Politik
Die sezessionistische Regierungspartei in Barcelona hat zwar Stimmen verloren, dafür wurden radikalere Parteien gestärkt, die ebenfalls für die Unabhängigkeit Kataloniens eintreten.
Die sezessionistische Regierungspartei in Barcelona hat zwar Stimmen verloren, dafür wurden radikalere Parteien gestärkt, die ebenfalls für die Unabhängigkeit Kataloniens eintreten.(Foto: REUTERS)

Schottland, Katalonien, Québec, Flandern: Die Wohlstands-Aufstände

Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, warum sich Regionen von ihren Staaten abspalten wollen. Oft hat es mit dem Wohlstand zu tun, gelegentlich auch mit der Armut. Im Interview mit n-tv.de erklärt der Politologe André Kaiser, wie hoch die Chancen von Unabhängigkeitsbewegungen sind und warum sie in letzter Zeit stärker werden.

n-tv.de: Warum will Katalonien unabhängig werden?

André Kaiser: Das ist eine ziemlich komplexe Geschichte. Wenn man die Katalanen nach ihrer Identität fragt, gibt es einen beachtlichen Anteil, der sich als katalanisch bezeichnet. Das ist aber nicht die Mehrheit. Und viele fühlen sich gleichzeitig als Spanier. In Spanien existiert ein Wettbewerb zwischen den sogenannten "historischen Regionen" Katalonien, Galizien, Andalusien und Baskenland sowie den anderen Regionen. Jede versucht, mehr Rechte zu erringen als die anderen. Damit hat sich eine Dynamik entwickelt, die zu immer mehr Kompetenzen für die autonomen Gemeinschaften führt.

Und dann kam die Krise.

Prof. André Kaiser lehrt Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Köln.
Prof. André Kaiser lehrt Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Köln.

Durch die Finanzkrise wurden die Mittel, die Katalonien aus Madrid bekommt, immer knapper. Mit der Drohung einer Abspaltung will die nationalistische Regierung in Barcelona Druck auf Madrid machen. Ich bezweifle, dass es zu einer Unabhängigkeit kommt. Allerdings kann so etwas auch schnell eine eigene Dynamik bekommen.

Die Katalanen haben sich in der Krise daran erinnert, dass sie eigentlich eine wohlhabende Region sind.

Das ist etwas, das auch in anderen Fällen zu beobachten ist. Der flandrische Nationalismus in Belgien etwa ist ganz stark durch diesen Wohlstandschauvinismus geprägt. In Katalonien sind die Finanzen eher der Anlass und nicht die Ursache der Sezessionsbestrebung.

Auch in Schottland soll über die Unabhängigkeit abgestimmt werden.

Das ist ein ganz spannender Fall. Eigentlich gibt es in Schottland keine ethnische Identität, die Sprache ist die gleiche. Aber die Eigenständigkeit ist schon im 18. Jahrhundert akzeptiert worden: Es gibt ein eigenes Rechtssystem, das Bildungssystem funktioniert anders und so weiter. Für das Leben in Schottland was das lange Zeit nicht besonders wichtig. Aber mit der Deindustrialisierung verlor die schottische Wirtschaft ihre Kraft. Richtig ausgebrochen ist der Nationalismus dann zur Zeit Margaret Thatchers, weil sie Schottland vernachlässigte.

Während Katalonien durch wirtschaftliche Stärke seine Identität  entdeckte, war es in Schottland der wirtschaftliche Niedergang?

Genau. Und dann wurde ab den 1970er Jahren Erdöl vor den schottischen Küsten gefunden und machte die Eigenständigkeit finanzierbar. Dass die Regierung nun über die Unabhängigkeit abstimmen lassen will, kommt aber überraschend, da laut Umfragen höchstens ein Drittel der Bevölkerung das unterstützen würde. Auch dass der britische Regierungschef David Cameron sagt, er würde das Votum akzeptieren, hat niemand erwartet. Über die Gründe kann man nur spekulieren.

Schottland, Flandern und die spanischen Regionen: Gerade in Europa gibt es viele Sezessionsbestrebungen. Werden sie durch die Europäische Union befördert?

Die EU bietet Sicherheit. So können die Regionalregierungen sagen: Wir gehen nicht unter, wenn wir uns für unabhängig erklären. Damit wird es Separatisten leicht gemacht. Vor einer militärischen Bedrohung bräuchten neue Staaten in Westeuropa keine Angst zu haben. Auch der Binnenmarkt wäre durch die EU geregelt.

Wenn sich die "Parti Quebecois" durchsetzt, spaltet sie Kanada in Ost und West.
Wenn sich die "Parti Quebecois" durchsetzt, spaltet sie Kanada in Ost und West.(Foto: REUTERS)

Zur Debatte steht auch eine Abspaltung der französischsprachigen Region Québec vom englischsprachigen Kanada.

Dort ist es sehr gut möglich, dass es zu einer Abspaltung kommt. Dahinter steht ein jahrzehntealter Prozess, der letzte Versuch ist nur sehr knapp gescheitert. Die Region war lange rückständig, hat sich aber stark modernisiert und stünde nun ohne den Rest des Landes besser da.

Die meisten Abspaltungen in der Geschichte waren nicht so demokratisch wie die aktuellen Beispiele aus Europa und wie das von Kanada.

Das waren meist sehr blutige Vorgänge, das kann man nicht vergleichen. In undemokratischen Gesellschaften ist Sezession dann ein Thema, wenn sich regionale Führer mehr von der Eigenständigkeit versprechen. Letztlich ist die Selbstbestimmung da nur Mittel zum Zweck. Ich würde da sogar die Kurden einbeziehen. Ich bin mir nicht sicher, in wessen Interesse die Selbstbestimmung dort ist.

Wie jetzt in Mali.

Mein Eindruck aus den Medien ist, dass dort ein Konflikt zwischen bewaffneten Gruppen stattfindet, für den ethnische Identitäten mobilisiert werden. Wenn man den Berichten glauben darf, ist die Zivilbevölkerung davon nicht wahnsinnig erfreut. Die hätte lieber vernünftige staatliche Strukturen zurück.

Was ist mit dem jüngsten Staat der Erde, dem Südsudan, der sich vom Sudan abgespalten hat?

Das ging eher von internationalen Akteuren aus. Das Volk im Südsudan hätte alleine nicht die Macht gehabt, eigenständig zu werden.

Ist es für einen Staat eigentlich immer schlecht, wenn eine Region unabhängig wird?

Sehr problematisch wäre es in Kanada: Das Land wäre gespalten zwischen West- und Ostkanada. Es würde vom guten Willen Québecs abhängen, ob Transportwege weiter verwendet werden dürften. Experten schätzen die wirtschaftlichen Kosten einer Unabhängigkeit als sehr hoch ein. Die östlichen Provinzen haben schon Pläne in der Schublade, was sie in diesem Fall machen, im Gespräch ist sogar ein Anschluss an die USA. In den europäischen Fällen würde sich ja gar nicht so viel tun.

Trotzdem wehrt sich auch Spanien mit Händen und Füßen gegen die Unabhängigkeit Kataloniens.

In Madrid wurde schon die Schaffung von autonomen Regionen sehr kritisch gesehen. Selbst wenn es keine materiellen Folgen gäbe: Es geht dabei um Symbole.

Mit André Kaiser sprach Christoph Herwartz

Quelle: n-tv.de

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