Politik
Wolfgang P.
Wolfgang P.
Donnerstag, 20. Oktober 2016

"Reichsbürger" erschießt Polizisten: Die wirre Welt des Wolfgang P.

Von Benjamin Konietzny

Wer ist der Mann, der sich gestern morgen hinter seiner Wohnungstür verschanzte und durch die Tür auf Polizisten schoss? Auf der Facebook-Seite des Mannes zeichnet sich das Bild einer Person, die den Kontakt zur Realität verloren hat.

Einblicke in das Leben des Wolfgang P. aus Georgensgmünd, der auf Polizisten schoss, weil er daran glaubt, dass Deutschland gar nicht existiert, gibt es auf seiner Facebook-Seite. Dort präsentiert sich ein lächelnder Mann mit kurzrasierten Haaren und Krawatte. Wolfgang P. isst offenbar gern Pizza und hört neben Xavier Naidoo auch Musik von Konstantin Wecker und Hans Söllner. Außerdem interessiert er sich für Wing Tsun, eine Kampfsportart. Vermutlich gibt es kein Wing-Tsun-Studio in Deutschland, dessen Facebook-Seite von ihm kein "Like" bekommen hat.

Kein Zweifel lässt P. auf seinem Profil daran, was er von der deutschen Bundesregierung hält.
Kein Zweifel lässt P. auf seinem Profil daran, was er von der deutschen Bundesregierung hält.

Wolfgang P. kann aber auch anders. Wenn es darum geht, dass eine Macht, die er als "Reichsbürger" nicht als staatliche Autorität anerkennt, ihm Waffen wegnehmen will, weil er seine Bestände nicht mehr vom Landratsamt inspizieren lassen will, dann nimmt P. auch kaltblütig den Tod von Polizisten in Kauf. Als die Beamten vor der Tür stehen und ihn auffordern zu öffnen, schießt er mehrfach. Ein Beamter stirbt, ein weiterer wird schwer verletzt. Zwei Polizisten wurden außerdem durch umherfliegende Glassplitter verletzt.

Wolfgang P. "gefällt" außerdem die Seite "Waffenbesitz zum Schutz für unbescholtene Bürger", die sich dafür stark macht, dass auch in Deutschland Waffengesetze ähnlich denen in den USA gelten und Stimmung gegen Ausländer macht. Darüber hinaus mag er den russischen Nachrichtensender "Russia Today" und diverse Seiten, die deutschen Medien unterstellen, systemgelenkt zu sein. Vernetzt und befreundet ist er mit allerhand Personen, die auf ihren Profilen keinen Zweifel daran lassen, dass sie nicht daran glauben, dass Elsass-Lothringen oder Ostpreußen nicht mehr zu Deutschland gehören oder Deutschland kein Staat, sondern eine Finanz-GmbH ist.

Der Mann glaubt offenbar auch, dass er solange zum Personal dieser GmbH gehört, bis er sich selbst eine "eidesstattliche Lebendmeldung" ausfüllt, die mit den Fingerabdrücken von zwölf Zeugen versehen ist. Dazu hat er die Erklärung auf Facebook gepostet (mit den Worten "lebst du schon oder 'personst' du noch) und dem Schriftstück, dass sich auf die päpstliche Bulle von 1540 bezieht offenbar durch diesen Akt der Veröffentlichung Wirksamkeit verliehen. Seine "Reichsbürger"-Freunde applaudieren: "Geil!!!!! Mögen noch viele Schlafschafe erwachen", lobt etwa Andrea G.

P. fordert Solidarität mit Adrian Ursache.
P. fordert Solidarität mit Adrian Ursache.

Bemerkenswert sind auch die vielen pseudo-juristischen Artikel, die P. auf seiner Seite zeigt. In einem etwa wird behauptet, Haus- und Grundbesitzer würden demnächst durch EU-"Gewohnheitsrecht" enteignet. Man müsse sich nun schleunigst die richtige Staatsbürgerschaft besorgen - also die des Königreichs Bayern oder Sachsen oder sonstwo. Im Gerichtssaal sei es aber ganz wichtig, sich nicht hinzusetzen, da in der Bundesrepublik nur See- und Handelsrecht gelte. Der Richter sei ein Kapitän und wer sich setze, betrete sein Schiff. Nur dann sei gewährleistet, dass das auf 12 Uhr gedrehte Siegel des Reichskatasteramtes in Krakau auch wirksam sei. Ja, offenbar glauben Menschen so etwas.

Auf seiner Seite solidarisiert sich P. auch mit einem "Reichsbürger" Adrian Ursache, der im August einen Polizisten angeschossen hatte, nachdem sein Haus zwangsgeräumt werden sollte. "Adrian wurde von Unrechtstätern angegriffen", heißt es in dem Artikel. Mit Unrechtstäter sind in dem Fall die Polizisten gemeint, die in den Augen der "Reichsbürger" nichts weiter sind als Angestellte von Filialen der BRD Finanz GmbH, deren einzige Aufgabe es sei, Umsätze zu generieren.

An anderer Stelle auf seinem Profil beschäftigt sich Wolfgang P. auch mit einem Polizisten. Und zwar mit der Geschichte des österreichischen Polizisten Johannes Spitaler, der der "Österreich Rundschau" - ein Nachrichtenportal für Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker - ein Interview gegeben hat. Dabei geht es darum, dass der bekennende Anhänger der "Reichsbürger"-Bewegung nach 33 Jahren als Polizist aufgrund seiner Überzeugungen, die dem Staat Österreich das Existenzrecht abstreiten, vom Dienst ausgeschlossen wurde.

Das Schicksal von Johannes Spitaler, der nach 33 Jahren seinen Job verloren hat, bewegt Wolfgang P., der auf seinem Titelbild breit lächelt. Der SEK-Beamte, der am Morgen verstorben ist, wurde von Wolfgang P. seines Lebens beraubt, nach nur 32 Jahren. Wenn man sich die Seite des mutmaßlichen Schützen ansieht, machen sich Zweifel breit, ob ihn auch dieser Fall bewegt.

Quelle: n-tv.de

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