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Sonntag, 30. Juli 2017

Die Helden von Hamburg: Die Männer, die den Messerstecher stellten

Dass der Messerstecher von Barmbek gefasst wird, ist auch dem Mut mehrerer Männer zu verdanken: Mit Stühlen und Steinen halten sie ihn in Schach. Viele von ihnen sind Muslime. "Ich hoffe, dass die Menschen sehen, dass nicht alle Araber bösartig sind", sagt einer.

Als es zur Messerattacke in einem Hamburger Supermarkt kommt, sitzen sie vor einer Bäckerei ganz in der Nähe - wenig später werden einige von ihnen als die "Helden von Barmbek" gefeiert. Es sind mehrere Gäste, die aufspringen und sich die Stühle schnappen, als der Mann mit dem Messer in ihrer Nähe auf der Straße auftaucht, wie die Backshop-Betreiber berichten.

"Einfach eine normale Reaktion", sagt Jamel Chraiet.
"Einfach eine normale Reaktion", sagt Jamel Chraiet.(Foto: dpa)

Eine Frau habe geschrien, dass jemand Menschen absteche, erinnert sich der 48-jährige Jamel Chraiet später. Der gebürtige Tunesier war mit Landsleuten in dem Café. "Plötzlich haben wir einen Mann gesehen, mit einem langen Messer, blutverschmiert. Egal, wie cool man sonst ist, in einem solchen Augenblick weiß man erst einmal gar nichts."

Auf Videoaufnahmen ist später zu sehen, wie die Männer mit Stühlen ausgerüstet den Täter Ahmed A., der noch immer mit dem blutigen Messer bewaffnet ist, in Schach halten und verfolgen. Zuvor hatte dieser im Supermarkt einen 50-Jährigen erstochen und mehrere Menschen verletzt.

"Ich habe auch versucht, mit ihm zu reden, aber er hat nur etwas gesagt, was man überhaupt nicht verstanden hat", sagt Chraiet. "Ob der in einer anderen Welt war? Keine Ahnung, was mit ihm los war." Alles sei ganz schnell gegangen - lediglich die Zeit, bis Polizisten eintrafen, sei ihm "verdammt lang" erschienen.

"Es gibt auch andere"

Chraiet hält seine Tat für selbstverständlich. Das ganze Café sei voll gewesen, sie hätten einfach alle etwas tun müssen. "Als Helden würde ich uns nicht bezeichnen, das ist einfach eine normale Reaktion. Damit die Leute sehen, es gibt auch andere, die nicht so sind", sagt der Mann, der seit 27 Jahren in Deutschland lebt.

Ähnlich klingt auch ein gebürtiger Deutscher tunesischer Abstammung, der seinen Namen nicht nennen will. "Ich hoffe, dass die Menschen sehen, dass nicht alle Araber bösartig sind", sagt er. Mit Pflastersteinen hätten sie den Mann beworfen und ihm, als er gelegen habe, das Messer weggenommen.

Auch der Türke Ömer Ünlü, der aus seinem Auto die Szene beobachtete, nahm die Verfolgungsjagd auf. Als er gesehen habe, wie der Mann mit dem Messer auf eine Frau einstach, "da hat's Klick gemacht bei mir", sagt er n-tv. "Ich habe nur noch den Typen in meinem Auge gehabt, den mussten wir zum Stehen kriegen. Es geht nicht, dass er hier irgendwelche Menschen absticht." Der "Bild"-Zeitung sagt Ünlü: "Ich habe mir dann eine Eisenstange geschnappt und den Mann mit einem gezielten Schlag niedergetreckt." Dabei kugelte er sich den rechten Arm aus.

Mohammed Wali, ein gebürtiger Ägypter, der in einem Hamburger Verlag arbeitet, schritt ebenfalls ein. Er habe gesehen, wie der Täter auf einen Mann eingestochen habe, erzählt er der "Bild". "Dabei hat der Attentäter 'Allahu Akbar' gerufen. Ich habe ihn angeschrien, dass Allah solche Taten verabscheut", erzählt er. Als der Flüchtling dann weglief, habe er ihn verfolgt, sich einen Stuhl geschnappt und den Terroristen eingekesselt.

Ähnliches erzählt auch Sönke Weber, Inhaber eines Friseursalons. Auch er verfolgte mit den anderen Männern den Täter. Er fasste eine Werbetafel aus Plastik und schleuderte sie dem Täter entgegen. "Stühle, Steine, Stangen - wir haben uns alles geschnappt, was wir kriegen konnten", erzählte er "Spiegel Online". "Immer wieder haben die anderen Verfolger den Mann auf Arabisch aufgefordert, das Messer niederzulegen." Der Täter habe ab und zu fast entschuldigend die Arme gehoben.

"Ich habe nur meine Pflicht getan"

Der Azubi in der Edeka-Filiale, Toufiq Arab, stand an der Kasse, als er die "Allahu Akbar"-Schreie hörte und die Attacke beobachtete. "Keine Ahnung, ob ich meine Kasse überhaupt zugemacht habe. Mir war nur klar, ich muss ihm das Messer abnehmen, verhindern, dass er noch mehr Menschen verletzt", sagte er der "Bild". Er folgte dem Täter aus der Filiale und suchte einen Stock oder Stein, um den Angreifer zu attackieren. Als er nichts fand, rannte er die Straße hinunter und warnte Passanten und die Insassen eines Busses. Dann sah er, wie der Täter auf eine 64-jährige Frau einstach. "Das Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf", sagt er. Auch für ihn war sein Einsatz normal: "Ich bin kein Held, ich habe nur meine Pflicht getan."

Für den Betreiber des Backshops sind die Männer, die so viel Zivilcourage bewiesen, durchaus Helden. Wer weiß, was passiert wäre, "wenn sie ihn nicht aufgehalten hätten", sagt Ahmet Dogan. Stolz verweist er ebenfalls darauf, "dass es ausländische Mitbürger waren", die den Angreifer - in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und der Volksgruppe der Palästinenser angehörend - aufhielten.

Quelle: n-tv.de

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