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Hooligan-Demo in Köln eskaliert: Dritte Halbzeit Politik

Von Christoph Herwartz, Köln

Als "dritte Halbzeit" bezeichnen Hooligans ihre Schlägereien untereinander. Nun demonstrieren sie gemeinsam gegen Salafismus. Die Veranstalter scheinen überrascht zu sein, dass es auch dabei zu Gewalt kommt. Naivität oder Kalkül?

Der Mann mit dem schwarzen Kapuzenpulli legt seinen kahl geschorenen Kopf in den Nacken, ein anderer gießt ihm Wasser über die verkniffenen Augen. Es riecht noch nach Pfefferspray, zehn Meter weiter liegt ein umgekippter Polizei-Bulli. Etwas weiter hüpfen Männer mit einer Deutschlandfahne vor einem Wasserwerfer herum, Polizeitrupps laufen mal hierhin, mal dorthin. Auf einer Bühne steht der Veranstalter, und reckt seine tätowierten Arme in die Höhe. "Hört auf damit", ruft er. "Prügeln können wir uns auf dem Acker, aber hier müssen wir zusammenstehen."

Aus den Reihen der Demonstration drangen immer wieder "Ausländer raus!"-Rufe.
Aus den Reihen der Demonstration drangen immer wieder "Ausländer raus!"-Rufe.(Foto: dpa)

Es sind die letzten Szenen einer absurden Veranstaltung. Rund 2500 Menschen aus mehreren Städten sind nach Köln gekommen. Sie bezeichnen sich selbst als Fußball-Hooligans und wollen so etwas wie gesellschaftliches Engagement zeigen. Sie demonstrieren gegen Salafisten und dafür, dass "die Gesetze geändert werden" - konkreter wird es nicht.

"Nicht alle hier sind Nazis"

Die Veranstalter sind sichtlich stolz darauf, dass sie Anhänger verschiedener Vereine zu einer Demo versammelt haben. "In den Farben getrennt, in der Sache vereint", lautet einer ihrer Slogans. Die ersten Reden auf dem Podium zielen darauf ab, die "Hooligans gegen Salafisten", kurz "Hogesa" auch politisch als eine überparteiliche Veranstaltung darzustellen. "An die Presse: Nicht alle hier sind Nazis", ruft einer ins Mikrofon. Die Menge gröhlt, teils zustimmend, teils protestierend. "Das wird ja nachher doch rausgeschnitten", sagt einer in der Menge zu seinen Nachbarn. "Ihr scheiß Linken", brüllt ein anderer nach vorne.

Kategorie C

An der Band "Kategorie C" lässt sich beispielhaft zeigen, wie eng die Verbindungen zwischen "Hogesa" und der rechtsradikalen Szene ist. Die Gruppe wurde gegründet von Hannes Ostendorf, einem der führenden Mitglieder einer Bremer Nazi-Hooligan-Gruppe. Dort ist auch sein Bruder Henrik aktiv, der laut Verfassungsschutz als "Drahtzieher im internationalen Netzwerk zwischen NPD, NS-SKin-Milieu und der Hooliganszene" wirkt. Hannes Ostendorf war 1991 an einem Brandanschlag auf ein Bremer Flüchtlingsheim beteiligt. Zeitweise sang er für eine Band namens "Nahkampf", die wiederum mit dem seit 2000 verbotenen Neonazi-Netzwerk "Blood & Honour" verbunden ist. Eines ihrer Lieder findet sich auf einem Sampler, den die NPD 2005 auf Schulhöfen verteilt hatte.

Mit der Überparteilichkeit ist es so eine Sache. Der Verfassungsschutz verortet die neue Gruppe "Hogesa" in der rechten Ecke. Es gebe große Überschneidungen mit der rechtsextremen Szene. Und das ist in Köln deutlich zu erkennen, man sieht die bekannten Nazi-Erkennungszeichen: bestimmte Klamottenmarken, das Eiserne Kreuz. Wenn die Menge ihre Fäuste reckt, zeigen manche den Hitlergruß. Ein Redner auf der Bühne bezeichnet sich allerdings selbst als "links". Ein großer Teil der Demonstranten dürfte einfach unpolitisch sein.

