Politik
Carsten S. befindet sich im Zeugenschutzprogramm.
Carsten S. befindet sich im Zeugenschutzprogramm.(Foto: REUTERS)

Carsten S. und Holger G.: Die Angeklagten werden zu Zeugen

Von Solveig Bach

Carsten S. und Holger G. haben bereits angekündigt, dass sie aussagen wollen. Der Vorsitzende Richter, Manfred Götzl, will ihnen dazu nun Gelegenheit geben. S. und G. haben sich nach Angaben der Bundesanwaltschaft schon während der Ermittlungen umfassend geäußert. Diese Aussagen seien sehr wichtig, um die Taten des NSU aufzuklären, heißt es dazu von der Anklagebehörde. Die eher nüchterne Einschätzung lässt nur ahnen, wie wichtig diese beiden Zeugen sind.

Auf S. und G. ruhen die Hoffnungen der Anklage und vieler Angehöriger, endlich Antworten zu bekommen. Beide Männer wurden im vergangenen Jahr aus der Untersuchungshaft entlassen und befinden sich nun im Zeugenschutzprogramm. "Ich würde mich äußern", sagte S. am Ende des bisher letzten Verhandlungstags vor Gericht. Er soll Götzl zufolge als erster zur Person und zur Sache befragt werden.

Geständnis eines Aussteigers

Die Bundesanwaltschaft wirft Carsten S. vor, dem mutmaßlichen Terror-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die "Ceska" besorgt zu haben, mit der die beiden Männer dann neun Menschen aus rassistischem Hass erschossen. Die Polizistin Michéle Kiesewetter wurde mit einer anderen Waffe getötet. S. ist wegen Beihilfe zu neun Morden angeklagt. Weil er zum Zeitpunkt der Tat erst 19 Jahre alt war, könnte S. noch nach Jugendstrafrecht verurteilt werden.

Inzwischen ist er 33 Jahre alt, noch immer ein schmaler jungenhaft wirkender Mann. Prozessbeobachter beschreiben ihn als Typ, der rein optisch auch als Sänger einer Indie-Rockband durchgehen könnte. Während der Verhandlungen stützt er fast die ganze Zeit seinen Kopf auf die Hand. Manchmal sieht es so aus, als kaue er an den Fingernägeln, oft schaut er zu Boden oder auf einen Punkt irgendwo an der Wand.

Der Neonazi-Szene, in die er als Jugendlicher geriet, hat er schon lange den Rücken gekehrt. Dass er die Nähe zu diesen oft gewalttätigen Männergemeinschaften suchte, erklärt er inzwischen mit seiner Homosexualität, die er damals zu unterdrücken und verstecken suchte. Zum Neonazi wurde er, weil er einem gleichaltrigen Jungen gefallen wollte, und der war rechts. Also bestellt S. die Kluft der Kameraden und findet zwar nicht die große Liebe, aber wenigstens Akzeptanz. Mit 18 Jahren mischt er beim Thüringer Heimatschutz mit, steigt innerhalb von zwei Jahren zum führenden Mitglied der Jenaer NPD auf, sitzt im Bundesvorstand der Jungen Nationaldemokraten. Er kann damit aus den Anfängen des NSU berichten, der Zeit, in der das Trio sich radikalisiert haben soll. S. gilt als einer der wichtigsten Zeugen, die die Bundesanwaltschaft in dem Verfahren überhaupt hat.

Belastende Aussagen

Er ist aber auch ein wichtiger Belastungszeuge gegen Ralf Wohlleben, der mit ihm angeklagt ist. Von Wohlleben habe er den Auftrag bekommen, die Waffe zu besorgen und das Geld, um sie zu bezahlen. In Wohllebens Auftrag hielt er später mit einem Prepaid-Handy Kontakt zum NSU-Trio, zeitweise ist er der Einzige, über den man Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos erreichen kann. So hat es S. ausgesagt.

Am Ende hielt er den Spagat zwischen Schwul-Sein und Rechts-Sein nicht mehr aus. Im August 2000 sagt er sich komplett von den früheren Kameraden los. Er zieht nach Düsseldorf, studiert Sozialpädagogik. Er hat sein Coming-out, ist in der Schwulenszene aktiv und arbeitet bei der Aids-Hilfe. Seit Jahren lebt er mit seinem Freund zusammen. Als sein altes Leben in sein neues einbricht, hat er die Erinnerungen an den Jenaer Carsten verdrängt. Ihm sei es um Anerkennung gegangen, hat er den Ermittlern erzählt. Auch nach vielen Jahren kann er noch das gute Gefühl spüren, das er hatte, weil ihm Typen wie Wohlleben und Böhnhardt vertrauten. Mit den Angaben über den Waffenkauf hat er sich selbst schwer belastet. Er habe nicht gewusst, wozu Böhnhardt und Mundlos die Waffen benutzen wollten, sagte er ziemlich naiv in den Vernehmungen der Bundesanwaltschaft und des Bundeskriminalamtes.

