Politik
Nach mehr als zwei Jahren Krieg liegt Syrien in Trümmern.
Nach mehr als zwei Jahren Krieg liegt Syrien in Trümmern.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 08. Mai 2013

Im Niemandsland des Syrien-Krieges: Die Frau, die zu den Kämpfern zieht

Von Gudula Hörr, Amman

Wer Saatari erreicht, hat das Schlimmste hinter sich. Das alltägliche Töten liegt jenseits der Grenze, hier im Norden Jordaniens sind die syrischen Flüchtlinge zumindest ihres Lebens sicher. Und doch zieht es Hamda, eine Mutter fünf kleiner Kinder, zurück nach Syrien, zurück in den Bürgerkrieg.

Hamda lebt seit August im Flüchtlingslager.
Hamda lebt seit August im Flüchtlingslager.(Foto: WFP/Katharina Weltecke)

Die Nacht, als sie die Grenze Syriens überquerte, wird Hamda nicht vergessen. Es war dunkel, begleitet von Kämpfern der Freien Syrischen Armee machte sie sich mit ihren fünf Kindern auf den Weg. Die Jüngeren bekamen Schlaftabletten und wurden getragen, die älteren Mädchen mussten selbst durch das steinige Niemandsland laufen. Bepackt mit allem, was sie tragen konnten, immer in der Angst, von syrischen Soldaten entdeckt und beschossen zu werden. Nach zweieinhalb Stunden erreichten sie die jordanische Grenze, sie waren in Sicherheit. Helfer brachten sie ins Flüchtlingslager Saatari, sie erhielten ein Zelt, ein Essenspaket – und Hamda kaufte sich als erstes ein Armband: Ahmed steht darauf. Ahmed, der Name ihres Mannes, der in Syrien blieb und dort gegen die Soldaten des Assad-Regimes kämpft.

Acht Monate ist das nun her. Seitdem wohnt Hamda mit ihren vier Mädchen im Alter von zwölf bis fünf Jahren und dem zweieinhalbjährigen Sohn in einem staubigen Zelt der UN-Flüchtlingshilfe. Wenige zugige Quadratmeter, in denen ihre Habe verstaut ist: Zwei schwarze Säcke mit Kleidung, ein Karton, in der Ecke stapeln sich Kochtöpfe. Und kaum ein Moment, an dem Hamda nicht denkt: "Dies ist mein letzter Monat hier. In zwei Wochen bin ich wieder zu Hause." Auch wenn das Zuhause nach zwei Jahren Bürgerkrieg längst in Trümmern liegt.

Die meisten Bewohner Saataris sind Frauen und Kinder.
Die meisten Bewohner Saataris sind Frauen und Kinder.(Foto: REUTERS)

Die 36-jährige Hamda ist eine von hunderttausend syrischen Flüchtlingen, die sich nach Saatari in den Norden Jordaniens gerettet haben, gerade mal zwölf Kilometer von Syrien entfernt. Zelt an Zelt hausen sie hier in der steinigen Wüste, umgeben von einem Stacheldraht, in dem sich Plastiktüten verfangen. Karge Verschläge dienen als Toiletten, in Gemeinschaftsküchen können die Flüchtlinge kochen, was sie vom Welternährungsprogramm bekommen. Auf einigen Zelten flattert die syrische Fahne, Hühner picken im Staub. Auch zwei Moscheen, zwei Schulen, Krankenhäuser und eine Art Einkaufsstraße gibt es inzwischen: Wellblechbuden, in denen Männer Tee und Abwasserrohre, Zigaretten und Kochtöpfe feilbieten. Sogar Brautkleider kann man hier ausleihen.

"Es gibt kaum etwas, was man hier nicht findet", sagt der Deutsche Kilian Kleinschmidt vom UNHCR, der das Flüchtlingslager leitet und sich selbst gerne als "Bürgermeister von Saatari" bezeichnet. Auf gerade einmal achteinhalb Quadratkilometern gebe es die "Champs-Elysees" und die "Bronx", Reiche und Arme, gut und schlecht Ausgebildete, und vor allem immer wieder: Diebstahl, Schmuggel und eine gut organisierte Mafia.

Täglich kommt die Polizei

Kleinschmidt hat schon viele Flüchtlingslager gesehen - doch Saatari ist noch einmal speziell.
Kleinschmidt hat schon viele Flüchtlingslager gesehen - doch Saatari ist noch einmal speziell.(Foto: Privat)

"Saatari ist berüchtigt für seine Gesetzlosigkeit, für Steinewerfen, für Kriminalität", meint Kleinschmidt. Mal verschwindet über Nacht die gerade aufgebaute neue Küche Nummer 77 bis auf den letzten Stein, mal wird Strom abgezweigt und weiterverkauft, mal müssen Budenbesitzer hunderte Dollar an mafiöse Clans zahlen. Bisweilen scheint Kleinschmidt, der Jahrzehnte in Krisenregionen in Afrika und Pakistan arbeitete, selbst erstaunt von dem Ausmaß an krimineller Energie zu sein: "Mogadischu war ein Zuckerschlecken im Vergleich zu Saatari."

Fast jeden Tag kommt es zu Vorfällen, bei denen die Polizei einschreiten muss. Und auch die Sicherheitskräfte leben inzwischen gefährlich. Allein in einer Woche, berichtet Kleinschmidt, wurden acht Polizisten und vier Gendarmen verletzt. Im April erst brachen Unruhen aus, als Sicherheitskräfte zwei Frauen aufgriffen, die aus dem Flüchtlingslager geschmuggelt werden sollten. Männer warfen Steine, die Polizei schoss mit Tränengas zurück. In ihrem Furor überrannten die Demonstranten das Haupttor des Flüchtlingslagers, zogen einen Fahrer aus einem Auto und verletzten ihn so schwer, dass er ein Auge verlor und nur knapp überlebte.

