Politik
Gerlachs Registerkarte als Kriegsgefangener.
Gerlachs Registerkarte als Kriegsgefangener.(Foto: Galiani Verlag)

Wiederentdeckung in Moskau: Die blutige Realität der Stalingrad-Schlacht

Von Thomas Schmoll

Einen 600-Seiten-Roman schreibt der Wehrmachtsoffizier Heinrich Gerlach in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Das Manuskript wird ihm abgenommen. Doch sein Buch hat in einem Archiv überdauert und erscheint nun im Original.

Der Büchermarkt ist unberechenbar. Was ein Bestseller wird - niemand weiß es. Die Verlage versuchen es über das Marketing. Die Werbeabteilung produziert dann Sätze, die weniger den Inhalt eines Werkes in den Vordergrund rücken als vielmehr das Drumherum, etwa die Genese des Buches. Das klingt dann ungefähr so: "Die Entstehungsgeschichte liest sich zum Teil selbst wie ein Roman."

Gerlachs Original mit den russischen Archivzeichen.
Gerlachs Original mit den russischen Archivzeichen.(Foto: Galiani Verlag)

Neuerdings wirbt der Berliner Galiani Verlag – bekannt für seine Lust an (Wieder)Entdeckungen – für ein gerade erschienenes Buch exakt mit diesem Slogan: "Durchbruch bei Stalingrad" von Heinrich Gerlach. Doch wenn der Befund einer "romanhaften Entstehungsgeschichte" jemals seine Berechtigung hatte, dann unbedingt hier. Der Hintergrund ist in mehrfacher Hinsicht derartig spektakulär, dass es einem den Atem verschlägt.

Gerlach schrieb seinen Antikriegsroman zweimal. Die erste Version in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, die zweite – mit Hilfe eines Hypnotiseurs – in den 1950er Jahren. Dass das Urmanuskript jetzt, 70 Jahre nach Kriegsende, veröffentlicht werden konnte, ist dem Literaturwissenschaftler Carsten Gansel zu verdanken. Er hat es 2012 in einem Moskauer Archiv ausgegraben. In einem überaus lesenswerten Nachwort schildert der Professor der Uni Gießen ausführlich die Historie der zwei Fassungen des Romans.

Ums Überleben geschrieben

Gerlach geriet 1943 während der Schlacht um Stalingrad schwer verwundet in Gefangenschaft. Er schloss sich dem Bund Deutscher Offiziere an, einer Gruppe deutscher Soldaten, die mit Hitler gebrochen hatten. Gerlach schrieb fast zwei Jahre an seinem Roman und rettete ihn über viele Stationen seiner Inhaftierung. Ein Anlauf, das Werk über einen freigelassenen Kameraden rauszuschmuggeln, scheiterte ebenso wie der eigene Versuch, das Manuskript nach seiner Freilassung im Frühjahr 1950 im doppelten Boden eines Koffers mit in die Heimat zu nehmen.

Bilderserie

Der sowjetische Geheimdienst beschlagnahmte das literarische Zeugnis über die Stalingrad-Schlacht. Die Rückgabe lehnte er ab, da "der Verfasser ein unbelehrbarer SS-Mann war und geblieben" sei, der Inhalt "eine Verleumdung des Sowjetvolkes und eine Lobpreisung des Hitlerismus" darstelle und das Buch "ohne gründliche Bearbeitung" dem Revanchismus und der Remilitarisierung diene. Mit anderen Worten: Die Entscheider in Moskau vermissten eine klare kommunistische Haltung des Erzählers. Gansel sagt dazu aus heutiger Sicht: "Gerlachs Ansatz ist ein anderer: Er versucht unmittelbar und über einen harten Realismus zu zeigen, was der Krieg und Stalingrad für den Einzelnen bedeutet."

