Politik
Erkundung: Der Salzstock von Gorleben ist bislang die einzige Möglichkeit für ein Endlager mit hoch radioaktiven Müll.
Erkundung: Der Salzstock von Gorleben ist bislang die einzige Möglichkeit für ein Endlager mit hoch radioaktiven Müll.(Foto: dpa)

Atommüll – nein danke!: Die scheinheilige Endlager-Suche

Till Schwarze

Der Atommüll in Deutschland nimmt im Jahr um über 400 Tonnen zu, aber ein Endlager ist nicht in Sicht. für Schwarz-Gelb kommt allein der Salzstock in Gorleben für den strahlenden Abfall in Frage. Doch die Bedenken sind groß.

Deutschland ist nicht allein mit seinem Problem. Weltweit gibt es derzeit noch kein einziges Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. "Die Endlagerung ist die Achillesferse der Kernenergie", sagt auch der ehemalige Chef des deutschen Atomforums, Walter Hohlefelder.

Wohin mit dem ganzen Müll, der über unvorstellbare hunderttausend Jahre nichts von seiner strahlenden Gefährlichkeit verlieren wird? In Deutschland wird derzeit einzig und allein der Salzstock in Gorleben auf seine Eignung als Endlager überprüft. Die schwarz-gelbe Bundesregierung will das zwar ergebnisoffen tun, Alternativen lässt sie aber nicht zu. Rund um Gorleben wächst deshalb die Angst, bereits als nukleare Abfallhalde abgestempelt zu sein. Und mit jedem neuen Castor-Transport in die Region verfestigt sich dieser Eindruck.

Warum ist es so schwer, ein Endlager zu finden?

Das liegt in der Natur der Sache: Hoch radioaktiver Abfall stellt eine Bedrohung für Mensch und Umwelt dar. Und zwar für zehntausende von Jahren. Deshalb sind die Anforderungen an einen Standort für die Lagerung solchen Mülls enorm; deshalb möchte aber auch niemand eine nukleare Müllhalde vor seiner Haustür haben.

Einfach versenkt: Asse gilt als Lehrstück, wie man nicht mit Atommüll umgehen sollte.
Einfach versenkt: Asse gilt als Lehrstück, wie man nicht mit Atommüll umgehen sollte.(Foto: picture alliance / dpa)

Trotzdem gibt es in Deutschland bereits ein Endlager für Atommüll, allerdings nur für schwach- und mittelradioaktiven Abfall. Dieser fällt in der Forschung, der Industrie und der Medizin in geringen Mengen an. Der Schacht Konrad, ein ehemaliges Eisenerzbergwerk in Salzgitter, wurde 2002 dafür als Standort ausgewählt. Dagegen muss ein anderes Endlager für radioaktiven Müll, die Asse, nun wieder unter großem Aufwand und mit enormen Kosten geräumt werden, weil es sich als höchst unsicher erwiesen hat.

Welche Kriterien muss ein mögliches Endlager erfüllen?

Ein Endlager soll hoch radioaktiven Atommüll für eine Million Jahre sicher aufbewahren können. Zum Vergleich: Den Menschen als Homo Sapiens gibt es erst seit 100.000 bis 200.000 Jahren. An diesem Anspruch lässt sich bereits die Unmöglichkeit einer Standortsuche ablesen. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums übernimmt in Deutschland das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Kontrolle der Endlagersuche. "Konkrete Standortauswahl- und Erkundungskriterien werden nicht festgelegt", betont dabei das Umweltministerium. Klar ist aber, dass eine Lagerung des Atommülls so erfolgen muss, dass keine Radioaktivität nach außen dringen und Menschen oder die Umwelt gefährden kann.

