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Wenn solche Plakate konfisziert werden, damit die Behörden prüfen können, ob es sich um Beleidigung handelt, hat die "Partei" schon gewonnen.
Wenn solche Plakate konfisziert werden, damit die Behörden prüfen können, ob es sich um Beleidigung handelt, hat die "Partei" schon gewonnen.(Foto: imago/Future Image)

Mit Hitler zur Europawahl: "Die Partei" lässt das ZDF alt aussehen

Von Nora Schareika

Der Spot sei auf die Gewohnheiten des ZDF-Publikums abgestimmt, sagt "Die Partei". Der Sender aber will die Europawahlwerbung der Spaßtruppe trotz eindeutiger Satire nicht zeigen. Ein PR-Coup für das Team von Parteichef Sonneborn.

Die Satirepartei "Die Partei" verzichtet auf einen ihrer vier Wahlwerbespots, der eigentlich im ZDF gesendet werden sollte. Stattdessen soll am morgigen Dienstag ein bereits ausgestrahlter Wahlspot ein zweites Mal gezeigt werden, wie der Parteivorsitzende Martin Sonneborn n-tv.de mitteilte. Darin hält Sonneborn in Hitlermanier eine Rede vor frenetisch klatschenden jungen Leuten. Er erzählt vor der Kulisse des Glockenturms am Berliner Olympiastadion Nonsens von einem friedliebenden Europa, das deshalb eine mutige und tapfere Jugend brauche. "Wir wollen, dass dieses Europa einst nicht verweichlicht wird, sondern dass es hart sein kann - und ihr müsst euch in der Jugend stählen." Das Zitat ist angelehnt an eine Hitler-Rede auf dem Nürnberger "Reichsparteitag" der NSDAP von 1934. Die Rede schließt mit dem Wahlkampfslogan der "Partei": "Ja zu Europa, Nein zu Europa."

Das ZDF zieht den Hitler-Spot dem eigentlich vorgesehenen Spot vor. Darin wäre am Dienstagabend ein junges Paar zu sehen gewesen, das gemeinsam auf dem Klo höchst interessiert die Satirezeitschrift "Titanic" liest und sich dabei kaputtlacht. Am Ende heißt es: "Am 25. Mai 'Die Partei' wählen. Am 30. Mai Titanic kaufen." Der Grund für die Ablehnung des ZDF: Es handele sich wegen der Kaufaufforderung für die Zeitschrift um unzulässige Wirtschaftswerbung.

So richtig glücklich sieht der Sender vor der schlagfertigen Truppe um Martin Sonneborn allerdings nicht aus. Gegenüber n-tv.de erklärte der Satiriker, der im Jargon der Partei "GröVaZ" (Größter Vorsitzender aller Zeiten) genannt wird: "Wir ziehen mit Sex und Hitler in den Wahlkampf, das ist der europäischen Idee angemessen." Zuvor hatte "die Partei" spitz verkündet, dass sie die Haltung des öffentlich-rechtlichen Senders für Rechtsbruch halte, aber trotzdem auf den Spot und eine juristische Auseinandersetzung verzichte - "damit das ZDF nicht weiterhin Rundfunkgebühren verschwendet, indem es teure Anwaltsfirmen beauftragt". Dabei beklagte die "Partei", das ZDF verweigere ihr grundlegende Verfassungsrechte. Ein Sendersprecher wies den Vorwurf zurück und ließ verlauten: "Die Sache ist relativ einfach: Wenn die Partei einen rechtlich einwandfreien Wahl-Spot liefert, wird er ausgestrahlt."

Seit "Die Partei" Mitte März zur Europawahl zugelassen wurde, zieht sie ihre Politsatire wie in jedem Wahlkampf konsequent durch. Da hatte sie mit Hinblick auf die Debatte um europakritische Parteien verkündet: "Da genügend Irrsinnige für Europa eintreten und ebensoviele Schwachköpfe dagegen, haben wir beschlossen, die vakante Position mit 'Europa ist uns egal!' zu besetzen. Das dürfte rund 72 Prozent der Wähler aus der Seele sprechen."

Vorbild "Apotheken-Umschau"

Das ZDF verweigert die Ausstrahlung des Spots, weil er eigentlich Werbung für die "Titanic" sei - ein kommerzielles Produkt.
Das ZDF verweigert die Ausstrahlung des Spots, weil er eigentlich Werbung für die "Titanic" sei - ein kommerzielles Produkt.(Foto: Youtube/n-tv.de)

Zum Vorwurf der Wirtschaftswerbung verbreitete Titanic-Chefredakteur Tim Wolff, der in dem Spot mit einer Redaktionskollegin auftritt, auf der Homepage der Zeitschrift: "Der Eindruck eines dominanten Charakters der Wirtschaftswerbung ergibt sich nur, weil der Wahlwerbespot sich eines für ZDF-Zuschauer gewohnten und verständlichen Vorbilds bedient: der Werbung der 'Apotheken-Umschau'." Die Macher bedauern lediglich, dass der Film nun nicht das damit gemeinte ältere Publikum erreiche, für den er doch eigens hergestellt worden sei.

In einer überarbeiteten Version war in dem Clip der Titel des gezeigten "Titanic"-Hefts gepixelt worden. Doch das hatte dem Sender nicht gereicht. Der Sender teilte mit, die "Titanic" sei ein kommerzielles Produkt und ein Aufruf zum Kauf nicht zulässig.

Seitenhiebe gegen Lanz, Senioren und den Papst

Die Satirepartei lässt auch einen Frontalangriff auf den Sender nicht aus: "Es ist offensichtlich, dass das ZDF Ausflüchte sucht, um den Einfluss der PARTEI auf seine Zuschauerschaft zu minimieren. Die PARTEI ist eine Partei ehemaliger Zivildienstleistender, der die Belange von Senioren wichtig sind und die diese vor dem schädlichen Einfluss des ZDF-Programms zu bewahren versucht", heißt es auf der Homepage.

Auch an einzelnen Motiven aus vergangenen "Titanic"-Heften hatte der Sender offenbar Anstoß genommen. In dem Video wird eine Seite gezeigt, auf der ZDF-Moderator Markus Lanz mit dem Kommentar zu sehen ist: "Damit sie keiner mehr schaut: Markus Lanz moderiert jetzt Kinderpornos." Auch das umstrittene Motiv vom früheren Papst Benedikt XVII., auf dem er sich vermeintlich eingenässt hat, ist zu sehen, versehen mit einem Spruch im Stil der Apotheken-Umschau-Werbung, der lautet: "Wie Sie trotz Blasenschwäche Ihre Würde behalten." Nicht besonders begeistert dürfte das ZDF auch vom Motiv eines Seniorenpaares beim Nordic Walking sein, neben dem geschrieben steht: "Fit in den Tod". Dazu heißt es aus dem Off: "Wie Sie Ihre nächste Reise gesund antreten."

All das ist sicher nicht jedermanns Geschmack, doch ist der Spot in seiner bewussten Schwachsinnigkeit so eindeutig als Satire erkennbar, dass die Entscheidung des ZDF im Kontrast zu den deftigen Stellungnahmen der "Partei" und ihres selbsterklärten "Parteiorgans" Titanic reichlich kleinkariert erscheint. So viel ist klar: Das ZDF hat der Satirepartei mehr Aufmerksamkeit verschafft, als jeder Wahlwerbespot im Fernsehen es vermocht hätte.

Quelle: n-tv.de

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