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Mitarbeiter von Blackwater (im Vordergrund) nehmen 2004 an einem Feuergefecht in Najaf teil.
Mitarbeiter von Blackwater (im Vordergrund) nehmen 2004 an einem Feuergefecht in Najaf teil.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wie Söldner den Irak eroberten: Die Schattenarmee am Tigris

Von Sebastian Schöbel

Die Soldaten gehen, die Söldner bleiben: Mit dem Jahreswechsel endet auch der US-Militäreinsatz im Irak. Zurück bleiben Tausende bewaffnete Sicherheitsleute, die im Krieg eine zwiespältige Rolle spielten. Privatfirmen aus den USA, Großbritannien oder Israel beschäftigen ehemalige Soldaten und Polizisten - oder Kriegsabenteurer ohne Ausbildung.

Eine der verkohlten Leichen, die an einem Stromkabel von der Brücke in Falludscha hängt, könnte Scott Helvenston sein. Als Reste eines Menschen ist dieser Körper jedoch kaum noch zu erkennen: Schwarz verkohlt, die Arme verstümmelt, die Kleidung mit der Haut verschmolzen, die Beine wie Zweige gebrochen und zum Teil bis auf die Knochen verbrannt. Eine zweite Leiche, die daneben baumelt, ist nur noch ein klumpiger Torso. Nicht weit entfernt zerren Iraker eine dritte Leiche aus einem brennen Auto, schlagen mit Stöcken und Hacken auf sie ein. Ein vierter entstellter Körper wird hinter einem Auto durch die Straßen geschleift. Überall feiern junge Männer und Kinder, lachen und recken die Fäuste in die Luft. Sie bejubeln ihren Sieg über die "westlichen Besatzer", wies sie die Amerikaner nennen.

Viele Iraker feiern den Abzug der US-Soldaten.
Viele Iraker feiern den Abzug der US-Soldaten.(Foto: REUTERS)

Helvenston, ein ehemaliger Elitesoldat der Navy Seals, war für die private Sicherheitsfirma Blackwater im Irak. Zusammen mit drei Kollegen sollte der 38-Jährige am 31. März 2004 einen Transport mit Küchenutensilien in der Rebellen-Hochburg Falludscha bewachen. Der Konvoi wurde angegriffen, alle vier Blackwater-Mitarbeiter starben, ihre Leichen wurden zu Trophäen der Aufständischen. Mehr als sieben Jahre später, im Dezember 2011, feiern sie wieder in Falludscha, verbrennen die amerikanische Flagge: Die US-Armee zieht nach fast einem Jahrzehnt aus dem Irak ab. Zurück bleibt ein vom Krieg entstelltes Land, dessen Gegenwart noch immer brutal, dessen Zukunft noch immer ungewiss ist - und in dem noch immer unzählige private Sicherheitsfirmen unterwegs sind.

Vom Geldregen zu Dumpinglöhnen

Rund 5000 angeheuerte Sicherheitsleute sollen es zurzeit sein, ein Bruchteil der vielen ausländischen Unternehmer, die am Aufschwung der irakischen Wirtschaft mitverdienen wollen. Die größten Anbieter kommen aus den USA oder Großbritannien, auch israelische und südafrikanische Firmen sind stark vertreten. Die Marktführer tragen Namen wie Aegis, DynCorp oder Vinnell.

Söldner von den Fidschi-Inseln 2004 in den Straßen von Mosul.
Söldner von den Fidschi-Inseln 2004 in den Straßen von Mosul.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das Personal rekrutieren sie vor allem unter ehemaligen Militärangehörigen und Polizeibeamten - und zumindest teilweise auch unter jungen Kriegsabenteurern ohne Ausbildung. Die ursprüngliche Goldgräberstimmung, wie sie nach dem Einmarsch in den Irak 2003 herrschte, ist inzwischen vorüber: Dumping-Löhne von zwielichtigen Anbietern, die auf billige Kräfte aus Asien und Afrika zurückgreifen, tummeln sich auf dem Markt. Zu Beginn der US-geführten Invasion sollen gut ausgebildete Sicherheitsleute mit bis zu 1000 US-Dollar am Tag nach Hause gegangen sein, später noch mit rund 750 Dollar. Wie CNN kürzlich berichtete, seien die Gehälter inzwischen um etwa die Hälfte gefallen, und würden weiter sinken.

