Politik
Konsum bis zum Burn Out: Ist ein bescheidenerer Weg der bessere?
Konsum bis zum Burn Out: Ist ein bescheidenerer Weg der bessere?(Foto: dpa)

Die Grenzen des Wachstums: "Die Wirtschaft muss schrumpfen!"

Europa zittert vor der Rezession, jedes Prozent Wirtschaftswachstum wird begeistert begrüßt. Dass die Wirtschaft wächst, scheint der alternativlose Weg aus der Krise zu sein. Ein Oldenburger Ökonom sieht das anders. Er sagt, dass Wirtschaftswachstum nicht die Lösung des Problems, sondern das Problem selbst ist. Nur ein Schrumpfen der Wirtschaft verhindere die Katastrophe.

n-tv.de: Herr Professor Paech, was ist so schlimm am Wirtschaftswachstum?

Niko Paech: Wir können den Wachstumskurs nicht mehr lange durchhalten, weil verschiedene Krisen über uns hereinbrechen. Sie werden die Party beenden. Nicht etwa nur ökologische Grenzen und historisch einmalige Ressourcenverknappungen, sondern Finanzkrisen werden zum Schrittmacher einer ökonomische Entwicklung jenseits weiterer Wachstumshoffnungen. Wir kriegen den monetären Bereich einer zu groß gewordenen Wirtschaft erst wieder in den Griff, wenn wir zu Reduktionen bereit sind. Für eine Stabilisierung des derzeitigen Zustandes gibt es schlicht keine politisch durchsetzbaren Lösungen.

Wenn in China die Industrie aus dem Boden schießt, alle Inder ein Auto haben wollen und Millionen Brasilianer sich nun Kühlschränke und Fernseher leisten können, leiden das Klima und die Umwelt. So weit so gut. Aber werden nicht saubere, grüne Technologien das Problem lösen?

Nein. In Europa wird mit gespaltener Zunge gesprochen. Vormittags geht man zur Nachhaltigkeitstagung und sendet Klimaschutzgebete gen Himmel, um dann nachmittags Wirtschaftswachstum zu fordern. Selbst wenn wir unsere gesamte Energie aus erneuerbaren Energiequellen bezögen, würde das nur weitere Zerstörung produzieren, solange die Wirtschaft weiter wächst. Denn dann werden die landschaftlichen Verwüstungen der sogenannten Energiewende der bisherigen Struktur einfach hinzuaddiert. Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung funktioniert nicht.

Warum nicht?

"Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung funktioniert nicht."
"Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung funktioniert nicht."(Foto: dpa)

Weil dies zwei Kunststücke erfordern würde. Nicht nur die physische Entstehungsseite, sondern auch die Verwendungsseite, also das zusätzliche Einkommen, müsste ökologisch neutralisiert werden. Auch regenerative Energien sind niemals zum ökologischen Nulltarif zu haben, allein wegen der Flächenverbräuche, Eingriffe in Biodiversität, der Produktion von Anlagen, aufwendigen Infrastrukturen etc. Wenn sie hinzu addiert werden, entstehen neue Schäden. Wenn sie andere Anlagen, etwa Kohle und Atom, ersetzen, stellt sich erstens die Frage, wie dann insgesamt die Wirtschaft wachsen kann, und zweitens, wie die alte Materie ökologisch neutral entsorgt werden soll. Selbst wenn diese Probleme lösbar wären - was ich bezweifle -, wartet noch das zweite Kunststück: Wachstum schafft zusätzliches Einkommen, das niemand ökologisch ausgeben kann, außer es wird abgeschöpft, aber warum dann überhaupt Wachstum?

Das heißt, all die grünen Technologien verzögern die Katastrophe nur?

Moment, das gilt nur, wenn wir Umweltschutz unter den Vorbehalt stellen, dass es dem Wachstum dienen muss. Unter der Bedingung, dass die Wirtschaft nicht wächst oder sogar verkleinert wird, können ökologische Innovationen hingegen die Umwelt entlasten.

