Politik

Übergabe des Friedensnobelpreises: EU-Trio trotzt Kritik

Der Friedensnobelpreis für die EU ist umstritten. Ehemalige Preisträger sagen, die Gemeinschaft habe ihn nicht verdient. Bei der offiziellen Vergabe in Oslo lassen EU-Vertreter diese Kritik nun an sich abperlen und treten voller Stolz für die Entscheidung des Nobelkomitees ein.

Stellvertretend für 500 Millionen EU-Bürger: Von Rompuy, Barrosso und Schultz (v.l.).
Stellvertretend für 500 Millionen EU-Bürger: Von Rompuy, Barrosso und Schultz (v.l.).(Foto: REUTERS)

Die Europäische Union hat für sechs Jahrzehnte erfolgreicher Aussöhnungspolitik den Friedensnobelpreis erhalten. Die EU habe entscheidend daran mitgewirkt, Europa von einem Kontinent des Krieges zu einem Kontinent des Friedens zu machen, sagte der Chef des Nobelkomitees, Thorbjörn Jagland, in seiner Laudatio in Oslo. "Es ist wahrlich fantastisch, was dieser Kontinent geschafft hat." Die EU verdiene den Friedensnobelpreis, weil sie in diesem Prozess eine herausragende Rolle gespielt habe. Bei dem Festakt stand das deutsch-französische Verhältnis als Kern der europäischen Friedenspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg im Zentrum der Würdigungen.

Stellvertretend für die 500 Millionen Europäer nahmen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Europaparlamentspräsident Martin Schulz die mit umgerechnet 927.000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen. Das Preisgeld kommt einem Hilfsprojekt für Kinder in Kriegsgebieten zugute. Die erkennbar gerührte Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande grüßten mit gemeinsam erhobenen Armen aus der ersten Zuhörerreihe in den Osloer Rathaussaal.

Van Rompuy erinnerte daran, warum die EU einst aus der Taufe gehoben wurde. "In einer Zeit der Unsicherheit erinnert dieser Tag die Menschen in Europa und in aller Welt an den fundamentalen Zweck der Europäischen Union: Die Verbrüderung der europäischen Nationen voranzutreiben, jetzt und in der Zukunft", sagte er. Er schloss seine Dankesrede mit den Worten: "Ich bin ein Europäer" - auf Deutsch, Französisch und Englisch.

Barrosso pocht auf moralische Verantwortung

Desmond Tutu: "Die EU strebt nicht nach der Verwirklichung von Nobels globaler Friedensordnung ohne Militär."
Desmond Tutu: "Die EU strebt nicht nach der Verwirklichung von Nobels globaler Friedensordnung ohne Militär."(Foto: picture alliance / dpa)

EU-Kommissionspräsident Barroso lobte die "bemerkenswerte europäische Reise", die zu einer immer enger miteinander verbundenen Union geführt habe. "Und heute hält jedermann eines der sichtbarsten Symbole unserer Einheit in den Händen: Es ist der Euro, die Währung der Europäischen Union. Und wir werden zu ihr stehen." Er betonte zugleich, dass die EU "als Gemeinschaft von Nationen, die Krieg überkommen und Totalitarismus bekämpft habe" stets jenen beistehen werde, die sich für Frieden und Menschenwürde einsetzten. Konkret verwies er dabei auf Syrien, wo Präsident Baschar al-Assad seit 20 Monaten einen Aufstand niederzuschlagen versucht. Die gegenwärtige Lage dort sei "ein Schmutzfleck auf dem Gewissen der Welt". Die internationale Gemeinschaft stehe moralisch in der Pflicht, sich damit zu befassen. "Meine Botschaft heute ist: Sie können auf unsere Bemühungen zählen, dass wir für anhaltenden Frieden und Gerechtigkeit in Europa und in der Welt kämpfen werden."

Neben Norwegens König Harald V., Merkel und Hollande gehörten knapp 20 weitere Staats- und Regierungschefs aus den 27 EU-Mitgliedsländern zu den Teilnehmern der Zeremonie. Der Feier in Norwegens Hauptstadt demonstrativ ferngeblieben war der euroskeptische britische Premierminister David Cameron. Der Konservative wurde vom liberalen und deutlich europafreundlicheren Vizepremier Nick Clegg vertreten.

Großbritannien boykottiert Preisvergabe

In Großbritannien wird derzeit offen über einen Austritt aus der EU diskutiert. Wegen solcher Abspaltungsgedanken, aber auch wegen der weiter ungelösten Eurokrise, zäher Haushaltsverhandlungen und schwindender Solidarität unter den Mitgliedsstaaten steckt die EU derzeit in einer tiefen Krise. Parlamentspräsident Martin Schulz wollte die Auszeichnung deshalb auch als Warnung verstanden wissen: "Verspielt nicht dieses teure Erbe", sagte der Sozialdemokrat kurz vor der Verleihung.

Die Europäische Union war 1958 von sechs Ländern, darunter den Kriegsgegnern Deutschland und Frankreich, zunächst als Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet worden. Inzwischen ist die Union auf 27 Mitgliedsstaaten gewachsen. Im Sommer 2013 soll Kroatien als 28. Land aufgenommen werden.

Die Entscheidung für den Nobelpreis für die EU ist nicht unumstritten. So hatte vergangene Woche Desmond Tutu, der für seinen Kampf gegen die Apartheid in seinem Heimatland Südafrika den Friedensnobelpreis 1984 erhielt, gesagt, die EU verdiene den Preis nicht. Mit Mairead Maguire und Adolfo Peret Esquivel teilten zwei weitere Preisträger diese Meinung. "Die EU strebt nicht nach der Verwirklichung von Nobels globaler Friedensordnung ohne Militär", hieß es  in einem gemeinsamen Schreiben der drei an das Nobelpreiskomitee. Ihrer Meinung nach gründen die Mitgliedsländer ihre kollektive Sicherheit auf militärischen Zwang und Kriegseinsätzen. Die Suche nach einem alternativen Herangehen komme zu kurz.

Quelle: n-tv.de

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