Politik
Nimbus der gemäßigten Wirtschaftsliberalen: Alice Weidel
Nimbus der gemäßigten Wirtschaftsliberalen: Alice Weidel(Foto: imago/ZUMA Press)
Montag, 11. September 2017

Nur ein weiterer Tabubruch: Die Mail-Affäre wird der AfD nicht schaden

Von Benjamin Konietzny

Mit einer Mischung aus Reichsbürger- und Neonazi-Formulierungen soll sich ausgerechnet das "vernünftige Gesicht" der AfD, Alice Weidel, ausgelassen haben. Während die Öffentlichkeit schnaubt, können sich AfD-Funktionäre entspannt zurücklehnen.

Die Veröffentlichung der E-Mail, die Weidel im Februar 2013 verfasst haben soll, kommt für die AfD zur Unzeit - könnte man denken. Weidel soll in der Nachricht geschrieben haben: "Der Grund, warum wir von kulturfremden Völkern wie Arabern, Sinti und Roma etc. überschwemmt werden, ist die systematische Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft als mögliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden." Und über die Bundesregierung: "Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermächte des 2. Weltkrieges." Angesichts dieser Formulierungen könnte die Spitzenkandidatin politischen Schaden nehmen, Umfragewerte könnten sinken. Werden sie aber nicht - aus vier Gründen:

Erstens: Tabubrüche sind elementare AfD-Strategie

Beatrix von Storch will auf Frauen und Kinder schießen lassen, Björn Höcke fordert die erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, André Poggenburg skandiert "Deutschland den Deutschen" und Alexander Gauland will die Integrationsbeauftragte des Bundes in Anatolien "entsorgen".

Seit sich die AfD von einer eurokritischen zu einer rechtspopulistischen Partei gewandelt hat, geschehen diese Provokationen immer wieder. In der Folge jedoch hat die Partei in den Umfragen meistens zugelegt, statt Wähler abzuschrecken. Während ein Großteil der Öffentlichkeit solche Äußerungen skandalös findet, sehen sich AfD-Wähler offensichtlich eher bestätigt. Die Veröffentlichung der Mail bezeichnet Alice Weidel bisher zwar als Kampagne, folgt man jedoch der Logik ähnlicher Provokationen in der Vergangenheit, könnte sie der Partei im Endspurt des Wahlkampfs sogar Aufwind geben.

Zweitens: Weidel fischt nicht zum ersten Mal am rechten Rand

Alice Weidel hat den Nimbus einer gemäßigten Wirtschaftsliberalen. Ihr privates Lebensmodell - lesbische Beziehung mit Kindern - passt nicht so recht in das AfD-Familienbild. Weidel grenzt sich anders als Gauland gelegentlich vom rechtsnationalen Flügel um Höcke und Poggenburg ab. Dennoch: Wer glaubt, im Spitzenteam der AfD gäbe es ein ideologisches Gefälle zwischen Gauland und Weidel, der irrt.

Auch wenn Weidel die Äußerungen Höckes verurteilt hat ("unsägliche, rückwärtsgewandte Debatte"), kann sie auch selbst radikale Töne anschlagen. Das muslimische Gemeinwesen sei einzig und allein auf die Errichtung eines Gottesstaates ausgelegt, Erdogans "fünfter Kolonne" müsse konsequenterweise die Staatsbürgerschaft aberkannt werden, die politische Korrektheit gehöre auf den "Müllhaufen der Geschichte". Alice Weidel beherrscht hinter der Fassade einer gemäßigten Wirtschaftsexpertin den rechtspopulistischen Ton aus dem Effeff.

Drittens: Die "Lügenpresse" schreibt ohnehin, was sie will

Veröffentlicht hat die Mail die Tageszeitung "Welt" - aus Sicht vieler AfD-Wähler Teil der tendenziösen Mainstream-Medien, die ohnehin nur daran interessiert sind, der Partei zu schaden, statt objektiven Journalismus zu betreiben. Keine Wählergruppe hat ein so tiefes Misstrauen den Medien gegenüber wie AfD-Wähler. Dass mit Dagmar-Rosenfeld Lindner die Ehefrau des FDP-Spitzenkandidats Christian Linder in der Chefredaktion der "Welt" sitzt, dürfte darüber hinaus Diskussionen, wonach der politische Gegner die Berichterstattung beeinflusst, anheizen. Und so dürften am Ende auch nur sehr wenige Anhänger der AfD überhaupt glauben, dass an der Enthüllung der Nachricht etwas dran ist, während der Rest der Öffentlichkeit schnaubt vor Empörung.

Viertens: Alice Weidel bekommt von allen Seiten Rückendeckung

Zwar liegen der "Welt" nach eigenen Angaben Aussagen vor, aus denen hervorgehe, dass sie die Nachricht selbst verfasst habe. Selbst von einer "Eidesstattlichen Versicherung" ist die Rede. Kurz nach der Veröffentlichung sagt Weidel im Gespräch mit der "Welt" jedoch, sie habe die Mail nicht verfasst. Als sie gefragt wird, ob sie darauf einen Eid leisten würde, lautet die Antwort: "Sie werden schon sehen, was wir dann machen werden" - Weidel bleibt eine eindeutige Antwort schuldig. Stattdessen spricht sie von einer Kampagne gegen die AfD.

Auch Gauland bezeichnet die Veröffentlichung als "erbärmliche Kampagne" und als "üblen Versuch, die AfD um jeden Preis aus dem Bundestag zu halten". Und zum Inhalt der Mail sagt er: "Diese E-Mail ist nicht ihre Sprache, passt gar nicht zu ihr". Auch Bundessprecher Jörg Meuthen gibt sich zurückhaltend: Wenn Weidel sage, sie habe die Nachricht nicht geschrieben, dann werde das wohl so sein, sagt er der "Bild"-Zeitung. An Spekulationen will er sich nicht beteiligen und hält Weidel den Rücken frei.

Wenn die AfD aus dem Umfragetief der vergangenen Monate eines gelernt hat, dann ist es dies: Es gibt durchaus Faktoren, die der Wählergunst Schaden zufügen können. Tabubrüche und Provokationen gehören nicht dazu.

Quelle: n-tv.de

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