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"Ist Grass wirklich so ignorant oder ist er ein berechnender Zyniker?", fragt sich US-Autor Goldhagen.
"Ist Grass wirklich so ignorant oder ist er ein berechnender Zyniker?", fragt sich US-Autor Goldhagen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Hochhuth greift Grass an: "Du bist der SS-Mann geblieben"

Die Diskussionen um das Israel-Gedicht von Günter Grass reißen nicht ab. Scharfe Kritik an seinen Äußerungen kommt auch von Kollegen. Rolf Hochhuth schreibt von Scham, Marcel Reich-Ranicki bringt seinen Unmut, aber auch Angst zum Ausdruck. Grass stelle "die Welt auf den Kopf". Die deutsche Friedensbewegung hingegen bedankt sich bei dem Schriftsteller.

Hochhuth kennt sich gut aus mit Skandalen. Sein Roman "Der Stellvertreter" sorgte in den 1960ern auch für aufgeregte Debatten.
Hochhuth kennt sich gut aus mit Skandalen. Sein Roman "Der Stellvertreter" sorgte in den 1960ern auch für aufgeregte Debatten.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass erntet für sein Israel-Gedicht weiter scharfe Kritik aus dem In- und Ausland - auch von Schriftstellerkollegen. Rolf Hochhuth griff Grass direkt an: "Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat, aber den Bundeskanzler Kohl anpöbelte, weil der Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem auch 40 SS-Gefallene liegen", schrieb er in einem offenen Brief, den "Münchner Merkur" und "Die Welt" veröffentlichten.

Hochhuth, der das Drama "Der Stellvertreter" über den Vatikan in der NS-Zeit verfasst hat, meinte: "Ich (...) schäme mich als Deutscher Deiner anmaßenden Albernheit, den Israelis verbieten zu wollen, ein U-Boot deutscher Produktion zu kaufen, das möglicherweise allein ihrem kleinen Staat die letzte Sicherheit geben kann, von einer engst benachbarten Atommacht buchstäblich über Nacht nicht ausgerottet zu werden!" Der Iran habe schließlich, den Nazis gleich, dem jüdischen Volk mit Ausrottung gedroht.

"Ein ekelhaftes Gedicht"

Auch Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki griff Grass scharf an. Es sei "ein ekelhaftes Gedicht", das politisch und literarisch wertlos sei, sagte Reich-Ranicki der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Der Literatur- Nobelpreisträger stelle "die Welt auf den Kopf". "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil. Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren", betonte Reich-Ranicki, der aus einer jüdischen Familie stammt.

Das Gedicht sei ein geplanter Schlag nicht nur gegen Israel, sondern gegen alle Juden. Reich-Ranicki betonte, Grass sei kein Antisemit, aber er spiele gezielt auf antisemitische Neigungen in Teilen der Bevölkerung an. Darum mache ihm das Gedicht auch Angst.

Der US-Autor Daniel Jonah Goldhagen nannte Grass in der "Welt", einen "Verfälscher seiner eigenen Nazi-Vergangenheit". Mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss", in dem Grass vor einem Präventivschlag Israels gegen den Iran und einem Dritten Weltkrieg warnt, kaue Grass "nicht anders als jene am Stammtisch, die kulturellen Klischees und Vorurteile seiner Zeit" durch, schrieb Goldhagen in einem Essay für "Die Welt". Grass' Warnung, Israel könne das iranische Volk mit einem Erstschlag auslöschen, sei absurd. "Grass führt die Perversion - die Verkehrung von Opfern zu Tätern - auf ein neues Niveau." Grass hatte in dem Gedicht auch geschrieben, die Atommacht Israel gefährde den Weltfrieden.

Er wollte warnen, sagt Günter Grass.
Er wollte warnen, sagt Günter Grass.(Foto: dapd)

Vielmehr habe der Iran wiederholt gedroht, Israel und das israelische Volk auszulöschen - daher stellt sich laut Goldhagen die Frage: "Ist Grass wirklich so ignorant oder ist er ein berechnender Zyniker? Ein Zyniker mit einer solchen Abneigung gegen Israel und seine Bevölkerung, dass er die Welt dazu drängt, Israel zum Abbau seines atomaren Schutzschilds (...) zu zwingen und damit bestenfalls unbekümmert seine Vernichtung in Kauf zu nehmen (...)?"

