Politik
Hitler in  München, 9. November 1933.
Hitler in München, 9. November 1933.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Hitlers Komplizen: Die Mär von der kollektiven Schuld

Von Hubertus Volmer

80 Jahre nach Hitlers "Machtergreifung" geistert die Kollektivschuldthese noch immer durchs Land. Dabei wurde dieser Vorwurf nie offiziell von den Alliierten erhoben. Trotzdem wiesen viele Deutsche ihn fleißig zurück. Die Idee der Kollektivschuld kam ihnen gerade recht.

Als die Niederlage absehbar war, erwarteten viele Deutsche, mit Vergeltung überzogen zu werden. "Wenn wir diesen Krieg verlieren, sind wir für Jahrzehnte erledigt, der Judenrache schon wegen", schrieb ein Obergefreiter im August 1944 in einem Brief nach Hause. Ähnliche Befürchtungen hatten auch Menschen, die das Nazi-Regime ablehnten. "Wenn wir das büßen müssen, was wir dort anrichten, dann haben wir nie mehr etwas zu lachen", sagte der Vater von Altkanzler Helmut Kohl im Februar 1940 nach seiner Rückkehr aus Polen. Die Nazis gaben sich alle Mühe, solche Ängste noch zu schüren. In seiner berüchtigten Sportpalastrede vom 18. Februar 1943 rief Hitlers Chefpropagandist Joseph Goebbels: "Jedermann weiß, dass dieser Krieg, wenn wir ihr verlören, uns aber vernichten würde."

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Die Furcht erwies sich als unbegründet, eine Vernichtung der Deutschen planten die Alliierten zu keinem Zeitpunkt. Allerdings sorgte die Monstrosität der deutschen Verbrechen dafür, dass bereits vor Kriegsende in Großbritannien und in den USA über das Ausmaß der deutschen Schuld diskutiert wurde. "Je länger das deutsche Volk die Unterdrückung und Tolerierung eines Regimes fortsetzt, das es in die Zerstörung führt, desto schwerer wiegt seine eigene direkte Verantwortung für den der Welt zugefügten Schaden", erklärte etwa der britische Außenminister Anthony Eden im Mai 1942. Und das Boulevardblatt "Sunday Express" schrieb im März 1944: "Warum all das Gefasel darüber, nett zu den Deutschen zu sein nachdem wir sie besiegt haben, wenn doch alle Deutschen schuldig sind!"

Umerziehung durch Konfrontation

Dennoch gab es auch andere Stimmen, und nie wurde die These, alle Deutschen seien schuldig, offizielle Politik der Alliierten. Nach dem Sieg war ihr Ziel die Umerziehung der Deutschen. Briten und Amerikaner konfrontierten die Besiegten zwangsweise mit den Verbrechen des NS-Regimes - der US-Kommandant von Weimar etwa schickte die Einwohner der Stadt durch das KZ Buchenwald, in der britischen und amerikanischen Zone wurden sogenannte Atrocity-Filme vorgeführt, bei denen das Publikum sich Aufnahmen von Leichenbergen in Konzentrationslagern ansehen musste.

Burgsteinfurt im Münsterland, 7. Juni 1945. Diese Frau hat während der Vorführung von Aufnahmen aus Bergen Belsen und Buchenwald gelacht. Ein britischer Offiziert zwingt sie, den Film ein zweites Mal zu sehen.
Burgsteinfurt im Münsterland, 7. Juni 1945. Diese Frau hat während der Vorführung von Aufnahmen aus Bergen Belsen und Buchenwald gelacht. Ein britischer Offiziert zwingt sie, den Film ein zweites Mal zu sehen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Solche Aktionen provozierten bei den meisten Deutschen kein Umdenken, sondern Empörung - und sie wurden auch bald sein gelassen. Dennoch hielt sich unter den Besiegten die harte Ablehnung von allem, was nach Entnazifizierung und damit nach Kollektivschuldthese roch - denn für viele Deutsche nach dem Krieg war die Entnazifizierung nichts anderes als eine kollektive Schuldzuweisung.

