Politik
Gemeinsamer Auftritt in Hannover: Katja Kipping (l.) und Katharina Schwabedissen kandidieren "als Team".
Gemeinsamer Auftritt in Hannover: Katja Kipping (l.) und Katharina Schwabedissen kandidieren "als Team".(Foto: dpa)

Kipping und Schwabedissen: Die letzte Chance der Linken

von Hubertus Volmer

Nach dem Abgang von Übervater Lafontaine wollen zwei Frauen den Vorsitz der Linkspartei übernehmen. Geografisch und politisch kommen Katharina Schwabedissen und Katja Kipping aus unterschiedlichen Richtungen. Dennoch treten sie "als Team" an. Für die von Alpha-Männchen dominierte Linkspartei wäre diese Lösung ein radikaler Neustart.

Ausgerechnet Hannover. Katja Kipping und Katharina Schwabedissen haben zu einer Pressekonferenz in die niedersächsische Landeshauptstadt eingeladen. Sie wollen verkünden, was längst durchgesickert ist: Dass sie ihre Hüte in den Ring werfen für die Wahl der neuen Vorsitzenden der Linkspartei. Die Einladungen hatten sie am Vortag verschickt: Keine halbe Stunde nach Bekanntwerden des Rückzugs von Ex-Parteichef Oskar Lafontaine hatten die Journalisten die Mail im Postfach. Perfektes Timing.

Die beiden Frauen wollen eine Partei übernehmen, die am Boden liegt. Inhaltliche Impulse gibt es von den Linken keine mehr, als wahrnehmbare Stimme in der politischen Debatte findet die Partei nicht statt. Schwabedissen und Kipping wollen das ändern.

Kipping träumt "von einer Arbeitswelt, in der für alle die 20-Stunden-Woche Praxis ist".
Kipping träumt "von einer Arbeitswelt, in der für alle die 20-Stunden-Woche Praxis ist".(Foto: dpa)

Sollten die beiden auf dem Parteitag am 2. und 3. Juni in Göttingen tatsächlich gewählt werden, es wäre ein kultureller Bruch, der kaum zu überschätzen ist. Denn Lafontaine und Fraktionschef Gregor Gysi sind nicht nur die Gründer-, sondern auch die ewigen Überväter der Partei. Wie einst Gysi plante jetzt Lafontaine die Rettung der Linken kraft seines Charismas. Der Plan scheiterte, nicht an Kipping und Schwabedissen, sondern an den ostdeutschen Reformen um Fraktionsvize Dietmar Bartsch, die nicht mehr hinnehmen wollten, was das Lafontaine-Lager ihnen diktierte.

Dresden trifft Witten

Kipping und Schwabedissen haben sich aus dem Streit der älteren Herren weitgehend herausgehalten. Die Strömung, zu der Kipping gehört, heißt "emanzipatorische Linke", ein eher kleiner Zirkel, der sich als flügelübergreifende Alternative zu den ost- oder westdeutsch geprägten Formationen wie dem "Forum demokratischer Sozialismus" (Ost und Anti-Lafontaine) und der "Sozialistischen Linken" (West und Pro-Lafontaine) versteht. Kipping, die sich in- und außerhalb der Linkspartei für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens engagiert, trat 1998 im Alter von 20 Jahren in die PDS ein und legte eine Bilderbuchkarriere hin: Sie wurde Stadträtin in Dresden, Landtagsabgeordnete, 2002 stellvertretende Parteivorsitzende, 2005 Bundestagsabgeordnete.

Die fünf Jahre ältere Schwabedissen hat einen völlig anderen Hintergrund. Sie wohnt im nordrhein-westfälischen Witten, trat 2005 in die WASG ein und gehörte im März 2006 zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs "Für eine antikapitalistische Linke", auf deren Unterschriftenliste ganz oben der Name Sahra Wagenknecht prangt. Von 2005 bis 2008 arbeitete Schwabedissen für die nordrhein-westfälische Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke, die vor zwei Jahren mit einem "Grußwort an die Aufklärer" des DDR-Geheimdienstes für Aufsehen sorgte. Dieser eher klassisch linke Hintergrund charakterisiert Schwabedissen jedoch nur unzureichend. Schwabedissen ist keine ideologische Linke, sie wäre auch für Ost-Realos akzeptabel. "Nichts gegen Oskar, er ist eine wichtige Person", sagte sie n-tv.de im NRW-Wahlkampf, in dem ihre Partei am Ende krachend unterging, was angesichts der massiven Querelen auf Bundesebene nicht Schwabedissen angelastet wurde. "Aber wir wollen vieles anders machen und haben ein anderes Bild von Parteistruktur."

