Politik
Der Chef und die zweite Reihe: Christian Lindner, beklatscht auf dem außerordentlichen Parteitag eine Woche vor der Wahl.
Der Chef und die zweite Reihe: Christian Lindner, beklatscht auf dem außerordentlichen Parteitag eine Woche vor der Wahl.(Foto: imago/Christian Thiel)
Donnerstag, 21. September 2017

War da noch wer?: Die Truppe hinter Lindner

Von Gudula Hörr

Fast überall tritt er auf, fast überall hängt er mit seinem Dreitagebart und den tiefen Augenringen. Hat die FDP überhaupt noch anderes Personal außer Parteichef Lindner? Und kann sie im Fall der Fälle regieren?

Lindner, Lindner und Lindner: Die Wahlkampagne der FDP verhehlt nicht, wer die Nummer eins der Partei ist. Fast jedes Plakat, jeder Film zeigt den Parteichef in schmeichelnd-existenzialistischer Schwarz-Weiß-Optik. In Talkshows und in Interviews ist es vor allem er, der die Politik der Liberalen erklärt. Hat die FDP überhaupt noch anderes Personal? Und wen könnte sie, sollte ihr nicht nur der Sprung ins Parlament, sondern auch in die Regierung gelingen, hierfür überhaupt aus dem Keller holen?

Nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition haben die Liberalen ein Problem: Die meisten ihrer Kandidaten sind bundesweit kaum bekannt. Laut einer Forsa-Umfrage für den "Stern" kennt fast die Hälfte aller Befragten keinen einzigen FDP-Politiker. Gerade mal 45 Prozent können überhaupt Christian Lindner nennen. Dann folgt erstmal: mit weitem Abstand niemand.

Wird Wolfgang Kubicki Justizminister? Will er das überhaupt?
Wird Wolfgang Kubicki Justizminister? Will er das überhaupt?(Foto: imago/Metodi Popow)

Und das, obwohl die FDP bei dieser Bundestagwahl jeden in den Ring schickt, der Rang und Namen hat - ob aus dem Europaparlament, den Bundesländern (allein aus ihnen bewerben sich fünf Fraktionsvorsitzende für den Bundestag) oder dem politischen Ruhestand. Schließlich geht es für die Liberalen um ihre Existenz, weitere vier Jahre außerparlamentarische Opposition würden sie kaum überstehen. Laut den aktuellen Umfragen scheint allerdings diese Gefahr gebannt. Aller Voraussicht nach zieht die FDP nach dem 24. September mit rund 60 Abgeordneten in den Bundestag ein.

Einer von ihnen wird Lindners Stellvertreter Wolfgang Kubicki sein, der scharfzüngige Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein. Er ist nach Lindner der prominenteste Liberale - bundesweit kennen ihn der Forsa-Umfrage zufolge immerhin noch sechs Prozent. Als Vorsitzender der Landtagsfraktion setzte er im Norden eine Jamaika-Koalition mit durch, nun will er von Kiel nach Berlin. Früher hatte er dies stets abgelehnt unter dem Hinweis, dort zum "Hurenbock" zu werden. Inzwischen sieht sich der 65-Jährige als moralisch und sittlich gefestigt, wie er n-tv.de in einem Interview sagte. In Berlin könnte der erfahrene Jurist das Justizressort übernehmen, auch wenn er öffentlich bisher wenig Interesse an einem Ministeramt zeigt.

Er selbst erklärte vor wenigen Monaten, dass er sich mit Lindner wohl um den Fraktionsvorsitz streiten werde. Doch noch ist unklar, ob Lindner dieses Amt auch will. Zwar könnte Lindner als Fraktionschef, nicht eingebunden in die Kabinettsdisziplin, mehr Druck auf den Koalitionspartner ausüben. Sollte es allerdings zu einer Jamaika-Koalition kommen, würde er vermutlich das Amt des Vizekanzlers für sich beanspruchen müssen. Dann könnte er auch das mächtige Amt des Finanzministers anstreben, das seit acht Jahren der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble innehat und das nun die FDP für sich reklamiert.

Lambsdorff als Außenminister?

Nach Kubicki und Linder gibt es einen weiteren Liberalen, der sich mit zwei Prozent noch einer gewissen Bekanntheit erfreut: Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des Europaparlaments. Auch ihn zieht es nun nach Berlin. Lambsdorff ist gelernter Diplomat und Neffe des früheren Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff. Als erfahrener Außenpolitiker könnte Lambsdorff, der in den 90er-Jahren das Büro des damaligen Außenministers Klaus Kinkel leitete, das Außenamt übernehmen - sollte es denn der FDP zugesprochen werden. Die Beliebtheit der Deutschen wäre ihm dann, wie den meisten Außenministern, wohl gewiss.