Die ersten und vehementesten Kämpfer gegen den angeblichen Kollektivschuldvorwurf waren die Kirchen. Sie sahen den Nationalsozialismus als Folge eines "Abfalls der Welt von Gott". Aus ihrer Sicht war Schuld allenfalls eine Privatangelegenheit. Der katholische Theologe Heinz Fleckenstein schrieb 1946: "Wer bei genauer Gewissensforschung mehr bei sich erkennt als die allgemeine Mitbeteiligung an dem objektiven Abfall der Welt von Gott, hat das in privater Erkenntnis und Anerkenntnis seiner Schuld, in privater Erkenntnis vor Gott und seinem Stellvertreter in Reue und Sühnebereitschaft des Lebens in Ordnung zu bringen. Mit einem öffentlichen oder gar politischen einseitigen Schuldbekenntnis hat das nichts zu tun."

"Schluss mit Entnazifizierung und Entmündigung"

Wahres Ziel solcher Kritik war die Entnazifizierungspolitik der Alliierten. Ihr sollte die moralische Grundlage entzogen, sie sollte als Siegerjustiz diffamiert werden. In dieser Logik wurden die Deutschen zu Opfern: "Es mag auf den ersten Blick absonderlich erscheinen, den Antisemitismus mit der Idee von der Kollektivschuld gleichzusetzen", schrieb der Chefredakteur der "Zeit", Richard Tüngel, im September 1947 - um dann genau dies zu tun: Beide seien "das Ergebnis jenes verhängnisvollen Massendenkens, das aller echten Freiheit des Geistes ebenso widerspricht wie der Meinungszwang totalitärer Systeme". Zwei Jahre später zog die FDP mit der Forderung nach einem "Schlussstrich" in den ersten Bundestagswahlkampf: "Schluss mit Entnazifizierung, Entrechtung, Entmündigung", stand auf ihren Plakaten. Im politischen Klima der Nachkriegszeit war eine solche Position absolut mehrheitsfähig. 1948 sagten in einer Umfrage der amerikanischen Militärverwaltung mehr als 55 Prozent der Befragten, der Nationalsozialismus sei eine "gute Idee" gewesen, die nur "schlecht ausgeführt" worden sei.

Dies war der Hintergrund, vor dem die geradezu obsessive Abwehr des angeblichen Kollektivschuldvorwurfs in der Nachkriegszeit betrieben wurde. Dabei gab es "kein einziges offizielles Dokument ..., in dem die Siegermächte eine Kollektivschuld postulierten", wie der Historiker Norbert Frei schreibt. Was es stattdessen gab, "war ein anhaltendes publizistisches Geraune - und im tagespolitischen Diskurs der 'Ära Adenauer' eine Fülle beiläufiger Bemerkungen über die Ungerechtigkeit des Kollektivschuldvorwurfs".

"Die Kumpanei der Vielzuvielen"

Kurzum: Die Öffentlichkeit im Nachkriegsdeutschland war mit der Abwehr eines Vorwurfs beschäftigt, den niemand ernsthaft erhoben hatte. Dies hatte Methode: Vielfach war die Zurückweisung der Kollektivschuld gleichzusetzen mit dem Versuch, deutsche Schuld insgesamt zu verneinen. Doch die kollektive Unschuld, die viele Deutsche nach dem Krieg für sich in Anspruch nahmen, gab es ebenso wenig wie die kollektive Schuld.

19. April 1945: Bürger aus Weimar im KZ Buchenwald.
19. April 1945: Bürger aus Weimar im KZ Buchenwald.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bundeskanzler Konrad Adenauer, der in seinen Erinnerungen pflichtschuldig betonte, er habe "nicht den Gedanken der Kollektivschuld aller Deutschen" vertreten, machte im Februar 1946 in einem Brief an einen Bonner Pfarrer klar, dass es durchaus eine deutsche Schuld gab: "Nach meiner Meinung trägt das deutsche Volk und tragen auch die Bischöfe und der Klerus eine große Schuld an den Vorgängen in den Konzentrationslagern. Richtig ist, dass nachher vielleicht nicht viel mehr zu machen war. Die Schuld liegt früher. Das deutsche Volk, auch Bischöfe und Klerus zum großen Teil, sind auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen."