Der Abfall soll möglichst luft- und wasserdicht verschlossen sein. Das ist nach derzeitigem Stand der Wissenschaft am ehesten in großer Tiefe und in drei geologischen Formationen möglich: Steinsalz, Ton und Granit. Salz hat den Vorteil, den Abfall gut zu umschließen und am besten die Hitze auszuhalten, die vom Atommüll ausstrahlt. Bis zu 200 Grad wird es an der Außenhülle von Atombehältern heiß. Allerdings löst sich Salz auf, wenn es mit Wasser in Kontakt kommt. Damit stellt das Eindringen von Wasser die größte Gefahr für Atommüll in Salzstöcken dar. Im Unterschied dazu ist Ton zwar wasserdicht, leitet dafür aber Wärme nicht so gut weiter. Zudem soll Ton in tieferen Erdschichten nicht mehr so stabil sein, sodass Risse entstehen können. Granit dagegen ist zwar sehr stabil, in den Gesteinsformationen finden sich aber oft natürliche Risse und Fugen, die mit zusätzlichem Aufwand abgedichtet werden müssten. Experten empfehlen deshalb, sich auf Ton und Salz zu konzentrieren. Dass ein mögliches Endlager zudem in einer erdbebenarmen und vulkanfreien Region stehen sollte, versteht sich wohl von selbst.

Was spricht gegen ein Endlager in Gorleben?

Die Erfahrung mit einem anderen Endlager, der Asse. Das ehemalige Salzbergwerk in Niedersachsen sollte schwach- und mittelradioaktiven Müll beherbergen. Bis 1978 wurden mehr als 125.000 Fässer in das Bergwerk gekippt. Doch dann stellte sich heraus, dass die Salzschichten nicht dicht sind und Hohlräume entstanden sind, durch die täglich rund 12.000 Liter Salzlauge ins Bergwerk dringen. Das Wasser hat bereits Kontakt zu den radioaktiven Abfällen. Deshalb muss der Müll nun für mehrere Milliarden Euro aus der Asse geborgen werden. Die Kosten tragen Bund und Land – also die Steuerzahler.

Ursprünglich sollten in Gorleben Endlagererkundung, Zwischenlager und Wiederaufbereitunsanlage stehen. Der von Anfang an massive Protest hat letztere verhindert.
Ursprünglich sollten in Gorleben Endlagererkundung, Zwischenlager und Wiederaufbereitunsanlage stehen. Der von Anfang an massive Protest hat letztere verhindert.(Foto: dpa)

Ähnliche Gefahren befürchten Umweltschützer und wissenschaftliche Experten im Fall von Gorleben. Der Salzstock könnte nicht dicht halten, Wasser eindringen und das Mineral auflösen. Es gibt kein stabiles Deckengebirge über dem Salzstock, das ein Eindringen von Wasser verhindern könnte. Eine solche Kettenreaktion wäre verheerend: Haarrisse oder Lücken im Gestein lassen Wasser einsickern, dies führt zu einer Korrosion an den Atommüllbehältern – radioaktive Strahlung würde freigesetzt. Eine aufwendige und teure Rückholaktion des Mülls wäre nötig. Zudem bereiten Gasvorkommen in Gorleben große Sorgen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat im großen Stil Akten über die Endlagersuche in Gorleben öffentlich gemacht und hat darin die Hinweise auf große Gasvorkommen entdeckt. Das Gas sei bereits bei etwa 20 Grad brennbar, was bei den hohen Temperaturen an den Hüllen der Atombehälter eine große Explosionsgefahr bedeuten würde.

Wieso wurde Gorleben dann überhaupt ausgewählt?

Das ist einer der umstrittensten Punkte überhaupt. Die von Greenpeace veröffentlichten Akten belegen, dass bei der Auswahl wissenschaftliche Kriterien dem politischen Willen untergeordnet wurden. Als in den 70er Jahren die Suche nach einem Endlager begann, war anfangs von Gorleben keine Rede. Erst auf ausdrücklichen Wunsch der niedersächsischen Landesregierung wurde 1977 Gorleben als Standort in Erwägung gezogen und eine Erkundung des Salzstocks durchgesetzt.