S. hat nicht nur gestanden, er hat sich auch bereitwillig psychologisch untersuchen lassen. Der Essener Psychiater Norbert Leygraf konstatiert in seinem Gutachten "Reifungsdefizite" und schreibt der "schwierigen sexuellen Identitätsfindung" dabei eine wichtige Rolle zu. Leygraf und ein weiterer Gutachter kommen zu dem Schluss, dass sich S. glaubhaft von der rechtsextremen Szene gelöst habe. Doch um die Konfrontation mit seinem früheren Leben wird S. im Prozess nicht herumkommen.

Blind vor Freundschaft?

Holger G.s Rolle ist nicht ganz eindeutig.
Holger G.s Rolle ist nicht ganz eindeutig.(Foto: REUTERS)

Auch Holger G. will aussagen. Vor Beginn jeder Verhandlung verdeckt er sein Gesicht. Zusammengesunken, von seinen Anwälten fast schützend in die Mitte genommen, sitzt er drei Plätze neben Carsten S. auf der hinteren Anklagebank. Möglicherweise muss er für seine Aussage nach vorn rücken, Richter Götzl hat sich diese Entscheidung noch vorbehalten.

An den bisherigen Verhandlungstagen wirkte er seltsam unbeteiligt. Zwischendurch fragte Götzl sogar, ob er schlafe. Mit seinem blauen, offenen Hemd und der dünnen Metallbrille sieht der Gabelstaplerfahrer eher aus wie ein Computerspezialist. Am zweiten Prozesstag feierte er seinen 39. Geburtstag, er ist als mutmaßlicher Unterstützer der NSU-Terrorgruppe angeklagt.

Er gab der Gruppe ein Darlehen, transportierte einmal eine Waffe nach Zwickau und traf sich mehrfach mit dem Trio zu "Systemchecks", wie er es nannte. Bis 2004 traf er das Trio zu Kurzurlauben auf Campingplätzen. Außerdem überließ er Böhnhardt einen Ersatzführerschein, seinen Pass und eine Krankenkassenkarte. Auf seinen Namen war auch das Wohnmobil gemietet, mit dem Böhnhardt und Mundlos zu dem gescheiterten Überfall in Eisenach fuhren, in dessen Folge die Terrorzelle aufflog. G. kannte Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos aus den gemeinsamen Zeiten in den 1990er Jahren in der "Kameradschaft Jena". Er kann womöglich schildern, wie der Alltag von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im Untergrund aussah.

Papiere und gemeinsame Überzeugungen

Mit seinen Papieren waren das verborgene Agieren der Gruppe und die rechtsextremen Gewalttaten wahrscheinlich erst möglich, sagt die Bundesanwaltschaft. G.s Anwälte gehen jedoch davon aus, dass ihr Mandant das Ausmaß seiner Handlungen nicht überblickt habe und auch nicht überblicken konnte, weil er keine kriminellen Taten in Verbindung zu seinem Tun setzen konnte. Die Tatsache, dass seine Freunde im Untergrund lebten, habe G. einfach akzeptiert.

Doch er teilte viele Jahre die rechtsextremen Überzeugungen des Trios. Nach seinem Wegzug aus Jena 1997 knüpfte er auch in seiner neuen niedersächsischen Heimat Kontakte zu Neonazis. Inzwischen gilt er in der rechten Szene als Verräter, seit 2004 will er sich zunehmend von der rechtsextremen Szene gelöst haben. Den Kontakt zu seinen NSU-Freunden hielt er trotzdem weiter.

Auch G.s Aussagen belasten Wohlleben schwer. Laut Holger G. soll Wohlleben die Schlüsselrolle im Kreis der NSU-Unterstützer eingenommen haben. Doch vor allem für Zschäpe könnte G.s Aussage entscheidend sein. Denn Holger G. hat die Waffenübergabe so geschildert, dass Zschäpe dabei war und zusah, wie einer der Uwes die Waffe durchlud.   

Quelle: n-tv.de

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