Der Aufstieg der privaten Militärfirmen begann nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Der von US-Präsident George W. Bush ausgerufene "Krieg gegen den Terror" brachte den amerikanischen Sicherheitsapparat schnell an seine Grenzen. Schon in Afghanistan brauchte die CIA Hilfe im Kampf gegen al-Qaida und ging zu den Spezialisten von Blackwater. Paradox: Der Feind al-Qaida war neu und weitgehend unbekannt, der Rückgriff auf "Söldner" hingegen ein Griff in die Kiste historischer Kriegsstrategien.

Wild-West-Methoden in Bagdad

Die goldenen Zeit für die Konflikt-Unternehmer kam dann mit dem Einmarsch der Koalitionstruppen in den Irak 2003. Den amerikanischen Panzern folgten unzählige Sicherheitsfirmen: Sie sicherten den Nachschub, begleiteten Diplomaten und standen Wache vor Kasernen. Die größten Auftraggeber waren das Pentagon und das amerikanische Außenministerium. Auch der umstrittene Zivilverwalter der US-Regierung im Irak, Paul Bremer, wurde von Blackwater bewacht. Die zum Teil schwer bewaffneten Schutzmänner brausten mit gepanzerte Wagen durch dicht besiedelte Gegenden, sicherten Konvois sogar mit Hubschraubern und eröffneten das Feuer, wenn sie angegriffen wurden - oder zumindest glaubten, sie würden angegriffen werden.

14. Dezember: US-Präsident Barack Obama spricht in Fort Bragg in North Carolina. Bisher ist für die aus dem Irak heimkehrenden Truppen keine große Parade geplant - wie etwa nach dem Zweiten Weltkrieg oder dem ersten Golfkrieg.
14. Dezember: US-Präsident Barack Obama spricht in Fort Bragg in North Carolina. Bisher ist für die aus dem Irak heimkehrenden Truppen keine große Parade geplant - wie etwa nach dem Zweiten Weltkrieg oder dem ersten Golfkrieg.(Foto: AP)

Bagdad im September 2007, Nisour Platz. Auf dem großen Kreisverkehr ist jede Menge los, da rauscht ein von Blackwater beschützter Konvoi heran. Plötzlich eröffnen die Sicherheitsmänner das Feuer. Sie schießen wild in die Menge, bekämpfen einen Feind, den nur sie wahrnehmen. 17 irakische Zivilisten sterben.

Bis heute beschäftigt der Fall ein US-Gericht. 2009 wurde die Anklage gegen vier Angestellte von Blackwater fallengelassen, doch im April holten Richter in Washington die Akten erneut hervor. Wann der Fall endgültig entschieden sein wird, ist unklar. Er weist jedoch auf die vielen juristischen Fragen hin, die der Einsatz von privaten Sicherheitsfirmen mit sich bringt.

Rechtliche Grauzone

Schon die Frage, ob die Sicherheitsleute Söldner oder Zivilisten sind, ist nicht restlos geklärt. Die Rechtsexpertin des Stockholmer Friedensforschungsinstituts, Caroline Holmqvist meint, dass die derzeitigen Rechtsgrundlagen "nicht auf die Aktivitäten heutiger privater Sicherheitsunternehmen anwendbar" seien - weder das Zusatzprotokoll zur Genfer Konvention von 1977, noch die "Söldner-Konvention" der UN aus dem Jahre 1989. Letztere wurde im Übrigen nicht einmal von der Bundesrepublik Deutschland ratifiziert, dabei spielen deutsche Firmen auf dem globalen Sicherheitsmarkt bisher kaum eine Rolle.

Deswegen plädieren Experten schon seit Jahren für eine international verbindliche Regelung. Als Vorbild könnte das Dokument von Montreux gelten, eine Vereinbarung mehrerer Staaten, darunter die USA und Deutschland, über den Umgang mit privaten Militär- und Sicherheitsfirmen. Doch die Vereinbarung ist nicht bindend.

