Politik
Irakische Schüler führen in Bagdad ein Theaterstück auf. Titel: "Wir sind alle gegen den Terrorismus" (Archivbild vom Mai 2015).
Irakische Schüler führen in Bagdad ein Theaterstück auf. Titel: "Wir sind alle gegen den Terrorismus" (Archivbild vom Mai 2015).(Foto: AP)

"Krieg gegen den Terror": Die wahre Ursache der Flucht

Ein Gastbeitrag von Christoph Krämer

Der "Krieg gegen den Terror", den die USA nach dem 11. September 2001 entfachen, ist nicht nur blutig und erfolglos. Er stürzt auch eine ganze Region ins Chaos. Die Folge: die Fluchtbewegungen, die derzeit Europa erreichen.

Tagtäglich berichten die Medien über die Tausende von Flüchtlingen, die nach Europa fliehen. Doch ein Aspekt fehlt nahezu komplett: Hintergründe über die Fluchtursachen. 14 Jahre sind nach den Terroranschlägen vom 11. September vergangen. Der sogenannte "Krieg gegen den Terror" ist das teuerste und zugleich zerstörerischste politische Projekt seit dem Zweiten Weltkrieg. Sein Ziel, Terrorismus zu bekämpfen, wurde verfehlt, ja sogar konterkariert. Die Militärintervention brachte den Terrorismus erst in den Irak und dann nach Syrien. In Gestalt des "Islamischen Staats" hat er sich in bedrohlicher Ausprägung etabliert.

Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz rechnet in seinem Buch "Die wahren Kosten des Krieges" vor, dass allein die Kosten des Irakkrieges etwa drei Billionen US-Dollar betragen – das Sechzigfache dessen, was die Bush-Regierung dafür ursprünglich im Kongress veranschlagt hatte. Die im Irak angerichteten Schäden sind darin noch gar nicht enthalten. Griechenland ließe sich für diese Summe fast 20 Mal komplett entschulden.

Noch unfassbarer sind die menschlichen Kosten: Als Journalisten US-General Tommy Franks im März 2002 in Afghanistan danach fragten, antwortete er: "We don't do body counts", wir zählen keine Leichen­. Nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder den USA "uneingeschränkte Solidarität" zugesichert hatte, müssen wir aber genau das tun, auch hier in Europa. Denn auch die menschlichen Kriegskosten sind kaum bekannt – weder der Bevölkerung noch den Entscheidungsträgern. Publiziert werden allenfalls die Zahlen, die die britische Nichtregierungsorganisation "Iraq Body Count" (IBC) veröffentlicht.

Christoph Krämer ist Arzt und Mitglied der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).
Christoph Krämer ist Arzt und Mitglied der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).(Foto: IPPNW)

Dieses Jahr haben die deutsche, die kanadische und die US-Sektion der Ärzteorganisation "International Physicians for the Prevention of Nuclear War" (IPPNW) eine Analyse zu den tatsächlichen Opferzahlen nach zehn Jahren "Krieg gegen Terror" veröffentlicht, die jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Die IPPNW-Untersuchung "Body Count" kommt aufgrund wissenschaftlicher Auswertungen auf das Zehnfache der IBC-Angaben.

Die IPPNW schätzt, dass der "Krieg gegen Terror" bereits in den ersten zehn Jahren 1,3 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Da Untersuchungen zu den Todesopfern mit den Schwächen der verfügbaren Quellen zu kämpfen haben, liegt die Dimension der Todesopfer des Krieges wahrscheinlich über 2 Millionen. Hinzuzurechnen sind im Grunde auch die inzwischen weit über 200.000 Toten in Syrien, denn auch sie sind mittelbare Folge des "Krieges gegen den Terror".

Anlässlich des Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September und einer seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr dagewesenen Zahl von Flüchtlingen dürfen Politik und Medien den Zusammenhang von Kriegsstrategie des Westens und der anschwellenden Massenflucht aus den betroffenen Ländern nicht länger ausblenden. Dabei sind diejenigen, die nach Europa gelangen, nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Zahl der Flüchtlinge. Fliehen können meist nur diejenigen, die Geld haben. Damit gehen den betroffenen Ländern gut ausgebildete Kräfte verloren – was sie ökonomisch und ideologisch noch instabiler macht und damit noch anfälliger für Al-Kaida, IS & Co.

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Quelle: n-tv.de

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