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Etliche Holocaust-Überlebende treten als Nebenkläger gegen Reinhold H. auf.
Etliche Holocaust-Überlebende treten als Nebenkläger gegen Reinhold H. auf.(Foto: picture alliance / dpa)

Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen: Ehemaliger KZ-Wachmann steht vor Gericht

Reinhold H. soll mit 20 Jahren als Mitglied der Totenkopf-SS nach Auschwitz gekommen sein. Zwei Jahre lang soll er dabei geholfen haben, Juden an der "Rampe" in den Tod zu schicken. Im Greisenalter holen ihn seine mutmaßlichen Taten wieder ein.

Vor dem Detmolder Landgericht hat der Prozess gegen einen 94-Jährigen begonnen, der als SS-Wachmann im Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz tätig gewesen sein soll. Die Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen zwischen 1943 und 1944 vor.

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Laut Staatsanwaltschaft war der damals etwa 20-jährige Reinhold H. von 1942 bis 1944 als Mitglied des SS-Totenkopfsturmbanns in dem Lagerkomplex eingesetzt. Er bewachte demnach sowohl das sogenannte Stammlager I als auch Selektionen der mit Deportationszügen an der "Rampe" ankommenden Juden, die im Lagerteil Birkenau meist sofort ermordet wurden.

Der Angeklagte räumte bereits vor dem Prozess ein, im Stammlager eingesetzt gewesen zu sein. Eine Beteiligung an Tötungen von Menschen bestreitet er aber. Die Staatsanwaltschaft betont, mit seinem Einsatz als Wachmann habe er zum Funktionieren der Maschinerie beigetragen.

Im vergangenen Jahr war bereits ein anderer in Auschwitz eingesetzter SS-Mann am Landgericht Lüneburg in Niedersachsen wegen Beihilfe zum 300.000-fachen Mord zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil gegen den "Buchhalter von Auschwitz", Oskar Gröning, ist noch nicht rechtskräftig. Der Bundesgerichtshof muss noch über die Revision entscheiden.

Haverbeck bricht Besuch ab

An dem Verfahren in Detmold nehmen etliche Holocaust-Überlebende als Nebenkläger teil. Das Gericht ist für den Prozess in die Räume der Industrie- und Handelskammer umgezogen, weil der Platz im Gericht nicht ausreichte. Für den Prozess am Detmolder Landgericht sind zunächst zwölf Prozesstage bis Ende Mai vorgesehen. Mit Rücksicht auf die Gesundheit des hochbetagten Angeklagten ist die Verhandlungsdauer auf zwei Stunden begrenzt.

Vor Prozessbeginn verursachte ein Tumult um die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck Aufsehen. Die 87-Jährige wollte den Prozess besuchen und wurde laut Polizei vor dem Eingang körperlich bedrängt. Sie musste von Beamten vor Übergriffen geschützt werden. Anschließend habe sie mit einem Auto den Ort verlassen.

Die in rechtsextremen Kreisen populäre Haverbeck wurde zuletzt wegen Volksverhetzung in zwei Fällen zu zehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Sie hatte im April 2015 am Rande des Prozesses gegen Gröning vor Journalisten behauptet, das KZ Auschwitz sei kein Vernichtungs-, sondern ein Arbeitslager gewesen.

In die Strafverfolgung mutmaßlicher NS-Täter war durch eine veränderte Rechtsauslegung von Gerichten zuletzt neuer Schwung gekommen. Neben dem Prozess in Detmold starten dieses Jahr noch mindestens zwei Gerichtsverfahren, in denen es um die Verbrechen in Auschwitz geht.

Quelle: n-tv.de

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