Politik
Thilo Sarrazin: "Kein Einwanderer soll in den ersten zehn Jahres seines Aufenthalts in Deutschland staatliche Hilfen bekommen - auch keine Sozialhilfe. Nichts."
Thilo Sarrazin: "Kein Einwanderer soll in den ersten zehn Jahres seines Aufenthalts in Deutschland staatliche Hilfen bekommen - auch keine Sozialhilfe. Nichts."(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 25. November 2013

Rechtspopulisten spinnen Verschwörungstheorien: Die Sauerkraut-Connection

Von Issio Ehrich, Leipzig

Auf einer "Souveränitätskonferenz" mimen Rechtspopulisten eine Debatte über Familienpolitik. Tatsächlich übertreffen sich die Referenten aber nur gegenseitig mit kruden Thesen. Thilo Sarrazins Auftritt wirkt da fast schon harmlos.

Neben den Gold- und Kupferbarren stehen Sauerkrautdosen und Toilettenbürsten. Es sei immer wichtiger, auf traditionelle Werte zu setzen, erklärt der Geschäftsführer von "Schmidt-Edelmetallen" an seinem Stand. Dann greift er zu einer der Konserven und dreht den Deckel ab. Sie ist leer und wie die Toilettenbürste ein versteckter Safe. Man müsse seine Werte aber auch schützen, fügt Schmidt hinzu. Deshalb steht neben den Goldbarren wohl auch der "JPX Jet Protector" - eine Pfefferspray-Pistole für 199 Euro.

Dutzende Demonstranten trommeln gegen die Hallenwände. Den Kongress in Schkeuditz konnten sie so aber nur kurzzeitig stören.
Dutzende Demonstranten trommeln gegen die Hallenwände. Den Kongress in Schkeuditz konnten sie so aber nur kurzzeitig stören.(Foto: picture alliance / dpa)

Schmidt ist bestens eingestellt auf seine Kundschaft an diesem Samstag im sächsischen Schkeuditz, einer Kleinstadt zwischen Leipzig und Halle. Er hat seinen Stand im Foyer der 2. Souveränitätskonferenz des "Compact"-Magazins aufgebaut, einer Gesprächsplattform von und für Rechtspopulisten. Für die Teilnehmer gibt es nichts Wichtigeres als traditionelle Werte und ihren Schutz.

Der Titel der Konferenz heißt in diesem Jahr: "Für die Zukunft der Familie! Werden Europas Völker abgeschafft?" Eine Hommage an Thilo Sarrazins Kassenschlager "Deutschland schafft sich ab". In Schkeuditz geht es aber nur am Rande um Zuwanderungs-Thesen. Im Mittelpunkt steht die Homoehe, das Adoptionsrecht von Schwulen und Gender Mainstreaming, der Versuch der konsequenten Gleichstellung von Mann und Frau. Der frühere Finanzsenator aus Berlin, den seit der Veröffentlichung seines Buches anderswo kaum jemand mehr sprechen lassen möchte, darf hier trotzdem auftreten.

"Ihr sterbt aus"

Ein paar Schritte entfernt des Standes von "Schmidt-Edelmetallen" liegt der große Saal. Rund 600 Stühle stehen dort. Um halb neun sind sie zum größten Teil gefüllt. Viele ältere Herren mit grauem Haar sitzen in den Reihen, aber auch Männer in den 30ern. Einige kommen aus den umliegenden Dörfern. Andere haben die weite Fahrt aus Städten wie Rosenheim oder Rendsburg auf sich genommen. Der Frauenanteil ist gering. Doch das ist nicht das Einzige, was auffällt. Sie alle blicken verängstigt drein.

Vor dem Eingang mussten die Besucher dutzenden Demonstranten ausweichen. Einige von ihnen hatten sich Schürzen umgeworfen und trugen Kochtöpfe. "Gebärmaschinen", stand auf ihren Plakaten. Oder: "Keine Bühne für homophobe, rassistische und sexistische Zündler." Sie gaben den Konferenzteilnehmern an der Tür ein höhnisches "Ihr sterbt aus" mit auf den Weg, Besuchern zufolge manchmal auch einen Fußtritt.

