Politik

Chilenische Studentenführerin in Berlin: Die Schöne und die Biester

Camila Vallejos ist 23 Jahre, steht an der Spitze der chilenischen Studentenbewegung und wurde von den Lesern des Londoner "Guardian" zur "Person des Jahres 2011" gewählt. Man nennt sie "das schöne Gesicht des Kommunismus". Mit Karol Cariola, der Chefin der Kommunistischen Jugend und Jorge Murúa, Vorstandsmitglied des Gewerkschaftsverbandes CUT, bereist sie mehrere europäische Länder.

Die erst 23 Jahre alte Vallejo war im vorigen Jahr zum Gesicht der Protestbewegung geworden.
Die erst 23 Jahre alte Vallejo war im vorigen Jahr zum Gesicht der Protestbewegung geworden.(Foto: dpa)

n-tv.de: Sie weilen in Deutschland auf Einladung der Gewerkschaft Wissenschaft und Erziehung sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Letztere steht der Linken nahe, die in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Fühlen Sie sich auch beobachtet?

(Alle lachen) Karol Cariola: Nein. Aber zu Hause in Chile wird die Kommunistische Partei ständig überwacht.

Camila Vallejos: Aber auch Anführer der Studentenbewegung und sozialer Bewegungen werden von den Nachrichtendiensten permanent beobachtet. Auch die Korrespondenz wird kontrolliert.

Camila, Sie werden das "schöne Gesicht des Kommunismus" genannt.

Vallejos: Das Wichtigere ist die Idee. Es gab Politiker, die sich weniger durch Schönheit auszeichneten, und deren Ideen trotzdem Unterstützung fanden. Manche Medien reduzieren mich auf das Gesicht und versuchen so, die Idee vergessen zu machen.

Wie entstand die gegenwärtige Studentenbewegung in Chile, was will sie erreichen?

Vallejos: Die Bewegung entstand als Antwort auf die Zustände im Bildungswesen, das in den vergangenen 30 Jahren weitgehend privatisiert wurde und Angehörige ärmerer Familien vielfach von der höheren Bildung ausschloss. Das wollen wir ändern.

Der Kommunismus in Europa ist gescheitert. Warum haben sie sich als junge Menschen entschieden, in die KP oder die Kommunistische Jugend einzutreten?

Murúa, Vallejos und Cariola (v.l.) traten im Auditorium Maximum der Humboldt-Universität in Berlin auf.
Murúa, Vallejos und Cariola (v.l.) traten im Auditorium Maximum der Humboldt-Universität in Berlin auf.(Foto: n-tv/Manfred Bleskin)

Cariola: Die sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Verhältnisse Lateinamerikas sind sehr verschieden von denen in Europa. Es gab bislang nirgendwo eine voll entwickelte kommunistische Gesellschaft. Es gibt keine konkreten Erfahrungen für das, was wir erreichen wollen. In den früheren sozialistischen Gesellschaften sind viele Fehler begangen worden. Wir wollen unsere Ideale durchsetzen. Das bedeutet: Eine Gesellschaft ohne Diskriminierung, in der alle gleiche Chancen und Zugang zur Kultur haben, eine Gesellschaft mit gerechten Arbeitsbedingungen, in der für die Arbeitenden Wohlstand herrscht. All das ist in Chile aktueller denn je. Wir haben eine Diktatur hinter uns, bei uns herrscht Neoliberalismus.

In Lateinamerika wird heute viel über den Sozialismus des 21. Jahrhunderts diskutiert. Es gibt linke Regierungen in Bolivien, Bolivien, Ecuador und Venezuela sowie in Argentinien, Brasilien, El Salvador, Paraguay und Uruguay, wenngleich in den letztgenannten Ländern die Prozesse weniger radikal ablaufen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Cariola: Die sozialistischen Entwicklungsprozesse in Lateinamerika unterscheiden sich von denen in Europa. Schon die kubanische Revolution war anders als die russische Oktoberrevolution. Bei uns in Chile gab es (während der Regierung der Unidad Popular von Salvador Allende 1970/73, M.B.) den Versuch, auf demokratischem Wege zum Sozialismus zu kommen. Die Länder Lateinamerikas waren lange Zeit Kolonien, seine Menschen wurden ausgebeutet und kulturell unterdrückt. Bei aller Unterschiedlichkeit der Entwicklungen, sagen wir in Bolivien und Uruguay, soll das Volk in all den Ländern auf dem Gebiet der Wirtschaft und der Kultur mehr Souveränität erhalten. Angestrebt wird eine partizipative Demokratie. Außerdem müssen vielerorts die Probleme der indigenen Bevölkerung gelöst werden. Alle wollen sich vom wirtschaftlich und kulturell vom Imperialismus befreien, aber jedes Land geht dabei seinen eigenen Weg.        

Wie wurden Sie hier in Deutschland empfangen?

Jorge Murúa: Wir haben mit Oskar Lafontaine gesprochen, von der Partei Die Linke, mit der DKP, mit dem SPD-Bürgermeister von Bremen, Vertretern der IG Metall, der GEW und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Wir sind sehr freundlich empfangen worden, und man hat uns sehr aufmerksam zugehört.

Das Gespräch führte Manfred Bleskin

Quelle: n-tv.de

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