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Vor allem russische Staatsdiener sollen in diesem Jahr auf der Krim Urlaub machen.
Vor allem russische Staatsdiener sollen in diesem Jahr auf der Krim Urlaub machen.(Foto: AP)

Drei Monate nach der Annexion: Die Krim ist ein Verlustgeschäft

Von Raphael Jung

Vor genau drei Monaten stimmten die Bewohner der Krim in einem umstrittenen Referendum für den Beitritt zur Russischen Föderation. Seitdem ist auf der Halbinsel alles anders: Hotels und Strände sind leer, das Wasser wird knapp, die Lebensmittelpreise steigen.

Seit dem Referendum vor drei Monaten und dem Beitritt zur Russischen Föderation verändert sich der Alltag der Menschen auf der Krim fast täglich. Lehrer drücken in den Sommerferien die Schulbank, damit sie ab Herbst im russischen Schuldienst unterrichten dürfen. Rechtsanwälte und Steuerprüfer besuchen Seminare, um ihre Fachkenntnisse an das russische Rechtssystem anzupassen. Und Taxifahrer, Restaurantbesitzer und Vermieter von Ferienwohnungen - alle, die vom Tourismus leben - fragen sich, wie sie in diesem Jahr ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen.

Etwa die Hälfte der zwei Millionen Krimbewohner lebt direkt oder indirekt vom Tourismus. Er ist das wirtschaftliche Rückgrat der Krim. Sechs Millionen Urlaubsgäste reisten 2013 auf die Halbinsel, um sich zu erholen: 70 Prozent Ukrainer, 25 Prozent Russen. Doch zurzeit ist erst ein Drittel der Ferienressorts belegt. Deshalb hat Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Staatsbeamten nahegelegt, aus Vaterlandsliebe ihre Ferien auf der Krim zu verbringen. Die Saison wird das kaum retten. Kurz vor Beginn der Hauptsaison ist auf der Halbinsel von Urlaubsstimmung noch nicht viel zu spüren. Die Strände von Jalta und Sewastopol sind vergleichsweise leer, Hotelbetten und Privatunterkünfte ebenso.

In der ersten Junihälfte sei das aber normal, meint eine Frau aus Simferopol - eine von mehreren Krimbewohnern, mit denen n-tv.de für diesen Text gesprochen hat. "So richtig startet die Saison erst Anfang Juli", sagt sie. Dann werde man sehen, wie viele kommen. Eine größere Zahl der Urlauber, die bereits da sind, komme aus der Ostukraine. "Viele wollen einfach raus, endlich mal abschalten, statt im Donbass zu sein, wo geschossen und gekämpft wird."

Zocken gegen Verluste

Für die meisten Ukrainer ist ein unbeschwerter Sommerurlaub auf der Krim seit der Annexion allerdings schlicht undenkbar. Für viele Russen dagegen ist, wenn sie denn kommen wollen, die Anreise schwierig geworden. Alle Zugverbindungen auf die Krim führen durch die Ukraine, aber viele verkehren in diesem Jahr nicht. Einige weichen auf den Seeweg aus und setzen per Fähre an der Meerenge von Kertsch über. Um den Tourismus anzukurbeln, werden Flüge aus russischen Städten auf die Krim derzeit nur gering besteuert. Doch die Touristenströme, die einst über das Festland kamen, kann der Flugverkehr nicht wettmachen.

Abhängig ist die Krim vom ukrainischen Festland aber nicht nur beim Tourismus, sondern auch in Sachen Wasser und Strom. 85 Prozent des Süßwassers kamen bislang über den Nord-Krim-Kanal auf die Halbinsel. Doch weil die ukrainischen Behörden sich seit der russischen Annexion weigern, ein Abkommen über die Wasserzufuhr zu unterzeichnen, klagen die Krim-Bauern und viele Privatleute mit Garten über Ernteausfälle. Derartige Probleme gibt es beim Strom bis jetzt nicht; vier Starkstromleitungen versorgen die Halbinsel nach wie vor mit Energie. Allerdings dürften Tarifsteigerungen seitens des ukrainischen Versorgers für die Krimbewohner vorprogrammiert sein.

Der Preis für ein Kilo Kartoffeln auf einem Markt in Simferopol in ukrainischen Griwna und russischen Rubeln.
Der Preis für ein Kilo Kartoffeln auf einem Markt in Simferopol in ukrainischen Griwna und russischen Rubeln.(Foto: REUTERS)

Das Problem der Abhängigkeit der Krim von der Ukraine könnte Russland langfristig nur lösen, indem es eigene Versorgungswege erschließt. Wichtigster Schritt dafür wäre der seit langem geplante Bau einer Brücke über die vier Kilometer lange Meerenge von Kertsch. Planungen dafür laufen bereits, doch das Projekt ist teuer und nicht schnell zu realisieren: Die Baukosten könnten - alle Vorbereitungsarbeiten mit eingerechnet - sechs Milliarden Euro betragen, Experten rechnen mit einer Bauzeit von fünf Jahren. Aus heutiger Perspektive ist bereits klar: Die Annexion der Krim ist für Russland ein Verlustgeschäft. Die Duma hat deshalb inzwischen die Errichtung einer Glücksspielzone auf der Krim beschlossen. Casinos sollen gebaut werden, damit reiche Russen ihr Geld in Jalta verzocken können.

Wenigstens kein Krieg

Allen wirtschaftlichen Problemen zum Trotz: Der politische Integrationsmotor, mit dem die Krim jetzt zu einem Teil der Russischen Föderation gemacht wird, läuft auf Hochtouren. Spuren aus der Zeit, als die Krim noch ukrainisch war, sollen möglichst schnell verschwinden. In den Schulen wurde noch im laufenden Schuljahr das Notensystem von zwölf auf fünf Punkte umgestellt, wie überall in Russland. Selbst im einzigen ukrainischen Gymnasium in Simferopol wird ab Herbst fast ausschließlich auf Russisch unterrichtet.

Noch wichtiger ist den Behörden, dass möglichst viele Ukrainer und Krimtataren möglichst schnell die russische Staatsbürgerschaft annehmen. Tun sie es nicht, werden sie von den russischen Behörden wie Ausländer behandelt - mit entsprechenden sozialversicherungs- und steuerrechtlichen Folgen. Ein weiterer Grund, die Staatsbürgerschaft zu wechseln, ist das Eigentumsrecht. Grund und Boden dürfen auf der Krim nur Russen besitzen oder verkaufen. Mit einem neuen russischen Pass von der Krim sind die Inhaber allerdings gleich doppelt gefesselt: Sie haben nicht nur die ukrainische Staatsbürgerschaft abgegeben, sondern können auch  keine Visa für Westeuropa erhalten, weil die EU die Annexion der Krim nicht anerkennt.

Der Großteil der russischen Bevölkerung hingegen ist glücklich, dass die Krim wieder zu Russland gehört. Vor allem Staatsangestellte wie Ärzte, Lehrer und Beamte, aber auch Rentner profitieren: Ihre Gehälter und Pensionen haben sich verdoppelt. Dass die Preise für Lebensmittel um 20 bis 50 Prozent angestiegen sind und Fleisch, Fisch und Brot fast das Doppelte kosten, fiel durch die Umstellung von ukrainischen Griwna auf russische Rubel nicht so stark auf. Zuletzt stiegen Anfang Juni die Preise für öffentlichen Nahverkehr. Doch es könnte, sagen viele mit Blick auf den Donbass, schlimmer sein: "Wenigstens ist hier kein Krieg."

Quelle: n-tv.de

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