Kommt wohl zurück in den Bundestag: FDP-Mann Otto Fricke.
Kommt wohl zurück in den Bundestag: FDP-Mann Otto Fricke.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auch wenn sie vielen unbekannt sind, stehen noch einige Liberale in den Startlöchern, um Verantwortung zu übernehmen. Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann, so wird erwartet, könnte als Parlamentarischer Geschäftsführer den Laden managen. Generalsekretärin Nicola Beer, einst hessische Kultusministerin, käme für den Posten einer Wissenschafts- und Bildungsministerin infrage. Otto Fricke, der elf Jahre für die FDP im Bundestag saß, könnte mindestens Staatssekretär werden. Als einstiger Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion kennt er sich gut aus - und als Liquidator. Ihm oblag 2013 die trostlose Aufgabe, die 93-köpfige FDP-Bundestagsfraktion aufzulösen und für die Arbeitslosen neue Jobs zu suchen.

Der ehemalige Finanzminister aus Sachsen-Anhalt, Karl-Heinz Paqué, hätte Chancen, Wirtschaftsminister zu werden - eine Aufgabe, die auch Hermann Otto Solms übernehmen könnte. Der Schatzmeister ist ein Urgestein der Liberalen, 33 Jahre saß er für sie im Bundestag, sieben Jahre davon als Fraktionschef. Dass er sich mit 76 Jahren allerdings noch ein Ministeramt aufhalsen wird, ist unwahrscheinlich. Auch Volker Wissing, Beisitzer im Präsidium der Bundespartei, versteht etwas von Geld und Steuern. Er ist seit 2016 Wirtschafts- und Verkehrsminister in Rheinland-Pfalz und weiß, was es heißt, von der Apo direkt in eine Regierung aufzusteigen.

Und dann gibt es sogar ein paar Frauen: Die Hamburgerin Katja Suding auf einem Wahlplakat von 2014.
Und dann gibt es sogar ein paar Frauen: Die Hamburgerin Katja Suding auf einem Wahlplakat von 2014.

Und dann sind da noch jene aus den hinteren Reihen, die ebenfalls hoch gehandelt werden: der gerade mal 35-jährige Johannes Vogel, der 2013 aus dem Bundestag flog und in NRW als Generalsekretär die Truppen um Lindner scharte. Die Hamburger Spitzenkandidatin Katja Suding und die Bremerin Lencke Steiner - überregional bislang vor allem wegen ihrer Wahlplakate bekannt. Und der Europapolitiker Michael Theurer, Spitzenkandidat aus Baden-Württemberg und im FDP-Präsidium zuständig für Wirtschaft und Arbeit.

Rückgriff auf Quereinsteiger?

Trotz des stets wiederholten Vorwurfs, eine Ein-Mann-Partei zu sein, zeigt sich die FDP daher optimistisch: "Wir haben gutes Personal", sagt FDP-Präsidiumsmitglied Frank Sitta. Ein Drittel der künftigen Abgeordneten saß schon einmal im Bundestag, viele der anderen verfügen bereits über politische Erfahrungen. Sollte die FDP mit der Union eine Regierung stellen, könnte sie auch auf Quereinsteiger zurückgreifen, so Sitta. Dennoch weiß auch er: Der Sprung aus der außerparlamentarischen Opposition direkt ins Kabinett ist schwierig. "Das gibt es nicht oft, dass eine Partei aus der Apo direkt Regierungsverantwortung erlangt." Während sich die anderen Parteien schon seit Monaten im Parlament auf mögliche Koalitionsgespräche vorbereiten könnten, hätten die Liberalen einen strategischen Nachteil.

Einige in der FDP halten es durchaus für wünschenswert, sich in den kommenden vier Jahren erstmal in der Opposition zu regenerieren. Die FDP müsse zunächst wieder Erfahrungen sammeln, heißt es, und nicht gleich wieder um Posten feilschen. Gerade das Klammern an die Macht habe doch den Ruf der FDP ramponiert.

Ähnlich lautet das Credo des Parteichefs, der gebetsmühlenartig die Eigenständigkeit der FDP betont. "Ich bin nicht der Wunschkoalitionspartner der CDU, und die CDU nicht meiner", sagt Lindner gerne. Bei möglichen Koalitionsverhandlungen wird er daher wohl hoch pokern, um seine Forderungen durchzusetzen. Denn eines ist ihm klar: Das Trauma der letzten Koalition mit der Union, an dessen Ende die FDP aus dem Bundestag flog, darf sich nicht wiederholen.

Quelle: n-tv.de

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