Im Saal soll orchestrale Musik die verschreckten Gäste beruhigen. Aus den Lautsprechern perlt ein Stück, das wie eine Mischung aus Smetanas "Moldau" und André Rieu klingt. Doch es kann die Rufe, das Trommeln der Demonstranten vor den Türen nicht übertönen. Da hilft selbst das Panflöten-Medley nicht. Erst als die ersten Redner das Wort ergreifen und den verbalen "Jet Protector" auspacken, entspannen sich die Gesichter der Besucher.

Eine einfache Rechnung

Über der Bühne prangt ein schwarzes Banner. Darauf strahlen rot die Worte "Mut zur Wahrheit". Thilo Sarrazin fühlt sich wohl vor dieser Kulisse. Er scherzt und polemisiert. Vor allem aber übernimmt er auf der Konferenz die Aufgabe, das statistische Fundament für die Debatte auszulegen: Eine Stunde lang zitiert er aus seinem Buch. Er erklärt noch einmal, dass es angeblich in einigen Kulturen größeres kluges Potenzial gebe als in anderen. Er unterscheidet zwischen produktiven und unproduktiven Einwanderern und damit produktiven und unproduktiven Kulturen. Seine Thesen zur Migration: eine einfache "Lasten-Nutzen"-Rechnung. Seine Konsequenz: "Kein Einwanderer soll in den ersten zehn Jahren seines Aufenthalts in Deutschland staatliche Hilfen bekommen - auch keine Sozialhilfe. Nichts." Wie das Römische Reich mit dem Limes oder China mit seiner Mauer sollte sich Deutschland effizienter abschotten.

Sarrazin stößt einen Gedanken an und denkt ihn nicht konsequent bis zum Schluss. Dann müsste er schließlich auch ältere, kranke oder behinderte Menschen nach Lasten-Nutzen-Erwägungen bewerten und würde vielleicht verstehen, warum seine Kritiker ihn für unbarmherzig, gefährlich und menschenverachtend halten. In Schkeuditz allerdings bekommt Sarrazin kräftigen Applaus. Für die Teilnehmer reichen die Zahlenspiele des geächteten Sozialdemokraten als Beleg dafür, wie wichtig es angesichts des demografischen Wandels und der angeblichen Risiken der Zuwanderung ist, dass deutsche Familien wieder mehr Kinder bekommen.

Prominenz aus der Duma

Compact-Chefredakteur Elsässer ist sich seines Geschlechts angesichts eines "Blicks in die eigene Unterhose" bewusst.
Compact-Chefredakteur Elsässer ist sich seines Geschlechts angesichts eines "Blicks in die eigene Unterhose" bewusst.(Foto: picture alliance / dpa)

Das "Compact"-Magazin hat neben Sarrazin eine ganze Reihe prominenter Deutscher eingeladen: die frühere Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, den Journalisten Peter Scholl-Latour und die AfD-Politikerin Frauke Petry. Doch die mediale Empörung war vor der Veranstaltung allzu groß. Hermann sagte wegen Anfeindungen ab (sie wolle sich der Presse nicht noch einmal "zum Fraß vorwerfen"), Scholl-Latour wegen angeblicher Terminprobleme und Petry wohl, um parteiinterne Querelen zu verhindern. Die Alternative für Deutschland war zuletzt bemüht, sich von Rechtspopulisten zu distanzieren. Petrys Auftritt hätte diesem Versuch die letzte Glaubwürdigkeit genommen. An Rednern fehlt es der Konferenz trotzdem nicht.

Auch Olga Batalina und Elena Mizoulina nehmen vor dem schwarz-roten Banner auf der Bühne Platz. Die eine ist groß und blond mit perfekt getrimmter Fönfrisur, die andere klein und stämmig mit einem strengen Dutt. Batalina und Mizoulina sind Bilderbuchkonservative und Abgeordnete der russischen Duma. In Schkeuditz berichten sie über die neuen Schwulen-Gesetzen in ihrer Heimat. Homosexuelle und nicht-traditionelle sexuelle "Propaganda" ist dort mittlerweile verboten.

"Die Gesetze schützen unsere Kinder", beteuert Batalina. Sie warnt vor einem neuen "Homo-Totalitarismus", den es zu bekämpfen gilt. "Unsere Gesetze sind nicht gegen die Demokratie", sagt sie. Aufgabe der Politik sei es nun mal, die Interessen der Mehrheit durchzusetzen. Davon, dass sich der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft bekanntlich an ihrem Umgang mit Minderheiten abzeichnet, sagen oder wissen Batalina und Mizoulina offenbar nichts. Stattdessen behauptet Batalina, dass bei 95 Prozent der Schwulen die Homosexualität anerzogen wäre. Darum sei das Propaganda-Verbot so wichtig.

Die Russinnen ernten einen Jubelsturm. Putinscher Chauvinismus als Leitbild für die Bundesrepublik. Nach der Konferenz wird einer der Teilnehmer, ein Rosenheimer, der seinen Besuch mit einem Wochenendausflug nach Leipzig samt Kabarett-Besuch, "Saufen" auf dem Weihnachtsmarkt und einem Schlemmerfrühstück verbunden hat, sagen: "In Deutschland fehlen derart kluge und wortgewandte Politikerinnen doch ganz bitter."

Blut an den Händen

Während des Gesprächs von Batalina und Mizoulina stellt sich ein junger Mann vor die Bühne. Seine rotgefärbten Hände blitzen auf, als er die Regenbogenflagge aus seiner Hosentasche zieht und in die Luft reckt. "Sie haben das Blut von homosexuellen und transsexuellen Jugendlichen an ihren Händen", ruft er den Frauen entgegen. Es ist der Schwulenaktivist Wanja Kilber, der aus Kasachstan stammt und heute in Deutschland lebt.

Blut an den Händen? Von Nationalisten und Chauvinisten droht Homosexuellen in Russland Prügel und Erniedrigung. Das belegen unzählige Videos, die Täter stolz auf Internetplattformen zur Schau stellen. Durch die neuen Gesetze müssen Schwule und Lesben jetzt auch noch juristische Repressalien fürchten, wenn sie ihre Liebe öffentlich zeigen.

Wie ernst die Lage ist, zeigt, dass die Bundesrepublik in diesem Jahr erstmals einem schwulen Russen Asyl in Deutschland gewährt hat. Von Kilbers Erfahrungen - er unterstützt mit seinem Verein "Quarteera" Homosexuelle in Russland und Deutschland - will in Schkeuditz trotzdem niemand etwas hören. Wie jeder "Störer" - die Veranstalter sprechen gern von "Gesindel", wird er von den Ordnern abgeführt.

"Die reden sich eine grüne Wand rot"

Einer der wenigen Vertreter Homosexueller, die bis zum Ende auf der Konferenz bleiben können, ist Jörg Kalitowitsch. Das Vorstandsmitglied des Vereins "Kölner Lesben- und Schwulentag" verkneift sich Zwischenrufe. Während auf der Bühne beim Adoptionsrecht für Schwule von einem "Aufstand gegen die Biologie" die Rede ist, gibt er dem MDR am Rand des Saales ein Interview. Obwohl ihm 500 Rechtspopulisten im Rücken sitzen, spricht er konzentriert und ruhig. "Es wirkt wie bei einem Stammtisch, wo drei Leute erzählen, die Wand ist rot, obwohl sie grün ist", sagt er. "Und hinterher applaudieren sie sich selber, weil sie sich die Wand rot geredet haben." Offensichtlich fällt er den Ordnern damit nicht negativ auf. Kalitowitsch zumindest darf bleiben. Ansonsten schmeißen die Sicherheitskräfte selbst die Menschen raus, die still ein Plakat in die Höhe halten.