Dann müsste ein Land wie Griechenland ja derzeit auf einem guten Weg sein. Griechenland braucht also nicht mehr Wirtschaftswachstum?

Nein. Griechenland braucht Konzepte, die den Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität sozial abfedern. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Griechenland zu einer Avantgarde entwickelt. Die Griechen könnten vorführen, wie man ohne Frustration, vielleicht sogar mit Humor, eine andere Daseinsform praktiziert. Es geht um den Versuch einer Balance zwischen Modernität und Bescheidenheit, sodass mit Klimaschutz ernst gemacht würde und zugleich eine sozial stabile Gesellschaft resultierte. Eine solche Postwachstumsökonomie wird so oder so kommen. Entweder by design oder by desaster.

Wie soll man denn unseren Wohlstand einigermaßen sichern, wenn die Wirtschaft nicht mehr wachsen darf oder sogar schrumpfen soll? Wie stellen Sie sich das vor?

Es geht nicht um die Sicherung des momentanen Wohlstandes, sondern eine andere Verteilung des vielleicht nur noch halb so großen Wohlstandes. Ein zentraler Schlüssel liegt in der Arbeitszeit. Wir müssen Abschied vom 40-Stunden-Dogma nehmen und stattdessen eine Halbtagsgesellschaft anpeilen. Dann kann der Rückgang der in Geld gemessenen Wertschöpfung in gewisser Weise abgefedert werden. Dies senkt das Konsumniveau, welches jedoch im Rahmen der 20 freigesetzten Stunden durch eigene Leistungen ergänzt werden kann.

Selbstproduktion könnte Teile der Industrie ersetzen.
Selbstproduktion könnte Teile der Industrie ersetzen.

Wenn alle nur noch halb so viel arbeiten, wird auch nur halb so viel produziert. Versorgungsengpässe sind vorprogrammiert.

Nein, die Versorgung muss neu organisiert werden. Dazu zählen erstens Konzepte der Gemeinschaftsnutzung. Langlebige oder essentielle Gebrauchsgüter des täglichen Lebens – ganz gleich ob Auto, Rasenmäher oder Digitalkamera - können von mehreren Personen genutzt werden. Zweitens ist Nutzungsdauerverlängerung angesagt. Wir müssen die freigewordene Zeit zu einem Produktionsfaktor machen, indem wir unsere Güter pflegen und reparieren, sodass die Dinge doppelt so lange halten. Einfache Reparaturen übernimmt man selbst oder bittet Leute aus seinem Netzwerk um Hilfe, schwierige Reparaturen übernehmen Profis. Auf diese Weise wird ein radikal reduzierter Industrieoutput durch eigenständige Leistungen so aufgewertet, dass niemand auf die Konsumleistungen verzichtet. Drittens können wir manches selbst produzieren, um noch mehr Industrie zu ersetzen, denken Sie mal an die Gemeinschaftsgärten.

Udo Jürgens singt vom Gefühl, noch niemals in New York gewesen zu sein. In der Zukunft wird das der Normalfall sein. Sie möchten Flughäfen schließen.

Im Sinne des Klimaschutzes wäre nichts wichtiger! Aber ein verantwortbares Kontingent an Flugreisen könnte weiterhin über ein Delegationssystem verfügbar sein. Die wichtigste ökologische Leitplanke einer Postwachstumsökonomie besteht in einem individuellem CO2- Budget. Wenn wir das CO2-Budget, welches mit der Einhaltung des 2-Grad-Klimaschutzzieles – übrigens alle EU-Regierungen bekennen sich dazu! - auf die derzeitige Menschheit verteilen, dann hätte jeder einzelne noch 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr. Damit können sie niemanden auf der anderen Seite des großen Teiches besuchen. Flugreisen sind dann vielleicht noch in mehrjährigen Abständen möglich, wenn man sich von anderen Personen nicht benötigte CO2-Budgetanteile vorschießen lässt oder selbst anspart. Das ist keine schöne Wahrheit, aber wer die nicht hören will, soll bitte auch nicht mehr von Klimaschutz reden.