Gerlach gab indes nicht auf. "Zu viel Mühe und Nervenkraft hatte ich an dieses Buch gewendet, um es kampflos verloren zu geben", verkündete er. Als der Schriftsteller im Oktober 1950 einen Artikel in der Illustrierten "Quick" über den auf Hypnose spezialisierten Münchner Arzt Karl Schmitz las, wandte er sich an den Mediziner mit der Bitte, ihm zu helfen, das Manuskript aus seinem Gedächtnis zu kramen. Schmitz sagte zu. Gansel nennt die Konstellation in der Rückschau eine klassische Win-win-Situation für beide Beteiligte.

Graben in der eigenen Erinnerung

Es kam zu 23 Sitzungen, die die "Quick" unter der Schlagzeile "Ich weiß wieder, was war – Russland-Heimkehrer erhält durch Hypnose-Behandlung sein Gedächtnis zurück" prompt zum "Wunder" erklärte: "Die Jahre, die in den Abgrund des Vergessens gesunken sind, tauchen wieder auf", ließ das Blatt im Sommer 1951 seine Leser wissen. Zwar holte Gerlach nur einen einzigen Originalsatz aus seinem Gedächtnis hervor, wohl aber den Plot, die Struktur und etliche Überschriften.

Das Buch ist bei Galiani erschienen und kostet 34 Euro.
Das Buch ist bei Galiani erschienen und kostet 34 Euro.

Später bezifferte Gerlach den Anteil des Buches, den er (auch) Dank des Arztes zum Vorschein brachte, auf "etwa ein Viertel", also rund 150 Seiten. An den "fehlenden" 450 Seiten schrieb er weitere fünf Jahre. Wichtig war das deshalb, weil Schmitz seinen Beitrag auf zwei Drittel bewertete und 20 Prozent des Honorars für sich beanspruchte. Der Rechtsstreit endete im Januar 1961 mit einem Vergleich: 9500 Mark erhielt Schmitz.

Zu jener Zeit war das Buch unter dem Titel "Die verratene Armee" schon ein Bestseller. Die Inhaber der Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, die den Roman 1957 rausbrachten, verkauften ihn rasch in viele Länder, auch in die USA. Verblüfft stellten sie damals fest: "Der ostzonale Deutschlandsender bat um ein Lesestück. So etwas haben wir noch nie erlebt!"

Gleich und doch anders

Gansel untersuchte haargenau, wie nah die erste und die zweite Version beeinander liegen. "Wesentliche Elemente des Plots sind in beiden Fassungen gleich. Auch die in Versalien gesetzten Überschriften stimmen zu 70 Prozent mit dem Urmanuskript überein. Aber es ist bekannt, dass man ein und dieselbe Geschichte auf unterschiedliche Weise erzählen kann."

Ein wesentlicher Unterschied ergibt sich aus der unmittelbaren zeitlichen Nähe zum Erlebten, aber auch durch die innere Verarbeitung durch Gerlach, der 1991 in Brake bei Bremerhaven starb. Der Zeitgeist spielte ebenfalls eine Rolle, was sich in den verschiedenen Titeln des Romans ausdrückt. "Die verratene Armee", meint Gansel, lege "das Schwergewicht auf die ideelle Dimension der Stalingrad-Katastrophe", es gehe "um den Vorgang des Verrats von Hitler und der Nazi-Führung" an den 300.000 eingekesselten Deutschen, von denen nur 6000 heimkehrten. Der titelgebende "Durchbruch" fokussiert laut Gansel "stärker auf die militärische Lage und die existentielle Situation der deutschen Landser im Kessel von Stalingrad".

Wie sich zeigt, haben beide Versionen ihre Berechtigung. Das Interesse an dem Buch war damals riesig – und ist es heute auch. Das liegt nicht zuletzt an der fesselnden Schilderung der grauenvollen Kämpfe rund um Stalingrad wie an den tiefen Einblicken in die Seelen der von Hunger, Kälte und Einsamkeit zermürbten Soldaten. Die erste Auflage der "verratenden Armee" betrug 10.000 und war nach wenigen Wochen im November 1957 verkauft. Galiani ließ von der zweiten Version 4000 Stück drucken. "Nach vier Tagen waren alle Exemplare vergriffen."

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Quelle: n-tv.de

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