strand in Tunesien oder jetzt die Deutschen in Istanbul vergleichsweise einfach zu treffende Ziele seien, während etwa Regierungsgebäude oder Flughäfen durch besondere Sicherheitsmaßnahmen geschützt sind. "Die Wahrheit könnte komplizierter sein als man denkt, auch wenn man davon ausgehen kann, dass ein weiteres Mal der Religionskrieg, der unter Muslimen tobt, Ursache des Blutvergießens war."

Seit dem vergangenen Sommer, als die Türkei den USA einen Luftwaffen-Stützpunkt für deren Angriffe auf den Islamischen Staat zur Verfügung gestellt hat, hat es mehrere Videobotschaften gegeben, in denen solche Anschläge angedroht werden. Zudem soll auch der türkische Geheimdienst MIT mit einem Anschlag auf Touristen in türkischen Urlaubsorten gerechnet und die Polizei davor gewarnt haben.

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Quelle: n-tv.de

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