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Interview mit Ahmad Mansour: "Die Täter sind Produkte dieser Gesellschaft"

Die Anschläge von Paris haben mit den nach Deutschland kommenden Flüchtlingen nichts zu tun, sagt der Islamismus-Experte Ahmad Mansour. Denn islamistische Terroristen kommen nicht von außen, "sie sind Produkte unserer Gesellschaft".

n-tv: Herr Mansour, hier in Deutschland machen sich jetzt viele Leute Gedanken über die Flüchtlinge, die herkommen und oftmals einen muslimischen Hintergrund haben. Was muss passieren, damit diese gut integriert werden?

Ahmad Mansour: Erst einmal: Was in Paris passiert ist, hat mit Flüchtlingen nichts zu tun. Diesen Terrorismus hatten wir vor den Flüchtlingen und wir werden ihn auch danach haben. Das [die Täter] sind Produkte unserer Gesellschaft, das sind Jugendliche, die hier aufgewachsen sind, die zu dieser Gesellschaft gehören, die sich entscheiden, sich zu radikalisieren, und die in Extremfällen bereit wären, sogar solche Anschläge zu machen.

Ahmad Mansour...

... kam als Palästinenser in Israel zur Welt, war Islamist und arbeitet heute als Psychologe im Berliner Zentrum für demokratische Kultur. Seit 2007 engagiert er sich in einem Anti-Gewalt-Projekt in Berlin.

Die Flüchtlinge müssen wir professionell begleiten, wir müssen ihnen Zugänge zur Mehrheitsgesellschaft ermöglichen, und wir müssen alles tun, damit die Fehler, die früher [bei der Integration] gemacht wurden, nicht wiederholt werden.

Wo muss das anfangen? In der Schule schon? Wie können wir den Leuten, die hierherkommen, die Vorzüge der Demokratie und der offenen Gesellschaft klarer machen?

Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Schule hat eine Riesenaufgabe, ja, aber es ist nicht nur die Schule. Wir müssen Aufklärungsarbeit mit den Eltern leisten, wir müssen in den Kommunen aktiv werden, wir müssen als Mehrheitsgesellschaft diesen Menschen vermitteln, dass sie Teil dieser Gesellschaft sind, wir müssen Zugänge zur Mehrheitsgesellschaft ermöglichen. Aber wir müssen auch Programme entwickeln, Konzepte entwickeln, vor allem in den Schulen, damit die Jugendlichen auch für Demokratie, Menschenrechte und für unser Grundgesetz zu begeistern sind – und das nicht alles ablehnen, ohne zu verstehen, was dahintersteht. Wir brauchen das Grundgesetz nicht nur auf Arabisch, sondern [wir müssen dafür sorgen, dass diese Jugendlichen] das Grundgesetz verinnerlichen, danach leben – das ist unsere Aufgabe!

Wie lässt sich das bewerkstelligen? Viele junge Leute scheinen ja begeistert zu sein vom Islamismus und lassen sich anstecken. Wo ist da die Ursache?

Die Ursache ist vielfältig. Das sind nicht nur Versager und Jugendliche, die diskriminiert werden, sondern das sind Jugendliche, die auf der Suche nach Orientierung und Halt sind. Sie wollen zu einer Elite gehören. In den Familien herrschen chaotische Zustände, meistens fehlt die Vaterfigur. Das sind Menschen, die sich in den Schulen abgrenzen wollen, weil sie eine andere Identität suchen. Das sind aber auch Jugendliche, die einer Ideologie hinterherrennen, die freiheitsfeindlich und demokratiefeindlich ist. Diese Ideologie ist leider auch theologisch zu begründen. Da brauchen wir auch eine innerislamische Debatte, eine mutige Debatte, die in der Lage wäre, ein solches Ungeheuer zu erkennen und einen Glauben anzubieten, der nichts mit Radikalismus zu tun hat, der nicht nur Opfer- und Feindbilder schafft, Antisemitismus und Verschwörungstheorien verbreitet, bei dem man nicht an einen Gott glaubt, der immer mit Bestrafung droht – denn das ist ein Islamverständnis, das die Basis schafft, auf der die Radikalen ihre zukünftige Ideologie aufbauen.

Wie werden die Anschläge in der islamischen Welt beurteilt? Werden sie dort auch verurteilt?

Zu 99 Prozent sind die Menschen schockiert, lehnen das total ab und sehen es nicht als Teil ihrer Religion. Es gibt aber eine kleine Gruppe von Islamisten – nicht alle, das ist nur die Spitze des Eisbergs, diejenigen, die den Dschihad bevorzugen und legitimieren. Die sind natürlich sehr froh und feiern das. Andere versuchen, das zu relativieren, indem sie sagen: Naja, Frankreich hat auch in Syrien Leute umgebracht, oder: Die Franzosen haben damals in nordafrikanischen Ländern auch Massaker angerichtet. Das sind Relativierungsversuche; die versuchen einfach, die Verantwortung abzugeben und sich nicht damit zu beschäftigen, wie ein solches Kind unter uns entstehen konnte.

Mit Ahmad Mansour sprach Hero Warrings

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Quelle: n-tv.de

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