Politik
Sektenführer Paul Schäfer nach einer Gerichtsaussage im chilenischen Parral im Jahr 1989 - der Richter war laut der bislang geheim gehaltenen Papiere "enormem politischen Druck" ausgesetzt.
Sektenführer Paul Schäfer nach einer Gerichtsaussage im chilenischen Parral im Jahr 1989 - der Richter war laut der bislang geheim gehaltenen Papiere "enormem politischen Druck" ausgesetzt.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 11. Mai 2016

"Systematische Entmenschlichung": Die deutsche Geheimakte Colonia Dignidad

Von Roland Peters

Folter, Arbeitslager, Kindesmissbrauch - die Colonia Dignidad ist ein grauenhaftes Kapitel deutsch-chilenischer Geschichte. Protegiert wird die Sektensiedlung von der Militärdiktatur. Bislang geheime Papiere zeigen den Kampf deutscher Diplomaten gegen den pädophilen Despoten Paul Schäfer.

Wenn der Chef des Auswärtigen Amtes seine eigenen Diplomaten öffentlich und deutlich kritisiert, geht es um sehr viel - Deutschlands Glaubwürdigkeit. In Südamerika wurde sie mindestens 20 Jahre lang permanent auf die Probe gestellt. Bei den Menschenrechtsverletzungen in der deutsch-chilenischen Sektensiedlung Colonia Dignidad hätten sowohl das Ressort als auch dessen Vertreter in Chile "die Orientierung verloren", und "von den sechziger bis in die achtziger Jahre bestenfalls weggeschaut - jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan", gestand Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor wenigen Wochen.

Colonia Dignidad

Die "Kolonie Würde" wurde im Jahr 1961 von Paul Schäfer gegründet. Gegen den Laienprediger wurde in Deutschland wegen Missbrauch Minderjähriger ermittelt. Offiziell hieß sie bis zu ihrer Umbenennung 1988 "Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad", Wohltätigkeits- und Bildungsgemeinschaft Würde.

Die meisten von Schäfers bis zu 300 Untergebenen waren deutsche Auswanderer, die ihm auf das Gut etwa 350 Kilometer südlich von Santiago gefolgt waren. Sie lebten hinter bewachten Zäunen, die Bewohner angeblich vor ihren Feinden schützen sollte, sie aber ihrer Freiheit beraubten. Psychoterror, sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt und Arbeitszwang waren Normalität. Noch immer leben dort mehr als 100 Menschen.

Menschen wurden dort eingesperrt, mit einer diffusen, auf ihren berüchtigten und pädophilen Anführer Paul Schäfer zugeschnittenen Religion indoktriniert, gefoltert und zu knochenharter Arbeit gezwungen. Gingen deutsche Diplomaten überhaupt gegen die Zustände in der Siedlung vor - und wenn, wie? Das Auswärtige Amt hat nun Akten über das abgeriegelte Landgut freigegeben. Sie reichen bis ins Jahr 1996, die Zeit, als Schäfer aus der Anlage verschwand.

n-tv.de hat die Möglichkeit bekommen, sich im Archiv in Berlin einen Ausschnitt umfangreicher Schriftstücke anzusehen, die bisher unter Verschluss gehalten wurden. Alle Zitate mussten vom Ministerium autorisiert werden. Die Dokumente über die Sekte zeigen, wie ab Mitte der 1980er Jahre vorheriges Wegschauen und Dulden von Menschenrechtsverletzungen in offene Konfrontation umschlug. Eine Schlüsselperson dabei: der deutsche Konsul Dieter Haller. Der Diplomat ist noch immer im Auswärtigen Amt tätig.

Waffen aus Deutschland, Giftgas für Pinochet

Seit 1961 existiert das Landgut, und spätestens seit 1966 soll die deutsche Vertretung in Santiago de Chile über die dortigen Zustände informiert gewesen sein, sagen Menschenrechtler. Doch noch mehr als zehn Jahre später berichtet der deutsche Botschafter Erich Strätling in Chile über die Colonia Dignidad, in der Diplomatenkommunikation meist einfach CD genannt, als eine "vorbildlich gebaute und bewirtschaftete Siedlung". Jahrelang stellt Strätling Kritik als Gerüchte und Diffamierung hin, obwohl sich die haarsträubenden Berichte über die menschenunwürdigen Verhältnisse häufen. Die deutsche Vertretung schickt aus der Kolonie geflohene Kinder unter Verweis auf das Sorgerecht wieder zurück. Auch CSU-Chef Franz Josef Strauß besucht 1977 die Anlage, im Eingangsbereich hängt ein Porträt des konservativen Politikers, die bayerische Landesflagge ist gehisst.

