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Da geht's hin: Für viele ist Lindner wegweisende Figur für die Zukunft der Liberalen.
Da geht's hin: Für viele ist Lindner wegweisende Figur für die Zukunft der Liberalen.(Foto: picture alliance / dpa)

Wie der Jungstar in NRW die Liberalen rettet: Die total verrückte Lindner-Show

von Christian Rothenberg

Mit einer "One Man Show"-Kampagne zieht Christian Lindner durch den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Die Strategie geht auf. In der Wählergunst gewinnt die FDP, die Talsohle scheint durchschritten. Die Liberalen könnten als großer Gewinner aus den Landtagswahlen hervorgehen. Die Probleme der Partei löst das aber nicht.

Großes Konterfei mit Slogan: Der Wahlkampf der NRW-FDP ist stark auf den Kandidaten zugeschnitten.
Großes Konterfei mit Slogan: Der Wahlkampf der NRW-FDP ist stark auf den Kandidaten zugeschnitten.(Foto: picture alliance / dpa)

"Willst du Popcorn?", fragt Daniel Bahr seinen Kollegen Christian Lindner. Die beiden FDP-Politiker sitzen in Saal 2 im Cinemaxx in Essen. Erste Reihe, in der Mitte. Wenn hier gleich eine normale Vorführung starten würde, hätten sie die schlechtesten Plätze. Die anderen Parteien trifft man in diesen Tagen zumeist auf den Marktplätzen in Nordrhein-Westfalen. Aber die FDP ist anders als die anderen. Sie lädt ins Kino - zur großen Lindner-Show.

Allmählich füllt sich der Saal. Ein Saxofonist sorgt für jazzige Töne. Klingt so die neue FDP – entspannt und elegant? Der Moderator begrüßt das Publikum. Das Licht geht aus, ein Imagefilm zeigt Bilder von einer FDP, wie man sie sich in den letzten Wochen nicht vorgestellt hat. Lachende, nette, zufriedene Liberale, Aufbruchstimmung – aber keine Spur von der großen Krise. Die Partei rennt vergnügt und erhobenen Hauptes in den Abgrund. Akustisch begleitet wird das liberale Lebensgefühl von dem Stück "Don't stop thinking about tomorrow". Blick zu Lindner, der jetzt in Merkel-Pose die Fingerkuppen sanft aneinander presst und zur Raute formt. Die Raute der Macht.

Seit einem Jahr taumelt diese FDP immer tiefer in die Krise. Auf bis unter 3 Prozent haben Meinungsforscher die Bundes-Partei zwischenzeitlich taxiert. Seit Beginn der schwarz-gelben Regierung im Herbst 2009 geht es bergab. Erst stürzte Guido Westerwelle, dann sein Nachfolger Rösler. Nur dass der immer noch im Amt ist. Es prasselt herbe Schlappen. Bei sechs Landtagswahlen verlor die Partei im Jahr 2011, alle Verluste zusammengerechnet über 35 Prozentpunkte. In sechs Ländern flog sie zuletzt aus den Parlamenten. Immer mehr Menschen stellen die Frage: Braucht Deutschland noch die FDP?

Lindner ist die letzte Hoffnung der FDP. Seine politische Karriere ist beeindruckend. Mit 16 trat er in die Partei ein, mit 19 saß er im NRW-Landesvorstand. Er ist erst 21, als er der jüngste Abgeordnete in der Geschichte des Landtags in Nordrhein-Westfalen wird. Mit 25 wählt die Partei ihn zum Generalsekretär der NRW-FDP, mit 28 kommt er in den Bundesvorstand, im Alter von 30 ist er Bundes-Generalsekretär. Warum er jetzt der richtige Retter ist? "Er hat Sieger-Aura, ist ein begnadetes rhetorisches Talent und liebt den Auftritt. Er hat eine Attraktivität, die auf Interesse stößt und neugierig macht", sagt Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte im Gespräch mit n-tv.de.

Die Erben der Generation Westerwelle

Mit 21 Jahren ist Lindner im Jahr 2000 der jüngste Landtagsabgeordnete in der Geschichte von NRW.
Mit 21 Jahren ist Lindner im Jahr 2000 der jüngste Landtagsabgeordnete in der Geschichte von NRW.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es ist nicht Lindner, der als erster auf der Bühne steht. Es ist Bahr. "Was für ein wunderschöner Tag", sagt er. Der Bundesgesundheitsminister strahlt. Mit 8,2 Prozent ist der Partei bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein ein Befreiungsschlag gelungen. Bahr rührt ordentlich die Werbetrommel. Bundespräsident Gauck, Neuwahlen in NRW, Lösung der Schlecker-Krise, Schuldenbremse im Grundgesetz – "Ohne uns hätte es das nicht gegeben", sagt er, während eine Frau das volle Glas auf dem Podium wegnimmt und ein neues hinstellt. Das neue Selbstbewusstsein der Liberalen: Bahr wirbt – das ist bemerkenswert - mit den vermeintlichen "Erfolgen" der Rösler-FDP.

Lindner war schon einmal Hoffnungsträger. Als Generalsekretär soll er nach der Bundestagswahl 2009 die Zukunftsvision der Partei entwickeln und ein neues Grundsatzprogramm verfassen. Auch andere junge Liberale treiben in dieser Zeit nach oben. Rösler, Bahr und Lindner – die neue Spitze, die Erben der Generation Westerwelle, die Boygroup. Doch die Aufbruchsstimmung verfliegt schnell. Im Dezember 2011 tritt Lindner plötzlich zurück. Er wolle "eine neue Dynamik ermöglichen". Was damals hinter den Kulissen passiert ist, ist bis heute nicht bekannt.

Bahr ist gerade fertig mit seiner Rede. Der Moderator spricht jetzt mit einigen Kommunalpolitikern, ältere Herren in Tweed-Jacketts, die alte FDP. Bahr und Lindner tuscheln, schauen einer blonden Fotografin hinterher, tippen auf ihren Handys herum. Lindner streckt den Männern auf der Bühne den Daumen entgegen. Das soll eine Krisen-Partei sein? Ach was. Es kommt ein weiterer Film, der Wahlwerbespot. Lindner, der smarte, charismatische Kandidat, der Kümmerer mit dem "Die Lage ist ernst, aber mir können Sie vertrauen"-Blick.  Dann hat die Spannung ein Ende, der Moderator ruft den Namen des Spitzenkandidaten, der Blonde aus der ersten Reihe erhebt sich.

Die letzten Umfragen

Laut den letzten Umfragen können die Parteien in Nordrhein-Westfalen mit folgenden Ergebnissen rechnen:

  • SPD: 37-38,5 Prozent
  • CDU: 30-31 Prozent
  • Grüne: 11 Prozent
  • Piraten: 7,5-9 Prozent
  • FDP: 5-6 Prozent
  • Die Linke: 3-4 Prozent

Quelle: Infratest Dimap, 3. Mai 2012; Forschungsgruppe Wahlen, 4. Mai 2012; YouGov, 9. Mai 2012

Parteiübergreifend gilt Lindner als anerkannter Fachmann. Viele nennen ihn einen Intellektuellen. "Das ist ein guter Jung, der klügste, den die haben", hat der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach mal gesagt. Der Altliberale Hans-Dietrich Genscher nannte ihn den "Mann der Zukunft", er stehe für eine neue, moderne, weltoffene FDP. Lindner profitiert von diesen Lorbeeren, sie stützen die Glaubwürdigkeit der Plakate mit seinem Konterfei und Slogans wie "Solide Finanzen statt teurer Versprechen", die derzeit in den NRW-Städten. Doch es gibt einen Punkt in Lindners Biografie, über den der Politiker ungern spricht: seine Zeit als Unternehmer. In der Hochphase der New Economy, Lindner ist Anfang 20, gründet er "Moomax". Lindner wird Geschäftsführer der Internet-Firma, die von der KfW einen 1,4-Millionen-Euro-Kredit erhält. Nach einem Jahr verlässt er das Unternehmen. Monate später meldet "Moomax" Insolvenz an. Die öffentlichen Fördergelder sind futsch.

"Er macht wieder klar, worum es geht"

Lindner möchte jeden Zuschauer im Kinosaal sehen. "Ist es möglich, Licht ins Dunkel zu bringen?", ist sein erster Satz ins Mikrofon. Das Licht geht an. "Sehen Sie, wenn die FDP etwas zusagt, ist darauf Verlass", sagt er genüsslich. Doch nach Witzen ist ihm nicht zumute. Lindner ist besorgt - um NRW, Deutschland, Europa. Überall Schulden, die den Ländern die Füße unter den Beinen wegziehen. Überall Regierungen, die dem Staat neue Aufgaben aufbürden und die Steuern erhöhen. "Der Staat kann nicht genug Geld haben, als dass Sozialdemokraten und Grüne damit auskommen können." Lindner braucht keinen Anlauf. Er ist Vollprofi – mit Charme. Der höfliche und schüchterne Mann ist weg. Der Lindner mit Mikro ist ein anderer. Einer, der scheinbar mit der geballten Erfahrung von Jahrzehnten redet. Dem keiner widersprechen mag, obwohl er erst 33 Jahre alt ist. Eindringlich, betont, ernst – jeder Satz sitzt. Die große liberale Erzählung – es scheint, als sei sie nie weg gewesen.