"Er dreht die historischen Verhältnisse um"

Der dänische Schriftsteller Knud Romer stufte das Grass-Gedicht als "Stammtischgerede" ein. In der Kopenhagener Zeitung "Information" sagte Romer, Grass mache den Versuch, "Israel für einen bevorstehenden Holocaust mit ihm selbst, den Deutschen und allen anderen als Opfern verantwortlich zu machen". Er habe in einem "klischeehaften und stereotypen Text" zum möglichen präventiven israelischen Angriff gegen den Iran die Gedichtform als "rhetorischen Trick" gewählt, um "die Wirklichkeit so zu ändern, dass sie ihm in den Kram passt".

Romer meinte zu der Grass-Äußerung, dass Israel "das iranische Volk auslöschen könnte" und am Ende von entsprechenden Planspielen "als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind": "Er dreht die historischen Verhältnisse um, macht nun die Juden und Israel verantwortlich für die "planmäßige Vernichtung" und die Deutschen sowie uns andere zu den "letzten Überlebenden". Das ist der Skandal."

Der Schweizer Historiker Raphael Gross bezeichnete das Gedicht als "Hassgesang". Dennoch sei es nicht leicht, den Schriftsteller als Antisemiten zu bezeichnen, schrieb Gross in einem Gastbeitrag in der "Berliner Zeitung". Der aus dem 19. Jahrhundert stammende Begriff des Antisemitismus sei von Anfang an äußerst unklar und eng gefasst gewesen. "Heute gibt es nur noch wenige Menschen, die ihren Judenhass offen als Antisemitismus bezeichnen würden und die, die es tun, sind meist politisch irrelevant", schrieb Gross.

Der Leiter des Leo-Baeck-Instituts in London sowie des Jüdischen Museums Frankfurt am Main verwies darauf, dass aus der NS-Zeit stammende moralische Urteilsformen weiter wirkten. "Diese schreckliche Mentalität - nicht der offene Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, diese direkt aus dem Nationalsozialismus in Deutschland zwischen 1933 und 1945 erwachsene 'Moral der Volksgemeinschaft' ist es, deren Echo wir leider immer und gar nicht so selten hören, wenn wir der Generation von Grass nur genau zuhören", schrieb Gross.

Friedensbewegung reagiert mit Gedicht

Die deutsche Friedensbewegung hat Grass in Schutz genommen. Er habe damit dazu beigetragen, das Bemühen um eine friedliche Lösung im Iran-Konflikt "wieder auf die Tagesordnung zu setzen". In Form eines Gedichtes nahm der Mitbegründer der Ostermärsche, Andreas Buro, für die Dachorganisation Kooperation für den Frieden Stellung zu der Diskussion um das Grass-Gedicht.

Buro schreibt: "Günter Grass hat vor Krieg gewarnt, Israel als eine Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet. Wir hätten auch die USA, die Erfinderin der Achse des Bösen, genannt, aber auch die vielen arabischen und islamischen Staaten, die (...) aktuelle Konflikte anheizen. Deutschland, das in Konfliktzonen Waffen liefert."

Die Friedensbewegung fordere "zum großen Wettbewerb auf um eine friedliche Lösung, um einen Nichtangriffspakt zwischen den Kontrahenten" und auch um eine Aufhebung aller Sanktionen gegen den Iran. Das Gedicht schließt mit den Worten: "Deutschland könnte dazu beitragen. Günter Grass hat dazu beigetragen, diese Aufgabe wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Danke!"

"Ich habe Ihr warnendes Gedicht gelesen"

Der Iran hat das Israel-kritische Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass begrüßt. In einem von den iranischen Medien zitierten Brief an den "bedeutenden Schriftsteller" lobte Vize-Kulturminister Dschawad Schamakdari den 84-Jährigen, er habe mit seinem Gedicht "die Wahrheit gesagt". Er hoffe, die Kritik werde "das eingeschlafene Gewissen des Westens aufwecken", schrieb Schamakdari weiter.

"Ich habe Ihr warnendes Gedicht gelesen, das auf so großartige Weise Ihre Menschlichkeit und Ihr Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck bringt", heißt es in dem Schreiben des stellvertretenden iranischen Kulturministers an Grass weiter. "Mit ihrer Feder allein können Schriftsteller Tragödien eher verhindern als Armeen."

Grass hatte in seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" der israelischen Regierung vorgeworfen, mit ihrer Iran-Politik den Weltfrieden zu gefährden. Dabei ging es vor allem um die Möglichkeit eines Angriffs Israels auf iranische Atomanlagen. Dies hatte ihm harsche Kritik und den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht.

Quelle: n-tv.de

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