Im gleichen Jahr listet Amnesty International die diktatorische Gemeinschaft als eines der Folterlager der chilenischen Geheimpolizei Dina, die "Gestapo" von Diktator Augusto Pinochet, auf. Eine gerichtliche Verfügung, beantragt durch die Colonia-Vertretung in Deutschland, untersagt diese Bezeichnung durch Medien jedoch. Trotzdem erhält Amnesty im Dezember 1977 den Friedensnobelpreis - die Vertreter südamerikanischer Militärregierungen sind nicht begeistert.

Das Eingangstor der Colonia Dignidad im Jahr 1988.
Das Eingangstor der Colonia Dignidad im Jahr 1988.(Foto: dpa)

Der Druck wächst. Außenminister Hans-Dietrich Genscher erklärt in Deutschland, er werde sich über mögliche Missstände in Chile informieren. Zunächst geschieht jedoch wenig. Amnesty International zufolge gibt es zu dieser Zeit eine ganze Reihe von CDU- und CSU-Mitgliedern, die das "deutsche Mustergut" verteidigen. Auch Strätlings Nachfolger in Chile machen es nicht viel anders - bis Anfang 1985 zwei Ehepaaren aus der abgeriegelten Siedlung die Flucht gelingt. Zu dieser Zeit ist Dieter Haller seit kurzer Zeit Konsul in Santiago, der Botschafter heißt inzwischen Hermann Holzheimer.

Die Geflüchteten sind Hugo Baar, Mitgründer der Colonia Dignidad und seine Frau, sowie das Ehepaar Packmor. Alle berichten von unfassbaren Zuständen: Folter und Morden, Sklaverei, Verabreichung von Psychopharmaka und systematischem Kindesmissbrauch durch Sektenchef Paul Schäfer. Es gibt auch Berichte über Menschenversuche für das chilenische Militär, um in der Anlage hergestelltes Giftgas zu testen. Weil die deutsche Siedlung Vorzüge beim Zoll genießt, kann sie Waffen aus Deutschland für die Machthaber importieren, obwohl gegen Chile seit Pinochets Militärputsch im Jahr 1973 ein Waffenembargo gilt. Der bekannte ehemalige SS-Mann und deutsche Waffenhändler Gerhard Mertins unterhält Beziehungen zur Siedlung.

Nach den Aussagen der geflohenen Ehepaare verfassen Haller und Holzheimer für das Auswärtige Amt einen Dutzende Seiten starken Bericht über die Siedlung und empfehlen Maßnahmen, um den deutschen Staatsbürgern überhaupt ihre Rechte klarmachen zu können - und endlich Einblick zu erhalten, was in der Auswandererkolonie wirklich vor sich geht. Von chilenischer Seite ist kaum Unterstützung zu erwarten, die Sekte habe gute Beziehungen und "hohes Ansehen bei den Spitzen der chilenischen Regierung", meldet die deutsche Vertretung nach Bonn. Noch ist man in Santiago jedoch vorsichtig: Die Menschen seien "wohl berechtigt stolz auf das Geleistete", es sei eben "nicht ganz einfach, ihre Denk- und Lebensweise zu verstehen".

Konfrontation statt Kooperation

Sektenarzt und "Außenminister" Hartmut Hopp lebt in Krefeld. Er streitet jegliche Beteiligung an den Verbrechen ab.
Sektenarzt und "Außenminister" Hartmut Hopp lebt in Krefeld. Er streitet jegliche Beteiligung an den Verbrechen ab.(Foto: REUTERS)

Im Juni 1986 tritt Holzheimer als Botschafter ab, auf ihn folgt Horst Kullak-Ublick. Er und Haller wollen in die Kolonie, doch den deutschen Diplomaten wird der Zutritt zum abgelegenen Gut verwehrt. Spätestens jetzt ist die Aufklärung kaum noch aufzuhalten. Die bislang unter Verschluss gehaltenen Dokumente enthalten die entsprechende Meldung ans Auswärtige Amt: "Die Handlungsweise der CD legt die Vermutung nahe, dass in ihrem Bereich tatsächlich etwas zu verbergen ist. Statt Kooperation sucht sie Konfrontation. Hierauf haben wir uns einzustellen; hierauf haben wir zu reagieren."

Die Reaktion ist die Abschaffung bislang gewährter Sonderregelungen. Rentenbescheide stellt die Botschaft nur noch persönlich über ein Postamt im nahgelegenen Ort Parral zu. Vorher flossen bis zu 50.000 Mark Rentenbezüge monatlich auf ein Gemeinschaftskonto der CD. Die Vertreter in Santiago trauen zudem offenbar ihren eigenen Dienststellen nicht: Dem deutschen Konsulat im wesentlich näheren Concepción wird das Recht entzogen, Mitgliedern der Colonia Dignidad deutsche Pässe auszustellen. Sektenführer Schäfer hatte dort zuvor einen entsprechenden Antrag eingereicht.

Eine konsularische Sprechstunde auf dem CD-Gelände lehnt die Sektenführung ab, angeblich von den Mitgliedern beschlossen. Bewohner sollen deshalb für Lebensbestätigungen und Passangelegenheiten persönlich in der Botschaft in Santiago erscheinen. Zuvor stellte die örtliche chilenische Polizei im Sammelverfahren Lebensbescheinigungen aus, die zu Rentenbezügen berechtigten. Die Beamten pflegen eine gute Beziehung zu den Kolonisten und helfen der Siedlungsführung dabei, "Entlaufene" wieder einzufangen - und unerwünschte Besucher abzuhalten.

Das Psycho-Profil des Sektenführers

Die ehemaligen Verschlusssachen des Auswärtigen Amtes (AA) enthalten auch eine psychologische Einschätzung über den pädophilen Sektenführer Paul Schäfer. Sie wurde von der Kommission des AA erstellt, die Ende 1987 nach Chile gereist war:

  • Pathologisches Persönlichkeitsprofil, vermutlich wegen mehrerer traumatischer Erlebnisse
  • Fanatisches Sendungsbewusstsein, gewalttätiger Realisationszwang, tiefgreifende Lebensängste
  • Mangelnder Realitätssinn durch Wahrnehmungsabwehr und –verleugnung, wodurch er nicht persönliche Motive und Neigungen ausleben konnte.
  • Jungen, mit denen er das Bett teilt, heißen "Sprinter", und "dieses sexuell abartige Gesamtsystem kann nur unter dem Deckmantel einer moralisch scheinbar wertvollen Überideologie wirksam erfolgen", urteilen die Psychologen.
  • Es gebe eine sehr starke sadistische Komponente, eine Mischung aus Predigt und Gewalt, Einschüchterung und Strafe.
  • Widerstand gegen Schäfer wird pathologisch gesehen und muss behandelt werden.

Der nun veröffentlichte und zu Protokoll gegebene Ausblick ist beängstigend: "Obwohl [Schäfers] Angst ihm signalisiert, dass er bereits verspielt hat, nimmt er seine Niederlage nicht an. Seine Wahnhaftigkeit führt ihn an die Schwelle zu einem Krieg, von dem er zwar sagt, er werde ihn führen, um zu siegen oder unterzugehen. Damit ist die Alternative aber bereits auch für ihn klar. Die Frage ist nur, wie viele Menschen er mitnehmen will in einen Untergang und wer das zulässt."

Schäfer verließ erst im Jahr 1997 dauerhaft die Colonia Dignidad, checkte zunächst in einem Hotel im argentinischen Bariloche unter eigenem Namen ein, konnte aber fliehen und untertauchen. Im Jahr 2005 wurde er in Argentinien verhaftet und an Chile ausgeliefert. Er starb 2010 in einem Gefängnis in Santiago.

Für Schäfer und seine Anführer, etwa "Sektenarzt" Hartmut Hopp, sind die deutschen Pässe überaus wichtig. Sollte sich das politische Blatt in Chile wenden, könnten sie so einfach nach Deutschland ausreisen - denn deutsche Behörden dürfen eigene Staatsbürger nicht an andere Länder ausliefern. Für Hopp zahlen sich die gepflegten Kontakte bis in die Gegenwart aus. Inzwischen lebt der 71-Jährige, der für die CD als "Außenminister" agierte, in Krefeld. In Chile wurde Hopp in Abwesenheit wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch zu fünf Jahren Haft verurteilt. Haftvollstreckung in Deutschland ist beantragt. Die Prüfung sei abgeschlossen, momentan werde das Ergebnis "in Wortform gegossen", sagt die Krefelder Staatsanwaltschaft auf Anfrage von n-tv.de. Ein erstes Urteil könnte es bis Ende des Jahres geben.

"Ich kämpfe um alles oder nichts"

Die nun freigegebenen Schriftstücke zeigen, dass es im Jahr 1986 mindestens eine undichte Stelle bei den deutschen Diplomaten gibt. Die Colonia-Dignidad-Führung zitiert in einer Dienstaufsichtsbeschwerde über Haller aus einem Botschaftsbericht an das Auswärtige Amt in Bonn. Die CD will so begründen, dass Haller "tendenziös gegen unsere Gesellschaft gerichtet" sei. Schäfer will den penetranten Konsul loswerden. "Wir können nicht ausschließen, dass sich auch andere Schreiben in Händen der CD befinden", muss die Botschaft zugeben: "Wie CD daran gekommen ist, ist hier zunächst unerklärlich." Es muss einen Maulwurf geben.

Der Umbruch erreicht auch Deutschland. Im Auswärtigen Amt entsteht Interesse daran, neben dem diplomatischen auch den öffentlichen Druck auf die Colonia Dignidad zu erhöhen. Plötzlich werden Journalisten geheime Dokumente zugespielt. Die Doppelstrategie hat Erfolg. Zwei Jahre nach den Berichten der Ehepaare Baar und Packmor findet im November 1987 in der abgeschotteten Anlage endlich eine offene konsularische Sprechstunde statt.

Was die diplomatische Abordnung der Bundesrepublik dort erlebt, verstört sie zutiefst, berichtet der "Spiegel": Die deutschen Kolonisten wirkten perfekt konditioniert. "Diese Ausdruckslosigkeit der Gesichter, diese völlige Depersonalisierung, es war wie im KZ", wird einer der deutschen Offiziellen zitiert. Ein Vorfall, der das Umdenken der deutschen Diplomaten besonders deutlich macht, ist folgende beschriebene Szene: Alles werde demokratisch entschieden, lügt Sektenführer Schäfer dem ebenfalls anwesenden Botschafter Kullak-Ublick ins Gesicht. Der Diplomat reagiert ungehalten: "Hier gibt es nur einen Willen, und das ist Ihrer." Und: "Sie werden was erleben, was Sie noch nie erlebt haben. Ihnen steht das Wasser bis zum Hals." Schäfer antwortet: "Das weiß ich. Ich kämpfe um alles oder nichts."

Kullak-Ublick urteilt, die Kolonie sei "eine Mischung aus Metropolis und Theresienstadt", die ihn "um den Schlaf gebracht" habe. Doch das Problem ist nach Ansicht des Auswärtigen Amtes, dass noch immer niemand die Gesetzes- und Menschenrechtsverletzungen beweisen kann. Also schickt das Ministerium eine unabhängige Untersuchungskommission nach Chile, um sich vor Ort umzusehen.

Wie ein Thriller

Der bislang unter Verschluss gehaltene Bericht liest sich wie ein Thriller: Auch wegen des negativen "Spiegel"-Artikels über den Konsularsprechtag lehnt die CD einen Besuch der deutschen Kommission ab. Der Botschafter kündigt an, nur mit einem Geistlichen und einem chilenischen Polizeigeneral per Flugzeug anzureisen. Die CD-Führung teilt mit, die Landebahn sei überschwemmt. Die Besucher nehmen den Helikopter - und finden eine trockene, aber mit Autos blockierte Landebahn vor. Der Hubschrauberlandeplatz sei "in lebensgefährlicher Weise unbrauchbar gemacht".

Der Abordnung gelingt es trotzdem zu landen, doch der Zugang zu Gebäuden oder auch nur ein Rundgang wird ihnen durch Hopp persönlich verwehrt. Der "Außenminister" macht seinen Einfluss in höchste Kreise der Diktatur deutlich: "Hopp drohte dem General, er werde wegen Hausfriedensbruchs 'abgesetzt'", berichtet Kullak-Ublick nach Bonn. Die drei müssen wieder abfliegen.

Sektenführer Paul Schäfer nach seiner Festnahme im Jahr 2005
Sektenführer Paul Schäfer nach seiner Festnahme im Jahr 2005

Auf Basis bisheriger Zeugenaussagen und Gesprächen in Santiago verfasst die Kommission trotzdem einen Zustandsbericht - auch dieser war bislang geheim. Darin heißt es, gerade die jüngeren Bewohner hätten sich in "Kommunikations- und Verhaltensroboter entwickelt". Es finde eine "systematische Entmenschlichung" statt, die persönliche Identität sei verloren gegangen und gegen eine Kolonie-Identität ausgetauscht. Teil davon sei die Arbeit als Gottesdienst.

Die deutsche Expertengruppe fürchtet einen kollektiven Selbstmord, ausgelöst durch Sektenführer Schäfer, falls er "ohnmächtig zur Wand" stehen sollte. Noch schützen den Sadisten seine "exzellenten Kontakte" zu den chilenischen Militärs sowie "Beziehungen zu Persönlichkeiten nationaler und internationaler Politik", heißt es in dem Papier. "Voraussetzung für Fortschritte ist eine vertrauensvolle und möglichst störungsfreie Atmosphäre der Zusammenarbeit mit der chilenischen Regierung." Doch eben die protegiert ihr Folter- und Waffenlager. In der Pinochet-nahen chilenischen Presse werden die Gerüchte über die etwas seltsamen, aber fleißigen Deutschen als "Legende" abgetan.

Showdown im Bundestag

In Deutschland sieht das anders aus: Im Februar 1988 tagt der Menschenrechtsausschuss des Bundestages dazu, ob tatsächlich deutsche Staatsangehörige gegen ihren Willen in der Colonia Dignidad festgehalten werden. Laut Protokoll kommt es dabei zu einem höchst emotionalen Aufeinandertreffen. Genschers Botschafter Strätling und Holzheimer sind vorgeladen, erscheinen aber nicht. Dafür ist Hopp eigens aus Chile angereist, um die CD im Bundestag zu verteidigen. Ebenfalls anwesend sind aus der Siedlung Geflohene wie Hugo Baar und Wolfgang Kneese, die sich vor Wut zeitweise kaum im Zaum halten können. Als Hopp behauptet, Berichte über tägliche 16-Stunden-Arbeit seien nicht wahr, denn niemand müsse arbeiten, platzt Kneese der Kragen: "Ich bin froh, dass ich kein Glas in der Hand habe, dass ich Hopp an den Kopf schmeißen kann!" Mehrmals muss er ermahnt werden, weil er Hopps ausschweifende Ausführungen ("Alle haben sich freiwillig für eine Mitgliedschaft entschieden") unterbricht.

Zugleich lässt Schäfer, der offiziell keine Funktion in der CD erfüllt, die deutsche Botschaft mit Dienstaufsichtsbeschwerden überziehen. Das Auswärtige Amt lehnt alle ab. Als in Santiago de Chile auf ein von der CD verwaltetes Wohnhaus ein Bombenanschlag verübt wird, klagt deren Führung, Konsul Haller sei wegen negativer Stimmungsmache gegen die Siedler mitverantwortlich. Der Ton wird schärfer. "Ihre unhaltbare Behauptung, Herr Haller habe sich mit schuldig an einer Kampagne gemacht, die in einem Bombenanschlag gipfelte, ist wohl nur ihr Fazit", schreibt das Auswärtige Amt an die Sekte. Noch im selben Jahr kehrt Haller nach Deutschland zurück.

Wie wichtig die Colonia Dignidad für das Militärregime ist, wird im März 1989 nochmals deutlich: Die chilenische Justiz stellt ihre Untersuchungen anlässlich der Aussagen der geflohenen Ehepaare Baar und Packmor ein.

Den deutschen Diplomaten wird außerdem zugespielt, dass ihre Telefonleitungen vom chilenischen Geheimdienst abgehört würden. Ein computergesteuertes System überwache sämtliche Telefonate und reagiere auf Schlüsselworte, berichten sie in einer jetzt freigegebenen Depesche. Sage etwa jemand "Colonia Dignidad", beginne eine Aufzeichnung. Die Diplomaten wollen nun nur noch mit Codeworten kommunizieren und fordern einen "Zerhacker" an, ein Gerät, das Gespräche unverständlich machen soll.

Ein Jahr später wird Pinochet in Chile als Präsident abgesetzt, eine Links-Mitte-Koalition übernimmt die Macht. Offiziell ist die Militärdiktatur damit beendet. Als die deutschen Diplomaten mit Innenminister Enrique Krauss darüber beraten wollen, wie nun gegen die Colonia Dignidad juristisch vorgegangen werden könne, werden sie ausgebremst. Es gebe zwar den "überwältigenden Anschein gravierender Vergehen", sagt der Minister - aber keine gerichtsfesten Beweise. Statt einer umfassenden Strafverfolgung wird der Kolonie ihre Gemeinnützigkeit entzogen. Formal ist sie nun aufgelöst, aber die Siedlung gibt es noch immer. Sie heißt jetzt "Villa Baviera" - bayerisches Dorf.

Welche Versäumnisse gab es auf Seiten deutscher Diplomaten, wieso dauerte es so lange, bis das Schweigen aufhörte? Zur detaillierten Aufklärung könnten vor allem die beitragen, die Entscheidungen trafen oder an ihnen beteiligt waren. Doch Ex-Botschafter Erich Strätling und Hermann Holzheimer sind tot, Horst Kullack-Ublick starb wie ihr Chef Hans-Dietrich Genscher im März. Unmittelbar danach öffnete Außenminister Steinmeier die Akten.

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Quelle: n-tv.de

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