Adenauers Gegenspieler, der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, präsentierte am 6. Mai 1945, also zwei Tage vor dem Ende des Krieges, eine ganz ähnliche Analyse. In einer Rede vor sozialdemokratischen Funktionären in Hannover betonte er zwar die "Alleinschuld der Nazi(s)" und beschrieb Deutschland nach 1933 als "ein Stück Beute für eine Horde von verkrachten Existenzen, von Verbrechern und Abenteurern". Aber er sagte auch: "Raffiniert haben die Hauptakteure eine riesige Zahl kleinerer Kumpane in ihre Schuld verstrickt." Und er sprach von den "Vielzuvielen", die gern genommen hätten, "was ihre Söhne, Väter und Ehemänner im Kriege aus den besetzten Gebieten herangeschleppt haben".

Verbreitete Komplizenschaft statt kollektiver Schuld

In diesem Sinn ergab sich die Schuld der Deutschen nicht aus der Tatsache, dass sie Deutsche waren. Sondern aus der "stillen Komplizenschaft" mit dem NS-Regime, die weiter verbreitet war, als die Deutschen sich eingestehen wollten. Der Historiker Götz Aly brachte dies in folgendem Satz auf den Punkt: "Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht sprechen will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen."

Es war eben nicht nur eine kleine Clique, die den Mord an den europäischen Juden und die anderen Verbrechen geplant und umgesetzt hatte. Es waren Unternehmer und Arbeitslose, Beamte und Soldaten, die sich daran beteiligten oder davon profitierten - indem Konkurrenten ausgeschaltet wurden, indem man einen Arbeitsplatz erhielt, den zuvor ein Jude gehabt hatte, oder indem man "arisiertes" Eigentum günstig erstand.

"Beim nächsten Mal wird man von Kollektivschuld sprechen müssen"

Ab dem Ende der fünfziger Jahre wurde die Zurückweisung der Kollektivschuld für den politischen Mainstream in Westdeutschland zur einer Floskel. Trotzdem blieb die Gesellschaft bei einer Ausweitung von Schuldvorwürfen überaus empfindlich. Sowohl Götz Aly als auch den Initiatoren der Wehrmachtsausstellung wurde vorgeworfen, die alte Kollektivschuldthese aufzuwärmen - obwohl es in beiden Fällen nur darum ging, auf bislang ignorierte individuelle Schuld hinzuweisen.

Das deutsche Konzentrationslager Auschwitz wurde am 27. Januar 1945 von sowjetischen Truppen befreit.
Das deutsche Konzentrationslager Auschwitz wurde am 27. Januar 1945 von sowjetischen Truppen befreit.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bei einer verdrehten Minderheit hat sich die Mär der kollektiven Schuld bis heute gehalten. So schrieb die "Junge Freiheit", das Blatt für Rechtsradikale mit Abitur, im vergangenen Oktober, Bundespräsident Richard von Weizsäcker habe mit seiner Rede zum 8. Mai 1985 "die These einer moralischen Kollektivschuld der Deutschen für die Verfolgung und Ermordung der Juden im Dritten Reich zur offiziellen Staatsmeinung" gemacht. Nichts könnte falscher sein: Weizsäcker hatte in seiner historischen Rede im Bundestag ausdrücklich gesagt: "Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich." Auf Unsinn hat die Rechte natürlich keineswegs das Monopol. "Nicht schlechthin die Deutschen tragen eine 'Kollektivschuld', wie die Politik uns weismachen will, sondern die Faschisten, die ja dem kapitalistischen System entsprungen sind", schreibt eine "Linke Zeitung" auf ihrer Webseite.

Weizsäcker wusste und betonte, dass nicht Schuld kollektiv ist, sondern die Verantwortung, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. "Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah", sagte er. "Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird."

Noch ein bisschen pointierter hatte es der österreichische Schriftsteller Günther Anders in den 1970er Jahren formuliert. "Wenn sich aber derartiges wiederholen sollte, dann wird in der Tat jeder von uns mitschuldig sein. Das nächste Mal wird man von 'Kollektivschuld' nicht nur sprechen dürfen, sondern sprechen müssen."

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Quelle: n-tv.de

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