Zumal sich vor allem die Amerikaner gerne ihre eigenen Regeln schaffen. Vor seiner Abberufung aus dem Irak befreite Paul Bremer noch schnell sämtliche privaten Sicherheitsfirmen von den Zwängen des irakischen Gesetzes. Blackwater und Co. erhielten dadurch regelrecht Narrenfreiheit.

Sind Söldner billiger?

Regierungen bewerten die Privatisierung von Krieg jedoch vor allem mit Blick auf die Rechnung, die es am Ende zu bezahlen gilt. Im Irak übernahmen die "Security Contractors", wie private Sicherheitsfirmen im Fachjargon genannt werden, Aufgaben, die früher das US-Militär selbst erledigen wollte und konnte. Doch weil die Kosten explodierten, erschienen private Firmen immer häufiger als günstigere Alternative.

Irakische Polizisten zeigen in Bagdad ihre Fähigkeiten.
Irakische Polizisten zeigen in Bagdad ihre Fähigkeiten.(Foto: AP)

Für die Firmen ein Riesengeschäft: Allein 2008 sollen laut der Zeitschrift USA Today rund 1,2 Milliarden US-Dollar an Sicherheitsdienstleister geflossen sein. Doch ob Outsourcing tatsächlich so viel Geld spart, wie behauptet, ist umstritten.

Ebenfalls 2008 richtete der US-Kongress eine überparteiliche Kommission zur Untersuchung der privaten Subunternehmer im Irak und Afghanistan ein. Nach zwei Jahren fällten die Experten ein vernichtendes Urteil: Bis zu 60 Milliarden US-Dollar seien durch Untreue oder Verschwendung regelrecht verbrannt worden, auch im Sicherheitssektor. Der US-Regierung seien ihre privatwirtschaftlichen Helfer schlicht aus dem Ruder gelaufen: Mangelhafte Kontrolle, zu wenig Transparenz und kriminelle Energie hätten vor allem bei den bewaffneten Sicherheitsfirmen teilweise zu massiven Problemen geführt. Den generellen Einsatz dieser Subunternehmer stellte die Kommission jedoch nicht infrage.

Klage gegen Blackwater

Auch der Vorfall in Falludscha 2004 landete vor einem Gericht. Scott Helvenston und seine Männer waren schlecht ausgerüstet, so die Angehörigen, sie hätten zu wenig Personal gehabt und seien in ungepanzerten Wagen in eine der gefährlichsten Städte des Irak geschickt worden. Zwei Mütter verklagten Blackwater, doch im Januar 2011 ließ ein Gericht in North Carolina die Anklage fallen - die Angehörigen konnten die Kosten nicht mehr bezahlen. "Ich fühle mich betrogen", sagte Helvenstons Mutter Katy nach der Entscheidung. "Ich dachte, man könne auf unser Land stolz sein, weil es Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit gibt." Sie will den juristischen Kampf jedoch nicht aufgeben. "Wenn es sein muss, gehen wir zum Obersten Bundesgericht", erklärte ihr Anwalt.

Für die Arbeit der privaten Sicherheitsfirmen wird dies kaum einen Unterschied machen. Sie gehören seit dem Irakkrieg fest zu den militärischen Planungen westlicher Armeen. Auch in Afghanistan sind sie mit dabei, bewachen Kasernen, beschützen westliche Diplomaten und Geschäftsleute. Und noch mehr: Blackwater soll sogar mit US-Truppen und CIA Jagd auf Taliban gemacht haben, trotz der Skandale im Irak. In Hamburg sollen Blackwater-Leute 2005 den Deutsch-Syrer Mamoun Darkazanli beschattet haben, angeblich mit dem Ziel, ihn im Auftrag der CIA zu töten. Firmengründer Erik Prince schied 2009 als Chef aus und soll nun angeblich für die Vereinigten Arabischen Emirate eine Söldnerarmee aufbauen. Blackwater hieß zwischenzeitlich Xe, heute firmiert das "enfant terrible" der Branche unter dem Titel Academi und spezialisiert sich angeblich vor allem auf den Bereich Ausbildung.

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Quelle: n-tv.de

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