Politik
Immer wieder kommt es in Athen zu gewaltsamen Demonstrationen gegen die Sparmaßnahmen.
Immer wieder kommt es in Athen zu gewaltsamen Demonstrationen gegen die Sparmaßnahmen.(Foto: dpa)

Die griechische Misere: "Die Party ist vorbei"

Nicolas Vernicos ist Reeder in der vierten Generation. Die Familie des 67-jährigen Unternehmers gehört zu den einflussreichsten in Griechenland. Unser Korrespondent Dirk Emmerich hat ihn in Piräus auf einer seiner Privatjachten besucht und mit ihm über Steuern, Kapitalflucht und die Lage in Griechenland gesprochen.

n-tv: Herr Vernicos, wie konnte es dazu kommen, dass Griechenland in eine so tiefe Krise reinrutscht?

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Nicolas Vernicos: Wir haben in den letzten 20 Jahren sehr viel Geld und Unterstützung von unseren Partnern bekommen, ohne dass geprüft und kontrolliert wurde, was wir mit diesem Geld gemacht haben. Wir haben es einfach ausgegeben, ohne viel nachzudenken. Das müssen wir ändern. Ich bin aber auch erstaunt, dass unsere Partner uns so gutgläubig Geld geliehen haben, ohne Sicherheiten zu verlangen.

Das klingt so, als ob Deutschland mitverantwortlich ist für die griechische Misere?

Definitiv. Deutschland ist die stärkste Wirtschaftsmacht in Europa und kennt die Unterschiede auf dem Kontinent am besten. Es kennt unsere Mängel sehr genau - keine ausreichende Rechtssicherheit, Korruption in der Wirtschaft und Politik. Es hat von unserer Regierung viel zu spät eingefordert, die Rahmenbedingungen auf ein gesundes Fundament zu stellen.

Die Schifffahrt ist einer der wenigen erfolgreichen Wirtschaftsbereiche in Griechenland. Warum zahlen Sie so wenig Steuern?

Schauen Sie, wir sind so etwas wie die Taxifahrer der Meere. Wir transportieren jede Ware für jedermann an jeden Hafen. Der Staat bekommt von uns eine Steuer auf die unter griechischer Fahne registrierten Bruttoregister-Tonnen. Aber warum sollte er eine Steuer auf unseren Umsatz erheben dürfen? Wir transportieren 15 Prozent der Welthandelsgüter. Über die ganze Welt, aber eben nicht in Griechenland. Wenn die Regierung versuchen würde, die Besteuerung zu erhöhen, würde ich meine Schiffe nicht mehr unter griechischer Fahne fahren lassen und anderswo registrieren. Fragen Sie mal deutsche Reeder, die haben Erfahrung damit. Ein Teil der zypriotischen Flotte gehört deutschen Reedern.

Aber dennoch: Sie machen einen guten Profit, warum greifen Sie ihrem angeschlagenen Staat nicht mehr unter die Arme?

Naja, wir machen doch sehr viel, haben das immer gemacht. Schauen Sie sich auf den Ägäis-Inseln um - die Häfen, viele Rathäuser sind von Reedern errichtet worden. Und - ich möchte nicht, dass da ein Missverständnis aufkommt - ich zahle wie jeder andere hier eine persönliche Einkommenssteuer. Der Staat hat kein großes Interesse, unsere Rahmenbedingungen zu verändern, denn dann würde ich überlegen müssen, das Land zu verlassen. Ich bin Unternehmer und muss in diesem sehr wettbewerbsintensiven Geschäft konkurrenzfähig bleiben.

Nicolas Vernicos parkt an den Wochenenden sein Geld außerhalb des Landes.
Nicolas Vernicos parkt an den Wochenenden sein Geld außerhalb des Landes.

Haben Sie denn Vertrauen in die Regierung?

Nein, ich glaube keiner unserer politischen Parteien. Es ist erwiesen, dass sie inkompetent sind. Unsere Politiker sind durch die Kredite und das Geld der letzten zwei Jahrzehnte korrumpiert worden. Anstatt Krankenhäuser, Schulen und Straßen zu bauen, wurde das Geld genutzt, um die Finanzlöcher der großen Staatsunternehmen zu stopfen und den Verwaltungsapparat immer mehr aufzublähen. Aber die Party ist vorbei, das haben sie inzwischen realisiert. Besser spät, als nie. Was wir brauchen, ist eine Privatisierung- und Reformwelle.

Wenn Sie der Regierung nicht trauen, haben Sie noch Geld in griechischen Banken deponiert?

Bevor es aus Deutschland keine Stimmen gab, dass Griechenland vielleicht die Euro-Zone verlassen müsse, hatte ich mein gesamtes Geld in griechischen Banken. Jetzt nicht mehr. Ich habe ein Unternehmen, ich habe eine Familie, ich habe Kinder. Um diese zu schützen, habe ich einen Teil des Geldes inzwischen im Ausland. Um meinen Cashflow in Griechenland nicht zu gefährden, transferiere ich jeden Freitag Geld auf ausländische Konten und hole es am Montag wieder zurück. Denn wie Sie wissen, passieren alle unvorhergesehenen Dinge an Wochenenden. Warum mache ich das? Weil deutsche Politiker und Wirtschaftsexperten mir das mit ihren Analysen nahelegen.

Wird Griechenland den Euro halten können?

Die Griechen waren und sind überzeugte Europäer, trotz der Therapie, die uns Europa verordnet hat. Es ist eine völlig falsche Therapie. Wollen Sie einen Beweis?

Ja ...

Als die ersten Krisenpakete geschnürt wurden, lag unsere Verschuldung bei 120 Prozent des Brutto-Inlandsproduktes. Heute, ein paar Jahre später, liegt sie bei 195 Prozent. Und wenn alles gut geht, Griechenland allen Empfehlungen folgt und sich alle Indikatoren so entwickeln, wie es die Modelle berechnet haben, dann werden vielleicht im Jahr 2020 die Verschuldungsrate auf 170 Prozent senken. Okay, jetzt können Sie sagen, wir sind viel zu langsam bei der Umsetzung der Reformen und Empfehlungen. Richtig. Aber wenn Sie krank sind und der Arzt verschreibt Ihnen Pillen und nach einer gewissen Zeit merken Sie, dass diese nicht wirken und Sie sogar noch kranker geworden sind: Dann muss eine andere Therapie her.

Mit Nicolas Vernicos sprach Dirk Emmerich

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Quelle: n-tv.de

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