Kubicki und Lindner betonen einen eigenständigen Kurs gegenüber der Bundes-FDP. Wie lange geht das noch gut?
Kubicki und Lindner betonen einen eigenständigen Kurs gegenüber der Bundes-FDP. Wie lange geht das noch gut?(Foto: picture alliance / dpa)

Der Anfang des "Lindnerismus", wie Korte ihn nennt, ist eine Blitzkür. Mit überragenden 99,8 Prozent wählt die Partei Lindner im März zum Spitzenkandidaten. Die Wahl ist nicht selbstverständlich. Lindners Rücktritt liegt nur drei Monate zurück. Die Deutungen darüber gehen weit auseinander. Für die einen hielt Lindner den Kopf für Rösler hin, für andere wollte er in stürzen. Doch es gibt kaum kritische Töne über seine Rückkehr. "Lindner hat im richtigen Moment in Berlin aufgehört", erklärt Korte. "Er hat deutlich gemacht, dass er einen Kurs nicht unterstützt. Jetzt kreiert er seinen eigenen Weg, das ist authentisch." Seit Lindner da ist, ist die NRW-FDP in Umfragen auf bis zu sechs Prozent gestiegen. "Er macht wieder klar, worum es der Partei geht. Die Marke war ja völlig verwischt", sagt Korte. Inhalt, Kopf, Authentizität: Der Lindner-Effekt, sein Slogan "Das ist meine FDP" greift.

Aber wofür steht dieser Lindner? Er will weniger Staat, bürokratische Entschlackung, den Haushalt sanieren. "Wir brauchen keine Politiker, die wie Kindergärtner auf uns wirken. Der Staat soll nicht Gouvernante, sondern Partner sein und jeden in Ruhe leben lassen", sagt er über rot-grüne Pläne zur Beschränkung der Ladenöffnungszeiten, Rauchverbot und Tempolimit. Investieren will er in Bildung und Infrastruktur. Lindner fesselt, erklärt Zusammenhänge und verheddert sich nicht im Ungefähren. In einer anderen Partei könnte er auch Ministerpräsident werden. Lindner will das nicht hören. "Es geht nicht um mich", sagt er in Interviews häufig. Den Fokus auf Personen zu legen sei unpolitisch und lenke vom Wesentlichen, von den Inhalten, ab. Dass der Wahlkampf extrem auf ihn zugeschnitten sei, bestreitet er. Dass sein Erfolg ihn automatisch zu einem besseren Parteivorsitzende und zum Nachfolger Rösler machen müsse, auf diese Debatte will er sich nicht einlassen.

Der unmögliche Politikwechsel

Doch wohin man derzeit auch schaut, ob nach Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein: Mit markanten Persönlichkeiten wie Lindner und Wolfgang Kubicki, die sich deutlich abgrenzen von der Rösler-FDP und den Bundes-Kurs kritisieren, gelingt der Partei derzeit der Wendepunkt. Mit den richtigen Köpfen scheint es plötzlich wieder zu laufen.

Doch die Partei hat zwei Probleme. Nummer eins: die fehlende Koalitionsperspektive. Lindner vermied im Wahlkampf eine klare Festlegung. Auch wenn der FDP der Sprung in den Landtag gelingt, hat sie definitiv keine Mehrheit mit der CDU. Alternativen hat er aber höchstens eine: die Ampel. Die dürfte schwierig werden. Lindner fordert einen. "Politikwechsel". Zwar betonte er bisweilen sozialliberale Traditionen. Umso stärker aber wetterte er gegen Rot-Grün. Problem Nummer zwei: Rösler. Der Parteichef ist wegen mehrerer Putsch-Vorwürfe schwer angeschlagen. "Wenn Lindner nicht reinkommt, fällt es zurück auf die Bundes-Partei. Aber im Erfolgsfall wird niemand sagen, dass es durch den Berliner Rückenwind passiert sei. Es wird nicht leicht für Herrn Rösler in den nächsten Monaten", sagt Korte.

Nach 30 Minuten, am Schluss seiner Rede, breitet Lindner die Arme aus. Es müsse eine Partei im Landtag geben, die anders sei als die anderen. "Also wenn Sie dieses Lebensgefühl teilen", sagt er. "Das anonyme Wahlrecht ist ja keine Pflicht, Sie können also gerne auch andere informieren." Damit entlässt er die Applaudierenden in den Abend. Aber Lindner verschwindet nicht sofort. Er steht bereit, als Kandidat zum Anfassen. Für Fotos mit Jugendlichen, für Gespräche mit Älteren. Eine Menschentraube bildet sich um den Mann im Scheinwerferlicht. "Schön, Sie zu sehen. Alles klar bei Ihnen?", fragt er einen Mann.

Andere haben den Saal schon verlassen. "Immer schön die richtige Partei wählen am Sonntag", rät eine Frau einer anderen zum Abschied. "Was ist denn die richtige", fragt die zurück. "Ja, das weiß man ja nie so genau."

Quelle: n-tv.de

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