Die Piraten lassen grüßen

Schwabedissen kommt aus der antikapitalistischen Linken um Sahra Wagenknecht. Als ideologische Hardlinerin gilt sie allerdings nicht.
Schwabedissen kommt aus der antikapitalistischen Linken um Sahra Wagenknecht. Als ideologische Hardlinerin gilt sie allerdings nicht.(Foto: dpa)

Das Wort "Parteistruktur" lässt aufhorchen. Es klingt nach den Piraten. Marina Weisband, die frühere politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, ist gerade erst von einem Besuch in der Ukraine zurückgekehrt und will kein Urteil über Schwabedissen und Kipping abgeben. "Ich kenne die beiden Frauen nicht und ich kenne die Hintergründe nicht", sagt sie n-tv.de. Grundsätzlich freut sie sich jedoch, wenn andere Parteien das Vorbild der Piraten nachahmen. "Gerade bei jüngeren Politikern sieht man in letzter Zeit, dass sie aktiver werden und versuchen, die Strukturen ihrer Parteien zu modernisieren. Ich glaube schon, dass die Piratenpartei das mit angestoßen hat."

Schwabedissen und Kipping schreiben in einem Aufruf, den sie gemeinsam mit vier weiteren Linken-Politikern veröffentlichten, dass sie sich "einer neuen, nicht-autoritären Linken verpflichtet" fühlen. "Es geht heute darum, für die sozialistische Idee, die Idee einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu kämpfen." Der Satz klingt sehr nach Kipping: Im direkten Gespräch argumentiert sie nicht selten und immer unverkrampft mit Marx. Sie hat ihn nicht nur gelesen, sie will ihn auch in die Moderne holen.

Modernisierung ist das Ziel von Kipping und Schwabedissen. Beide können reden und zuhören, beide haben erkennbar Spaß an der Debatte. Berührungsängste haben sie nicht. Kipping etwa ist Mitbegründerin des Instituts Solidarische Moderne, in dem linke, grüne und sozialdemokratische Politiker miteinander ins Gespräch kommen wollen.

"Ich träume von einer 20-Stunden-Woche"

Auch im Stil versuchen sie, einen neuen Weg zu gehen. Sie wollten "als Team antreten", sagt Kipping am Rande der Pressekonferenz in Hannover. Es solle "einen Aufbruch in eine neue Richtung geben", die politische Führung solle sich "auf eine kollektive Willensbildung einlassen".

Neue Töne in einer Partei, die bislang von Alpha-Männchen geprägt war. Dass diese Frauen es anders machen würden, war schon im Vorfeld klar. "Keine Zeit zu haben gehört für viele zum Berufsethos", hatte Kipping kurz vor der Geburt ihrer Tochter in einem Interview mit dem "Stern" an ihren Politiker-Kollegen kritisiert. Diese "zur Schau getragene Überarbeitung" sei weder kinderfreundlich noch gesund. "Und die Qualität von Politik verbessert es schon gar nicht." Sie selbst wolle ihre Arbeitszeit radikal reduzieren. "Insgeheim träume ich von einer Arbeitswelt, in der für alle die 20-Stunden-Woche Praxis ist." Die Geburt ihrer Tochter im vergangenen November war der Grund, der sie zunächst zögern ließ, ihre Kandidatur anzumelden.

Auch Schwabedissen macht deutlich, dass es mehr im Leben gibt als Politik. Einen Tag, bevor sie und Kipping ihren Plan öffentlich machten, sagte Schwabedissen der "Mitteldeutschen Zeitung", sie wolle sich vor ihrer Kandidatur mit ihrem Landesvorstand und ihren zwei Söhnen besprechen. Ein paar Tage zuvor hatte sie die Männer in ihrer Partei bereits davor gewarnt, die Debatte um eine Frauenspitze als reine "Spielerei" zu sehen. "Wir meinen es ernst", sagte sie der "taz".

Unterstützung von Ernst und Ramelow

Ob der Plan aufgeht, dürfte über die Zukunft der Linkspartei entscheiden. Bartsch und die sächsische Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann halten ihre Kandidatur bislang aufrecht. Sollte dies so bleiben, kommt es auf dem Göttinger Parteitag zu Kampfabstimmungen.

Sowohl aus dem Lafontaine-Lager als auch aus ostdeutschen Landesverbänden gibt es bereits Unterstützung für Kipping und Schwabedissen. Thüringens Parteichef Knut Korschewsky sagt, Kipping und Schwabedissen hätten ein "Angebot in die Zukunft" gemacht. Mit ihnen bestehe die Möglichkeit, wieder gemeinsam über alle Grenzen von Strömungen und Bundesländern hinweg am Projekt einer starken Linken zu arbeiten. Der thüringische Fraktionschef Bodo Ramelow schlägt in der "Berliner Zeitung" Bartsch als Bundesgeschäftsführer unter Kipping und Schwabedissen vor. Noch-Parteichef Klaus Ernst sagte bereits am Dienstagabend: "Zwei Männer haben wir ja schon gehabt." Fraktionsvize Ulrich Maurer, ebenfalls ein Lafontaine-Vertrauter, ergänzt in der ARD: "Ich glaube, es ist an der Zeit, wenn die Linke überhaupt noch eine Chance haben will, dass sie jünger wird, dass sie weiblich wird und dass die Böcke sich vom Acker machen."

Der Mann dürfte Recht haben: Die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Linkspartei oder ihres langsamen Dahinscheidens in die Bedeutungslosigkeit war nie so real wie jetzt. Für die Linke ist die Kandidatur von Schwabedissen und Kipping eine Chance. Vermutlich die letzte.

Quelle: n-tv.de

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