"Ich würde alle Unruhestifter rausschmeißen"

Millionen fliehen vor dem Krieg

In Jordanien leben zurzeit mehr als 420.000 syrische Flüchtlinge. Täglich strömen bis zu 3000 Syrer über die Grenze, bis zum Jahresende rechnet das Land, das selber nur rund sechs Millionen Einwohner hat, mit insgesamt einer Million syrischer Flüchtlinge. In allen Nachbarländern Syriens werden bis Ende 2013 etwa 3,5 Millionen Flüchtlinge erwartet.

Lebensmittelspenden und Nahrungsmittelgutscheine erhalten die Flüchtlinge vom Welternährungsprogramm WFP. Zurzeit benötigt das WFP jede Woche 14,4 Millionen Euro, um 2,5 Millionen Menschen innerhalb Syriens sowie eine Million Flüchtlinge in den Nachbarländern zu versorgen. Bis Juni fehlen dem WFP allerdings noch mehr als 30 Milllionen Euro.

Die EU-Staaten haben im Zuge der Syrien-Krise 400 Millionen Euro an humanitärer Hilfe zugesagt. Außerdem hat Echo, das europäische Amt für humanitäre Hilfe, 200 Millionen Euro gegeben, wovon 42 Millionen Euro dem WFP zukommen.

"Einige Männer sind Unruhestifter, weil sie nichts zu tun haben. Andere wurden hier vom syrischen Regime hingeschickt", glaubt Hamda wie so viele in dem Flüchtlingslager. "Wäre ich die Leiterin des Camps", so herrscht sie bisweilen die Unruhestifter an, "würde ich euch alle rausschmeißen!"

Überhaupt könnte sie gut auf die Männer in dem Camp verzichten und würde dort am liebsten nur mit den rund 75.000 Frauen und Kindern wohnen. Dann, so meint sie, wäre es deutlich friedlicher, so wie noch im August vergangenen Jahres, als sich das Flüchtlingslager im Aufbau befand und nur 30.000 Menschen hier wohnten. Jetzt sei es überbevölkert, die Stimmung gereizt. Gerade erst brachen Diebe in das Zelt ihrer Mutter ein, immer wieder würde gestohlen, würden Frauen belästigt und Kinder gekidnappt.

Hamda ist sich klar: Auch sie ist im Vergleich zu früher deutlich gereizter und aufbrausender. Noch schlimmer aber treffe es die Kinder, erzählt sie, während sie auf dem Boden ihres Zeltes sitzt. Die vier Mädchen hören dabei stumm zu, eine Tochter spielt mit einem Läusekamm, der Junge ist eingeschlafen. "Sie sind angespannt und verängstigt. Sobald sie ein Geräusch hören, zucken sie zusammen." Zu frisch sind die Erinnerungen an den Krieg. An das unablässige Bombardement auf Daraa, an den Einschlag einer Granate in ihr neues Haus. Damals überlebten sie nur, weil Hamdas Mann darauf bestanden hatte, im Erdgeschoss zu übernachten. "Gott hat uns gerettet", sagt Hamda.

Der seit mehr als zwei Jahren anhaltende Krieg, der ihre Heimat verwüstet, und das dauerhafte Leben in einem Provisorium zehren an ihren Kräften. Im Sommer versengt die Sonne die Zelte, weit und breit kein Baum, der Schatten spendet. Im Winter, wenn auch in Jordanien Schnee fällt, ist das Leben noch schwieriger: "Wie viel Wärme kann ein Zelt schon spenden?", so Hamda. Ständig sei sie mit ihren Kindern im Krankenhaus gewesen. Und dann ist da noch die Langeweile in der flirrenden Luft der Wüste. Wer sich nicht um Kinder kümmern muss oder einen der wenigen Jobs im Flüchtlingslager ergattert hat, hat Zeit. Viel, viel Zeit.

Doch nicht Hitze, Kälte oder Armut sind das Schlimmste in Hamdas Leben. "Das Furchtbarste ist", so die 36-Jährige, "dass ich überhaupt in dem Camp leben muss." Gewiss gebe es Momente, in denen sie lache. "Aber sobald ich allein bin, fange ich an zu weinen."

Die Taschen sind gepackt

Zwei von Hamdas Brüdern starben in Syrien in den vergangenen Monaten, seit August hat sie ihren Mann nicht mehr gesehen. Nun sitzt sie auf gepackten Taschen, in den nächsten Wochen will sie sich zu ihm und seiner Kampfeinheit in Daraa durchschlagen. Ihre Kinder müssen dann bei ihrer Mutter und Schwester im Flüchtlingslager bleiben, sagt Hamda, stockend und mit Tränen in den Augen. Gewiss habe sie manchmal Angst, sie dann nie wieder zu sehen. "Doch ohne etwas zu opfern, erreichen wir nichts." Schon jetzt würde sie alle Mütter, die mehr als einen Sohn haben, ermutigen, ihre Kinder zum Kämpfen nach Syrien zu schicken.

Weil fast alle Frauen inzwischen Syrien verlassen haben, sei es wichtig zurückkehren, um die Rebellen zu unterstützen. Um sie zu bekochen und ihre Wunden zu pflegen. Vielleicht will Hamda auch einfach in der Nähe ihres Mannes sein. In der Nähe von Ahmed, dem Rebellen, dessen Namen sie seit acht Monaten am Handgelenk trägt.

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Quelle: n-tv.de

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