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Die Flagge des Terrors weht: Die Dynamik des IS wirkt auf junge Radikale anziehend.
Die Flagge des Terrors weht: Die Dynamik des IS wirkt auf junge Radikale anziehend.(Foto: REUTERS)

Der Weg in den Dschihad: "Die Radikalen haben immer eine Antwort"

"Wir müssen erkennen, das junge Muslime nicht das Problem, sondern Teil der Lösung sind". Unter diesem Motto versucht Aycan Demirel von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus gegen islamistische Propaganda vorzugehen. Er will den Ruf des Islam in Deutschland verbessern.

n-tv.de: Wie anfällig sind junge Muslime in Deutschland durch islamistische Propaganda?

Aycan Demirel: Wenn man die islamistische Radikalisierung so versteht, dass die Jugendlichen kurz davor sind, sich nach Syrien abzusetzen, dann macht diese Gruppe einen ganz geringen Anteil aus. Aber man kann auch radikal sein, ohne Terror gut zu finden, indem man die Demokratie als Ganzes als ein gottloses, menschengemachtes Gebilde ablehnt. Ich bin nicht mehr als einer Hand voll Jugendlichen begegnet, bei denen ich sagen würde, dass sie versuchen, die Welt fundamentalistisch zu erklären. Es läuft ja so: Sieben Provokateure ziehen eine Weste mit "Scharia-Polizei" an, und bekommen eine riesige mediale und politische Aufmerksamkeit. Wir haben mal eine Veranstaltung gemacht, bei der junge Muslime von ihrem Engagement gegen Antisemitismus erzählt haben. Dazu ist weder ein Medienvertreter noch ein Politiker gekommen. Uns ist wichtig, dass junge Muslime nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung wahrgenommen werden.

Trotzdem gibt es die extremistischen Strömungen.

Es gibt natürlich ein "aber". Und zwar radikale Islamisten. Ihre Anzahl ist zwar verschwindend klein, aber dennoch haben sie eigene Moscheen, wo sie ihre Propaganda betreiben. Von den 3000 Moscheen in Deutschland vertritt nur eine Hand voll radikale Thesen, diese sind öffentlich aber sehr stark wahrnehmbar. Und sie sind in den sozialen Medien sehr aktiv. Man findet viele Videobotschaften von Pierre Vogel, um die man gar nicht herum kommt, wenn man sich über den Islam informieren will. Warum ist Prävention so wichtig? Zwar begegnet man in der Schule so gut wie keinen Islamisten, trotzdem begegnet man Deutungsmustern, an die radikale Islamisten anknüpfen können, wie zum Beispiel, dass der Westen islamfeindlich ist. Das ist eine weit verbreitete Auffassung. Wenn die Mutter mit Kopftuch oder der Vater mit Bart auf der Straße schief angeguckt werden, drängt sich die Deutung auf: "Wir werden ausgegrenzt, weil wir Muslime sind." Das schiebt man dann auf die westliche Kultur. Wenn man permanent solche Eindrücke sammelt und dann mit Thesen wie denen von Pierre Vogel konfrontiert wird, findet man eine angebliche Erklärung: Eine Ideologie von einem "Krieg gegen Muslime".

Medien berichten über die Gräueltaten des IS, zum Beispiel die Tötung von Gefangenen, aber auch Leichenschändung und Massenhinrichtungen. Zeitgleich sprechen viele gemäßigte Muslime, auch Imame und Wissenschaftler, davon, dass das Vorgehen der Terrormiliz mit dem eigentlichen Islam nicht vereinbar ist.

Die Debatte darum, ob oder was das mit dem Islam zu tun hat, halte ich für wenig sinnvoll. Natürlich bezieht sich der IS auf den Islam, indem er diese Auslegung als die einzig richtige und wahre vorgibt. Wichtiger ist es, dass der Islam, den radikale Salafisten predigen, nicht mit dem Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft vereinbar ist. Der gemäßigte Islam, den die überwiegende Mehrheit der Muslime praktiziert und den ich aus meinem Umfeld kenne, ist mit dieser Ansicht nicht vereinbar.

Warum wirken die Radikalen so attraktiv auf bestimmte junge Menschen, während die friedlichen Stimmen von ihnen ungehört bleiben?

Das könnte man auch mal anders sehen: Von den Muslimen im Alter von 16 bis 30 hört die überwiegende Mehrheit gerade nicht auf die Radikalen. Die friedlichen Stimmen sind so erfolgreich, dass nur ein paar Hundert den Rattenfängern folgen. Die Wenigen, die es doch machen, bekommen von ihnen ein klares Weltbild, aber auch Werte und Orientierung angeboten. Wir leben in einer komplizierten Zeit, man findet nur sehr schwer einen Überblick. Da bietet der radikale Salafismus einfache Antworten, es gibt klare Kategorien von Gut und Böse, von halal, also erlaubt, und haram, also verboten. Man muss nicht denken, man muss nur folgen. Das erleichtert die eigene Positionierung. Außerdem bieten diese Bewegungen einen gemeinschaftlichen Aspekt: Jugendliche begegnen dort einer Scheinwelt von guten Brüdern und Schwestern. Dazu kommt ein Gefühl des Auserwähltseins. Man hält sich an den guten, richtigen Islam, in einer kleinen, eng verbundenen Gruppe. Außerdem wird noch das Paradies versprochen.

Denis Cuspert, der jetzt in der Führungsebene des IS arbeitet, war in Deutschland ein mehr oder weniger erfolgreicher Rapper. Wie unterscheidet sich die Anziehungskraft eines Prominenten von der eines reinen Predigers wie Pierre Vogel?

Vom Rapper zum Radikalen: Denis Cuspert ist eine wichtige Identifikationsfigur junger Islamisten aus Deutschland.
Vom Rapper zum Radikalen: Denis Cuspert ist eine wichtige Identifikationsfigur junger Islamisten aus Deutschland.(Foto: picture alliance / dpa)

Im Islamismus ist es wie in der Werbung: Prominente Gesichter bringen eine bessere PR. Daniel Cuspert alias Deso Dogg ist ein Begriff, man kennt ihn, seine Texte. Anders als andere Rapper redet er nicht nur, er tut etwas. Er setzt sein Leben für seine Ziele ein. Er hat alles durchgemacht, hat die dekadente Kultur des Westens, wie es die Islamisten nennen, erlebt: Diskos, Frauen, Alkohol. Trotzdem lehnt er all das für einen "besseren Islam" ab. Etwas Ähnliches gilt für Pierre Vogel: Er ist Deutscher, war Christ. Das führt nicht zu Ablehnung, im Gegenteil. Vogel steht für die Überlegenheit der islamischen Kultur, die sogar ein Deutscher erkennt.

Wie kann man die Radikalisierung junger Muslime in Deutschland verhindern?

In der Pubertät treten immer wieder Fragen zur eigenen Identität auf. Gerade als Moslem in einer westlichen Kultur sind diese Fragen wichtig. Bin ich Deutscher? Muslim? Gehöre ich zu dieser Gesellschaft? Was habe ich mit dem IS zu tun, warum muss ich mich davon distanzieren? In der Prävention wollen wir Jugendliche in diesem Dschungel der Unklarheit unterstützen, eigene Haltungen zu entwickeln. Praktisch heißt das, wir wählen Themen aus, die den Jugendlichen im Alltag begegnen: Fragen nach dem muslimischen Leben in Deutschland, nach den Stellungen von gemäßigten und radikalen Deutungen. Wir besprechen auch antimuslimische Ressentiments und thematisieren das Islambild in den Medien. Dazu arbeiten wir mit muslimisch sozialisierten Experten, die unterschiedliche Auslegungen des Islams verkörpern. Diese Themen sind ja in den Köpfen der Jugendlichen, und auf diese Fragen haben die radikalen Islamisten immer eine Antwort. Wir müssen ihnen eine Alternative dazu bieten, damit sie sich aktiv und konstruktiv in die Gesellschaft einbringen können.

Auch von Rückkehrern aus den Kampfgebieten geht eine Gefahr für Deutschland aus. Wie sollte man diesen Menschen begegnen?

Die Gefahr durch islamistische Rückkehrer ist auf jeden Fall groß. Man muss bei jedem ehemaligen Kämpfer gucken, warum er zurückgekommen ist: Hatte er keine Lust mehr, ist er ausgestiegen? Oder kommt er mit konkreten Plänen zurück, will Anschläge verüben oder Kämpfer rekrutieren? Letzteres fällt in den Bereich der Sicherheitsbehörden, sie müssen diese Leute finden und aufhalten. Die Rückkehrer müssen zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie Untaten begangen haben, das ist wichtig, auch für die Außenwirkung. Für die Aussteiger gilt: Sie sind mit hohen Idealen hingegangen, wurden dort aber mit brutalem Terror konfrontiert. Es geht jetzt darum: Wie kann man diesen Menschen helfen, wie kann man ihnen Perspektiven geben und sie wieder in die Gesellschaft integrieren? Dafür gibt es zwar Projekte, die helfen sollen, diese Menschen wieder in die Gesellschaft einzugliedern, ähnlich wie bei Aussteigern aus der rechten Szene. Diese müssen jedoch deutlich ausgebaut werden, da immer mehr Rückkehrer zu erwarten sind.

Welche Richtung sollte Deutschland generell einschlagen, um der Bedrohung durch den radikalen Islamismus zu begegnen?

Wir müssen den jungen Muslimen das Gefühl vermitteln, dass sie dazugehören und ein Teil der Gesellschaft sind. Wir sind aber noch an einem Punkt, an dem diskutiert wird, ob das überhaupt so ist. Das konnte man zum Beispiel an den Reaktionen auf die Äußerung des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff ablesen, der sagte, der Islam gehöre "inzwischen auch zu Deutschland". Die Integration, die Gleichstellung des Islams mit anderen Religionen, sollte vorangetrieben werden. Nur so kann man den radikalen Rattenfängern den Boden entziehen.

Mit Aycan Demirel sprach Dominik Schneider

Quelle: n-tv.de

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