Politik
Die einen mochten Jauchs ruhigen Kurs, die anderen trieb er damit zur Verzweiflung.
Die einen mochten Jauchs ruhigen Kurs, die anderen trieb er damit zur Verzweiflung.(Foto: picture alliance / dpa)

Ende einer Dienstzeit: Dr. Jekyll und Mr. Jauch

Von Thomas Schmoll

Mit seinem kaum konfrontativen und ausgleichenden Stil polarisiert Günther Jauch wie kein Gastgeber einer Polit-Talkshow zuvor. Sein Kurs erinnert an den der Kanzlerin: Moderierend abwarten, wie sich die Sache entwickelt.

Es gibt den Günther Jauch, der Woche für Woche mit seiner freundlichen, stets aufmerksamen, inspirierten, hintersinnigen und humorvollen Art ein Millionenpublikum begeistert. Dann ist er der Entertainer, der als Fragesteller bei "Wer wird Millionär?" für beste Unterhaltung sorgt und nebenbei Wissen vermittelt. Hier tritt Jauch souverän auf, niemand kann ihm etwas vormachen - die Fernsehnation liebt den 59-Jährigen dafür und dankt es ihm mit üppigen Einschaltquoten.

Es gibt aber auch den Günther Jauch, der Woche für Woche mit seiner freundlichen, nicht immer aufmerksamen, mitunter desinteressierten und schlafmützigen Art ein Millionenpublikum entzweit. Dann ist er der Moderator der nach ihm benannten Polit-Talkshow, der als Fragesteller für Kopfschütteln sorgt. Hier ist er eher unsouverän - TV-Rezensenten ächten ihn dafür.

Die einen mochten ihn, andere trieb er zur Verzweiflung

Ein gespaltenes Wesen? Dr. Jekyll und Mr. Jauch? Mitnichten. Jauch ist immer derselbe. Nur sein wenig konfrontativer und ausgleichender Stil passt viel besser zu einer Unterhaltungssendung als zu einer Politik-Schau. Jauch ist eine Merkel des deutschen Fernsehens: Abwarten und schauen, wie sich die Sache entwickelt, vielleicht kurz moderierend eingreifen, damit es weiterläuft - das ist eher sein Credo, als in Plaßbergscher Manier auf den Tisch zu hauen oder in der Gouvernantenart einer Anne Will das Ruder an sich zu reißen.

Wie bei Angela Merkel: Die einen mochten Jauchs ruhigen Kurs, die anderen trieb er damit zur Verzweiflung. Recht machen kann man es sowieso niemandem in Zeiten von Twitter und Facebook, wo jeder kleine Fehltritt, jeder unüberlegte Spruch, jeder Lapsus gebrandmarkt wird. Jauch bekam das immer wieder zu spüren. Bezog er nicht klar Position und entriss er AfD-Höcke nicht umgehend dessen Deutschlandfähnchen, bekam der Moderator eins auf die Mütze. Er habe keine Haltung, lautete der Verdacht. Stellte er eine Suggestivfrage, die seine Meinung mutmaßlich oder tatsächlich offenbarte, wurde Jauch ebenso abgewatscht. Er solle seine Haltung außen vor lassen, lautete der Vorwurf.

Jauch hatte immer wieder lichte Momente

So wie bei Fußballländerspielen plötzlich Millionen Trainer vor der Glotze alles (besser) wissen oder wussten, wenn nicht gerade 7:1 gegen Brasilien gewonnen wird, so saßen Sonntag für Sonntag Millionen "bessere Moderatoren" vor dem Fernseher, die genau wussten, was man jetzt hätte fragen und wen man nun hätte zurechtweisen müssen. Dank der "Zeit" ist von Jauch das Zitat überliefert: "Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung." Leider hat der Moderator selten den Ball gestoppt, geschweige denn, ihn genommen, um in eine andere Richtung zu laufen.

Das war ein großes Manko seiner vier Jahre Polit-Talk. Der Zuschauer musste oft den Eindruck haben, Jauch höre nicht zu oder könne nicht die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Dabei hatte Jauch immer wieder lichte Momente, wo er exakt die richtige Frage stellte oder nicht locker ließ. Hakte er dann endlich einmal richtig nach, ging auch das nach hinten los. Als der 59-Jährige den vom Krebs sichtbar gezeichneten Guido Westerwelle mindestens einmal zu viel fragte, ob er nicht doch in die Politik zurückkehren wolle, wurde der Moderator gescholten.

Eisern zog er seine Linie durch

Jauch hat - trotz absehbarer Kritik - der Öffentlichkeit fragwürdige Gestalten präsentiert, für die bis dahin galt: denen keine Bühne. Ihm gelang es, Kathrin Oertel für ein Interview zu gewinnen, das Einblick in die kleinbürgerliche Welt von Pegida ermöglichte. Björn Höckes Auftritt offenbarte, dass die Alternative für Deutschland nach dem Abgang von Bernd Lucke nicht mehr nationalkonservativ dominiert ist, sondern klar rechts außen steht. Gegen das Motto "Denen keine Bühne" hat Jauch ausdrücklich rebelliert. Sein Ansatz war: Öffentliche Auseinandersetzung funktioniert nur, wenn öffentlich bekannt wird, was hierzulande politisch los ist. Das war der richtige Weg.

Nur hätte sich Jauch gerade auf Leute wie Höcke oder den „Quassel-Imam“ („Bild“-Zeitung) besser vorbereiten müssen. Lieber zog er eisern seine Linie durch, die Gäste streiten zu lassen. Jauch könne eben nur "vox populi", also "die Stimme des Volkes". Das kann man auch so sehen. Aber die Frage muss dann eben auch lauten: Was will Fernsehen überhaupt? Ein breites Publikum erreichen? "Mit durchschnittlich 4,62 Millionen Zuschauern und einem durchschnittlichen Marktanteil von 16,2 Prozent ist Günther Jauch der erfolgreichste Talk, den das Erste jemals am Sonntagabend ausgestrahlt hat", erklärte die Produktionsfirma der Sendung. Ungefähr ein Drittel der 156 Ausgaben sei von mehr als fünf Millionen Zuschauern verfolgt worden.

Davon können andere politische Sendungen nur träumen.

Quelle: n-tv.de

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