Ministerpräsidenten Ernst Albrecht wird in einer Notiz mit den Worten zitiert, das Endlager werde "entweder bei Gorleben oder überhaupt nicht in Niedersachsen gebaut". Risiken wie Gasvorkommen und die Gefahr von Wassereinbrüchen sollen bewusst verschwiegen worden sein. Der Verdacht liegt nahe, dass weniger wissenschaftliche Kriterien als die Lage des Salzstocks entscheiden für die Auswahl waren: Gorleben lag damals im Zonenrandgebiet an der Grenze zur DDR, in der dünn besiedelten und strukturschwachen Region Wendland. Allerdings gibt es auch Argumente, die für Gorleben sprechen. Die Salzformationen sind bereits über 250 Millionen Jahre alt, haben also die Eiszeit überstanden. Zudem würde der Abfall in 860 Metern Tiefe lagern, ohne Grundwasser zu gefährden. Diese Argumente würden bei einem Wassereinbruch aber hinfällig.

Gibt es alternative Standorte?

So sieht es derzeit aus: Behälter mit Atommüll in der Lagerhalle in Gorleben. Rund 40 Jahre garantiert ein Castor die Sicherheit seiner Fracht.
So sieht es derzeit aus: Behälter mit Atommüll in der Lagerhalle in Gorleben. Rund 40 Jahre garantiert ein Castor die Sicherheit seiner Fracht.(Foto: dpa)

Salz- und Tonformationen kommen in geeigneter Tiefe und Größe vor allem in Norddeutschland vor, insbesondere in Niedersachsen. Aber auch in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gibt es entsprechende Vorkommen. Baden-Württemberg und Bayern weisen ebenfalls Ton- und Granitgestein auf, etwa auf der Schwäbischen Alb oder im Donautal. Eine Untersuchung etwa mit Probebohrung könnte Klarheit über diese Vorkommen bringen. Bislang blieben sie aber aus.

Was passiert derzeit mit dem Atommüll?

Er wird überirdisch aufbewahrt, in zwei zentralen Zwischenlagern und an den Standorten von 13 Atomkraftwerken. Dabei handelt es sich um ausgebrannte Brennstäbe aus den Atomreaktoren sowie Rückstände aus der Wiederaufbereitung, also radioaktive Reste, die sich nicht recyceln lassen. Sie kommen mit den sogenannten Castor-Transporten aus den Wiederaufbereitungsanlagen La Hague und Sellafield.

Seit 2005 ist die Wiederaufbereitung ausgedienter Brennstäbe zwar verboten. Doch es befindet sich bereits so viel deutscher Atommüll im Ausland, dass noch bis 2017 mit Castor-Transporten zu rechnen ist. Die Castor-Behälter sollen für mindestens 40 Jahre die Sicherheit ihrer strahlenden Fracht garantieren. Sie sind Eisenzylinder mit einer 30 bis 40 Zentimeter dicken Wand, bis zu 140 Tonnen schwer und halten extreme Temperaturen, Stürze und Unfälle aus. In Gorleben und Ahaus stehen sie in überdachten Hallen aus Stahlbeton. Ahaus hat 370 Stellplätze für bis 3960 Tonnen Atommüll, Gorleben 420 für bis zu 3800 Tonnen.

Wie viel radioaktiven Abfall gibt es denn?

In Deutschland allein tausende Tonnen hochradioaktiven Mülls. Für Ende 2008 bezifferte das Bundesamt für Strahlenschutz diese Menge auf knapp 2000 Kubikmeter. Weniger stark strahlenden Müll gibt das BfS mit etwa 122.000 Kubikmetern an. Um eine Vorstellung vom wachsenden Müllberg zu bekommen: Die deutschen Kernkraftwerke produzieren 450 Tonnen Müll im Jahr. Durch die nun beschlossene Laufzeitverlängerung um im Schnitt zwölf Jahre könnte die Abfallmenge um rund 4400 Tonnen wachsen, schätzen Experten.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen