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Die Schweden stehen ratlos vor der aufflammenden Gewalt. Dabei sind die Probleme hausgemacht.
Die Schweden stehen ratlos vor der aufflammenden Gewalt. Dabei sind die Probleme hausgemacht.(Foto: dpa)

Warum Schwedens Vorstädte brennen: Die Rebellion der Abgehängten

Von Johannes Graf

Blaue Seen, grüne Wälder, lächelnde Menschen: Das Bild, das viele Menschen von Schweden haben, wird durch die seit Tagen tobenden Krawalle in Husby und anderen Vorstädten erschüttert. Dabei trifft das blau-gelbe Ikea-Klischee schon lange nicht mehr auf das skandinavische Land zu.

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Wenn in diesen Tagen von schweren Krawallen in Schwedens Hauptstadt Stockholm zu lesen ist, stutzt der Rest Europas: Schweden - ist das nicht das Land, in dem alle freundlich zueinander sind? Das Land, in dem Mensch und Natur im Einklang miteinander leben? In dem ein allumfassender Sozialstaat für seine Bürger sorgt und Einwanderungsprobleme, wie sie etwa aus Frankreichs Banlieues bekannt sind, weit, weit entfernt sind?

Tatsächlich gleichen die Bilder, die aus dem Armenvorort Husby kommen, jenen, die vor wenigen Jahren und seither immer wieder in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois entstanden. In der fünften Nacht in Folge setzen Randalierer - die meisten von ihnen sind Zuwanderer - Autos in Brand, eine Polizeiwache geht in Flammen auf. Polizisten, die die jugendlichen Täter daran hindern wollen, weitere Feuer zu legen, werden attackiert. Hass, Gewalt und Aggression gefährden Schwedens Ruf. Das schöne Klischee vom friedlichen Völkchen im hohen Norden fällt in sich zusammen.

Auslöser der Ausschreitungen ist ein Vorfall Anfang vergangener Woche: Ein 69-Jähriger aus Husby wird von einem Polizeieinsatzkommando erschossen. Der Mann war mit einer Machete bewaffnet. Er hatte einen Migrationshintergrund. Der Polizei wird vorgeworfen, aus rassistischen Motiven überreagiert und den Mann mutwillig getötet zu haben. Erwiesen ist das nicht, doch tatsächlich stützen Erzählungen vom Tatort diese Theorie: Entgegen erster Behauptungen wurde der Mann auch nicht sofort in ein Krankenhaus gebracht, sondern starb in seiner Wohnung. Erst dann, sieben Stunden nach den Schüssen, wurde er abgeholt.

Reinfeldt kürzt Sozialleistungen

Seither ist der Tod des 69-Jährigen zum Ventil des Frusts einer ganzen Generation der Abgehängten geworden. In Husby und anderen der Anfang der 70er Jahre aus dem Boden gestampften Satellitenstädten leben heute rund 80 Prozent Migranten. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Kriminalität und Verwahrlosung dominieren das Straßenbild. Hoffnung ist für viele hier ein Fremdwort. Die Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch wie im Rest des Landes, 40 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatz. Viele leben von Sozialhilfe.

In der Nacht muss die Feuerwehr dutzende Male ausrücken.
In der Nacht muss die Feuerwehr dutzende Male ausrücken.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Perspektivlosigkeit unter jungen Menschen ist längst kein Phänomen mehr, das nur in südlichen Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland auftritt. Auch im Musterland Schweden spüren viele Jugendliche, dass sie den Sprung in ein erfolgreiches Erwachsenenleben womöglich nicht schaffen werden. Die schwedische Gesellschaft ist, allen viel gelobten Sozialprogrammen zum Trotz, weniger solidarisch als viele glauben. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist immens gewachsen. Laut OECD ist nirgends in Europa die Schere schneller aufgegangen als in Schweden.

Und diese Probleme sind hausgemacht. Seit sieben Jahren ist die Mitte-Rechts-Regierung von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt am Ruder. Seither wurden vier Mal die Steuern für Besserverdiener gesenkt. Zugleich sind öffentliche und soziale Leistungen immer und immer wieder gekürzt worden. Die Erzählung vom sorgenden Sozialstaat Schweden - sie wird zur Legende. Die Einschnitte sind für die Menschen in den ärmeren Stadtteilen der Großstädte spürbar, schüren Angst und Wut, die sich nun seit fast einer Woche Bahn brechen.

Schweden zahlt Preis für Versäumnisse

Und auch die Ghettoisierung der Hochhaus-Vorstädte wie Husby war politisch vermeidbar. Zu lange hing Schweden unkritisch dem Ideal einer multikulturellen Gesellschaft nach, in der jeder willkommen sein soll - der Staat tut jedoch zu wenig dafür, dass es die Menschen auch sind. In den vergangenen Jahrzehnten haben zigtausende Menschen aus den Krisengebieten der Welt in Schweden Asyl gefunden. Alleine im vergangenen Jahr kamen 44.000 Flüchtlinge hinzu, zum größten Teil aus dem Irak und Syrien. Solche Zuwächse muss eine 9,5-Millionen-Nation erst einmal wegstecken.

Tatsächlich begegnete Schwedens Politik dem Problem zuletzt mit weitgehender Ignoranz. Städtebauliche Konzepte fehlten. Stadtplanerische Ideen, wie und wo die Migranten integriert werden könnten? Fehlanzeige. Und so sammelten sich die Zuwanderer über Jahre in Betonstädten wie Husby. Sie und deren Nachkommen haben dadurch einen Stempel in ihrer Vita: Wer hierher kommt, hat im Schweden der Erfolgreichen und Wohlhabenden keine Chance. Das schöne Schweden mit den süßen roten Blockhäusern, den blauen Seen und wild streunenden Elchen - es könnte ferner kaum sein.

Für diese Versäumnisse zahlt Schweden jetzt den Preis. Und es ist ein hoher Preis: Ob und wie die Randalierer zur Räson gebracht werden können, ist ungewiss. Selbst wenn in wenigen Tagen keine Autos und Mülltonnen mehr brennen, bleibt das Problem. Und es wird zunehmend politisch instrumentalisiert. Die rechtspopulistische Sverigedemokraterna liefert schon heute eindimensionale, fremdenfeindliche Erklärungen für die Krawalle. Sie will die Einwanderung nach Schweden komplett stoppen. Und im kommenden Jahr wird in Schweden gewählt. Schon heute liegt die Sverigedemokraterna in Umfragen bei 7 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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