Die Souveränitätskonferenz ist offensichtlich kein Raum für eine ernsthafte Debatte, denn Widersprüche gibt es nicht. Die Referenten und angeblichen Experten übertreffen sich nur gegenseitig mit ihren Thesen. Der Vertreter der russisch orthodoxen Kirche, André Sikojev, sagt, dass die Lehrpläne in Deutschland voll von "gefährlichem, menschenverachtendem Dreck" wären. Gemeint ist die Empfehlung an Lehrer, männliche und weibliche Rollenbilder nicht künstlich zu beschwören. Kurz darauf erklärt er die Begriffe Ehe und Eltern zum "Naturrecht" und bezeichnet Andersdenkende als Anhänger einer "orgiastisch-heidnischen neuen Religion".

Der Veranstalter der Konferenz und "Compact"-Chefredakteur Jürgen Elsässer versucht die Idee des Gender-Mainstreamings zu entkräften, indem er sagt: "Beim Blick in die eigene Unterhose ist doch jedem klar, dass es einen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt." Und die Ärztin Dorothea Böhm bemüht sich, anhand von Stresshormonen zu belegen, dass Krippenaufenthalte für Kinder schädlich sind. Sie bräuchten die Gewissheit der Fürsorge ihrer Mutter. Sonst würden sie immer "ADHSiger". Dass diese Sichtweise in der Entwicklungspsychologie heftig umstritten ist, erwähnt sie mit keinem Wort. Stattdessen versucht Böhm, mit Fotos lachender Kinder auf den Armen ihrer Mütter und traurig dreinblickenden Kindern auf dem Schoß von Erzieherinnen zu überzeugen.

Angst vor dem dritten Weltkrieg

"Pornos als Propagandafilme gegen Kinder", die philosophischen Werke der Queer-Theorie auf einer Stufe mit Hitlers "Mein Kampf", der Versuch, Homosexualität als eine Spielart sexueller Sonderbarkeiten oder der mit Übergriffen einhergehenden Pädophilie in eine Reihe zu stellen - Halbwahrheiten, Zusammenhangsloses, absurde Vergleiche: Die Souveränitätskonferenz kommt alles andere als souverän daher. Sie wirkt wie eine achtstündige intellektuelle Bankrotterklärung. Ob es die Referenten nicht besser wissen oder ob sie gezielt manipulieren, spielt am Ende fast keine Rolle: Die Angst um ihre Werte und den Schock angesichts des Zusammenpralls mit den Aktivisten am Morgen konnten die Teilnehmer an diesem Tag vielleicht für ein paar Stunden vergessen. Ihre ohnehin schon große Verwirrung scheint sich eher vergrößert zu haben.

Ein Gast aus dem Schwarzwald steht in einer der Kaffeepausen mit einem Kollegen im Foyer. Er ist wohl Mitte 50, trägt eine braune Tracht. "Lobbyismus muss man unter Todesstrafe stellen", sagt er. "Man erkennt doch ganz klar die Linien". Da ziehe doch jemand die Strippen. Sein Tischnachbar, ein schmächtiger Herr mit langem grauem Haar, nickt eifrig. Wer der Strippenzieher ist, der wahlweise den homosexuellen Totalitarismus, das Ende der christlich-abendländischen Kultur oder eine Auferstehung linker Ideologien vorbereitet, kann er allerdings nicht beantworten. Sicher ist er sich nur in einem: "2014 bricht der dritte Weltkrieg los." Dann verschwindet er wieder im Saal. Ob er sich vor der Heimreise noch einen "JPX Jet Protector" gekauft hat, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Aber wer weiß: Selbst im heimischen Schwarzwald muss er sich wohl für den bevorstehenden Kulturkampf wappnen.

Quelle: n-tv.de

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