Klingt ziemlich öde. Wo kommt der Fortschritt her? Wo kommen neue Erfindungen her?

Über Niko Paech

Der Ökonom Niko Paech ist Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg.  Er ist außerdem Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von ATTAC. Im April dieses Jahres hat er die Streitschrift "Befreiung vom Überfluss - Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie" vorgelegt.

Homepage

Postwachstumsökonomie

Vortrag Niko Paech

Was fehlt Ihnen nach Jahrzehnten eines sich überschlagenden Fortschritts? Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir dem Fortschritt nicht mehr standhalten. Die Zunahme psychischer Krankheiten gerade in den nach landläufiger Definition fortschrittlichsten Staaten zeigt, dass Menschen nicht wie die von ihnen genutzten Geräte ständig upgegradet oder redesigned werden können. Die Geschichte des modernen Fortschritts lässt sich auch so erzählen: Erst kommt die Freiheit, dann die Selbstverwirklichung, dann der Komfort, dann die Konsumverstopfung, dann die Zeitknappheit, schließlich der Burn Out und am Ende mausert sich die Depression ausgerechnet in den prosperierenden Konsumgesellschaften zur Zivilisationskrankheit Nummer eins.

Macht uns der Konsum also unglücklich?

Niko Paech.
Niko Paech.

Die Dosis macht das Gift. In Malawi oder der Elfenbeinküste lässt sich das nicht sagen. Bestimme materielle Grundbedürfnisse müssen erfüllt sein, um Unfreiheit, Angst, Not oder unwürdige Bedingungen zu tilgen. Aber die Aufnahmekapazität eines Menschen für ständig neuen Kram ist nicht unbegrenzt steigerbar. Aufmerksamkeit und Konzentration sind knappe Ressourcen, so dass Menschen auf eine Obergrenze für das stoßen, was sie noch glückstiftend verarbeiten können. Und meine These ist, dass wir in Europa diese Obergrenze erreicht haben. Jenseits davon kann Konsum unzufriedener machen, weil Stress und Flüchtigkeit überhand nehmen. Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung und Mobilität vorsichtig abzurüsten, wird dann zum Selbstschutz.

Klingt trotzdem utopisch. Wie soll man eine breite Masse davon überzeugen?

Wir erleben schon jetzt Pioniere in den Gemeinschaftsgärten, in der Reparatur- oder ifixit-Bewegung (www.ifixit.com), die sich vorsorglich und ohne Zwang einem Übungsprogramm für die Zeit nach dem Wachstum hingeben. Die alte Fortschrittideologie sollte uns stark und frei machen, nämlich durch eine permanente Aufblähung der Möglichkeiten. Allmählich ahnen wir: Souveränität und ökonomische Autonomie erlangt nur, wer sich unabhängig von industrieller Fremdversorgung macht. Spätestens die nächsten Finanz- und Ressourcenkrisen werden uns lehren, dass ein genügsamer und auf kreativer Selbstversorgung basierender Lebensstil der beste Schutz vor einem sozialen Kollaps ist. Und zufällig ist dies auch der effektivste Schutz der Ökosphäre.

Und wie soll das politisch durchgesetzt werden?

Eine politische Mehrheit, die den Mut aufbringt, der seit Dekaden mit Wohlstandsversprechungen verwöhnten Öffentlichkeit unverblümt mitzuteilen, dass es nun um den Rückbau lieb gewonnener Konsum- und Mobilitätsstrukturen geht, ist nicht in Sicht. Andererseits ist ein Weiter-so auch nicht durchhaltbar. Deshalb wird die nächste Entwicklung moderner Konsumgesellschaften schlicht von Krisen getrieben sein. Erst konsumieren wir bis zum Burn Out, dann steigen die Ressourcenpreise, schließlich kommen Finanzkrisen hinzu, die ökologischen Bedingungen verschlechtern sich ohnehin ... und inmitten dieser Eskalation wird möglicherweise die Bereitschaft steigen, über einen bescheideneren Weg nachzudenken.

Mit Niko Paech sprach Volker Petersen

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen