Politik

Bericht aus dem Nordirak: "Die IS-Monster haben meine Frau entführt"

Die Jesiden - oder Yeziden, wie sie sich auf Deutsch nennen - sind eine der religiösen Minderheiten, die im Nordirak von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verfolgt werden. Der folgende Bericht wurde nach einem Besuch von Telim Tolan in der Konfliktregion aufgezeichnet und gibt die Erlebnisse eines Mannes wieder, dessen Heimatort von den Dschihadisten überrannt wurde. Tolan ist Vorsitzender des Zentralrats der Yeziden in Deutschland.

Jesiden, die dem Morden im Sindschar-Gebirge entkommen sind, leben jetzt in Rohbauten in der Stadt Dohuk im Nordirak.
Jesiden, die dem Morden im Sindschar-Gebirge entkommen sind, leben jetzt in Rohbauten in der Stadt Dohuk im Nordirak.(Foto: REUTERS)

"Ich wurde gebeten, kurz über mein derzeitiges Leben als Yezide im Irak zu berichten. Das will ich versuchen. Ist es noch ein Leben? Sie haben mir gesagt, ich habe Glück gehabt. Glück, weil ich im Gegensatz zu Zehntausenden anderen überlebt habe. Ja, ich habe überlebt, anders als mein dreijähriger Sohn, der im Sindschar-Gebirge verdurstet ist. Und vielleicht anders als meine Frau und meine dreizehn Jahre alte Tochter; sie sind auf der Flucht von IS-Monstern geschnappt worden. Ob sie noch leben, verkauft, oder missbraucht wurden? Ich weiß es nicht, und diese Frage quält mich unendlich.

Ich habe Kinder gesehen, die enthauptet wurden. Und ich habe Peschmerga-Kämpfer gesehen. Ihr Name bedeutet 'die dem Tod ins Auge blicken'. Mag sein, dass sie so etwas machen. Als wir dem Tod ins Auge blickten, waren sie nicht da. Sie sind vorher geflohen. Ein anderer Yezide, der sie aufhalten wollte und sie bat, uns zumindest ihre Waffen zu überlassen, wurde von ihnen überfahren.

Als dann die IS-Monster kamen, waren sie nicht allein. Unsere Nachbarn, Kurden und Araber, haben sie unterstützt. Nie hätte ich geglaubt, dass diese Menschen, mit denen ich mein halbes Leben verbracht hatte, unsere Häuser anzünden, unsere Frauen schänden oder sich an unseren Zwangskonvertierungen ergötzen könnten. Den herbeigeeilten Kämpfern der kurdischen PYD aus Syrien verdanken wir die Rettung aus den Bergen. Genauso den amerikanischen Lufteinsätzen.

Jetzt soll es eine Schutzzone geben. In dieser sollen wir mit diesen Nachbarn wieder vertrauensvoll zusammenleben. Und über Waffenlieferungen wird diskutiert. Aber nicht für unseren Helden, den Löwen von Sherfedin. Qasim Shesho, der deutsche Gärtner aus Bad Oeynhausen, der hier den Kampf mit diesen IS-Monstern aufgenommen hat und unser zweites großes Heiligtum verteidigt.

Die Waffen sollen für die kurdische Regionalregierung bestimmt sein, für die, die für Stabilität und Wahrung der Menschenrechte stehen, sagt der Westen. Das hat allerdings bisher meistens nicht geklappt. Für fast 800.000 Yeziden sitzt ein einziger Abgeordneter im kurdischen Regionalparlament der Autonomen Region Kurdistan. In der Justiz, der gehobenen Verwaltung oder der Führung der Armee sucht man meine Glaubensschwestern und -brüder vergeblich. Wenn dies alles durch deutsche Waffen besser werden kann und wenn diese Waffen dazu führen, dass sich die Peschmerga dem IS mutig in den Weg stellen und ihn sogar vertreiben, bin ich für diese Waffenlieferungen. Wenn sie mit diesen Waffen, statt Erdölquellen zu schützen, das Leben meines Volkes und das der Christen und anderen Minderheiten retten, würde ich mich freuen. Aber denkt bitte auch an die yezidische Verteidigungseinheit um General Qasim Shesho!

Ich persönlich möchte nur mein altes, einfaches und beschauliches Leben zurück, aber das wird es nie mehr geben. Meinen Sohn werde ich nie mehr wiedersehen. Bringt mir wenigstens meine Frau und meine Tochter! Ja, ich habe überlebt, wurde vom IS gedemütigt und hier ein zweites Mal in den Dreck geworfen. Sie haben mir schon alles genommen, hier sitze ich auf einer Straße, die zugleich mein Wohnzimmer, mein Bett und mein Bad ist. Vom Leben erwarte ich nichts mehr. Falls meine Frau und meine Tochter zurückkehren, möchte ich weit fort, in eine Welt, wo man einfach nur leben kann, wo unser Glaube und unsere Sprache kein Grund für all diese Verbrechen sind. Ich habe immer von den 73 Genoziden gehört, die unsere Ahnen überlebt haben. Nie hätte ich geglaubt, dass sich so etwas im Jahr 2014 wiederholen könnte. Doch es ist passiert und die Welt schaut zu, einfach bloß zu."

Aufgezeichnet von Holger Geisler

Quelle: n-tv.de

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