Gemeinsam ist den "Hooligans gegen Salafisten" wohl nur zweierlei: Erstens glauben sie, dass in Deutschland nicht hart genug gegen Salafisten vorgegangen würde und zweitens sind sie generell gewaltbereit. Ein Sprecher begrüßt die Menge mit "Freunde der dritten Halbzeit", womit verabredete Massenschlägereien zwischen Anhängern verschiedener Fußballclubs gemeint sind. Es spielt die szenebekannte Band "Kategorie C", was der Polizeibegriff für "gewaltsuchende Fußballfans" ist.

Angriffe auf Polizei

Die Auftaktveranstaltung hinter dem Hauptbahnhof verläuft noch friedlich, aber als der Demonstationszug losgeht, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es zu Ausschreitungen kommt. Als erstes fliegt wohl eine Flasche aus einem Fenster auf die Hooligans, daraufhin kommt es zu Keilereien. Die Polizei versucht, die Lage zu beruhigen, und wird sofort selbst zum Ziel der Angriffe. Flaschen und Böller landen auf den Beamten.

Polizisten sichern einen bereits umgestoßenen Wagen.
Polizisten sichern einen bereits umgestoßenen Wagen.(Foto: REUTERS)

Dann beruhigt sich die Lage zunächst wieder, auch wenn die Stimmung aggressiv bleibt. Die Hooligans ziehen eine kleine Runde durch die nördliche Innenstadt und rufen "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!" und "Wir brauchen keine Salafistenschweine!".

Als die Demo wieder am Hauptbahnhof ankommt, scheinen die Hooligans noch nicht genug zu haben. Statt sich wieder vor der Bühne zu versammeln, provozieren sie Polizisten und Journalisten. Auf einmal liegt ein Polizeiauto auf der Seite, die Beamten reagieren mit Pfefferspray und drängen die Hooligans zurück. Wasserwerfer fahren auf, Demonstranten stellen sich ihnen in den Weg.

Keine Salafisten, nirgendwo

Einer der Veranstalter fleht die Menge an: "Wir wollen doch was erreichen. So wird sich uns niemand anschließen." In der Menge sagt einer: "Aber wir wollen auch unseren Spaß." Vorne wird applaudiert, hinten weiter randaliert. Als sich die Stimmung etwas abkühlt, beenden die Veranstalter die Sache, viele wollen direkt zum Zug. Doch die Polizei will die aufgeheizte Meute nicht auf einmal in den Bahnhof lassen und macht die Eingänge dicht. Die Hooligans versuchen, die Absperrungen zu durchbrechen und werden mit Wasserwerfern vertrieben. Die Polizei wird später von 13 verletzten Beamten sprechen. Mindestens einer ist schwer verletzt. Sechs Personen wurden vorübergehend festgenommen.

Ob die Veranstalter die Sache so geplant hatten, oder ob sie naiv einen Aufmarsch angezettelt haben, der ihnen dann entglitten ist, lässt sich schwer sagen. Polizei und Politik wissen nun allerdings mit Sicherheit, was vorher nur eine Vermutung war: dass das Format "Hooligans gegen Salafisten" von rechtsextremen Gewalttätern genutzt wird.

Die Aufmärsche von Rechtsextremen trafen in Köln in den vergangenen Jahren immer auf breiten Widerstand und wurden dadurch oft ganz verhindert. Die "Hogesa" schienen durch ihren überparteilichen Anspruch schwerer zu packen zu sein. Zur Gegendemo versammelten sich gerade einmal 500 Menschen, niemand störte den "Hogesa"-Aufmarsch. Stattdessen bedienten sich die Hooligans ursprünglich linker Slogans, was unfreiwillig komisch wirkte. Statt "Deutsche Polizisten schützen die Faschisten", hieß es in Köln: "Deutsche Polizisten schützen Salafisten". Von Salafisten war vom Demonstrationszug aus allerdings überhaupt nichts zu sehen.

Quelle: n-tv.de

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