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Mandela war auch ein Mann voller Humor.
Mandela war auch ein Mann voller Humor.(Foto: REUTERS)

Zum Tode Nelson Mandelas: Eher ein Prophet als ein Politiker

Von Solveig Bach

Die Botschaft des Nelson Mandela war immer gleich, ob als junger Student, politischer Gefangener oder Staatspräsident seines Landes. Kein Mensch sollte über einem anderen stehen, jeder hat das Recht, glücklich zu sein. Sie reicht weit über seinen Tod hinaus.

Am Ende seines Lebens zog es ihn zurück nach Qunu, den Ort, an dem er die glücklichsten Kindheitstage verlebt hatte. Hier hatte er eine Kopie des Hauses errichten lassen, in dem er zuletzt im Gefängnis Victor Verster nordöstlich von Kapstadt inhaftiert war, weil er sich an die Choreographie der Räume gewöhnt hatte. Hier sei er so viel glücklicher, hatte er aus der ländlichen Stille der Transkei ausrichten lassen. Niemand wolle ein Autogramm von ihm. In der Erde von Qunu wollte er am Ende ruhen.

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Südafrika und seine Menschen haben Nelson Mandela beinahe alles zu verdanken. Er überzeugte sein Land von der Vision, dass Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe gleichberechtigt und miteinander versöhnt leben können. Er betrachtete es einfach als logische Folge dessen, was der Afrikanische Nationalkongress 1955 in seine Charta geschrieben hatte: "Südafrika gehört allen, die darin leben, Schwarzen und Weißen." Und auch wenn dieser Traum noch längst nicht für alle Südafrikaner Wirklichkeit geworden ist, so ist das Land doch ein anderes geworden.

"Mein langer Weg in die Freiheit" nannte er seine Biografie und meinte damit etwas anderes als das Recht, sich frei zu bewegen. 28 Jahre lang saß er während des Apartheidregimes unter anderem wegen der Planung des bewaffneten Kampfes gegen die Rassentrennung im Gefängnis. Legendär sind die Erzählungen, die ihn in dieser Haftzeit beschreiben. Egal wie brutal und abwertend ihn die Wachen behandelten, Mandela blieb seiner Überzeugung treu, dass "nur ein Mensch ohne Hass frei sein" kann. So gewann er hinter Gittern und ohne Aussicht auf ein anderes Leben die innere Freiheit, nur sich selbst verpflichtet zu sein. Aus dieser Zeit stammte wohl auch Mandelas Fähigkeit, die Erzbischof Desmond Tutu einmal damit beschrieb, dass Mandela einen Feind als jemanden ansieht, "der darauf wartet, zum Freund bekehrt zu werden".

Freie Menschen in Harmonie

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"Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft vertreten, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben", sagte Mandela schon 1964, als er im sogenannten Rivonia-Prozess wegen Sabotage und Aufruhr vor Gericht stand. "Es ist ein Ideal, für das ich leben will und das ich zu erreichen hoffe. Doch wenn es sein muss, bin ich auch bereit, dafür zu sterben."

Wie ernst es ihm mit diesen Worten war, hat er in den langen Jahren seiner Gefangenschaft immer wieder unter Beweis gestellt. Richard Stengel, der Chefredakteur des "Time Magazine" und Co-Autor von Mandelas Autobiografie, nannte Mut, Gelassenheit und Ruhe auch im Angesicht von Chaos und Gewalt als die prägenden Lebensmaximen von Mandela. Sie hätten ihm zusammen mit Disziplin, Pragmatismus und Leidenschaft immer wieder ungeahnte Kräfte verliehen. Doch ohne die Fähigkeit zur Versöhnung wäre Mandela nach seiner Freilassung nicht zu dem Präsidenten Südafrikas geworden, den die Welt schätzt und auf den das eigene Volk mit unermesslichem Stolz blickt.

Ein gewöhnlicher Mensch

Die Verehrung für den "Madiba" kannte schon kurz nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis am 11. Februar 1990 keine Grenzen mehr. Er hat dem Land seine Würde wieder gegeben, sich aber gleichzeitig immer dagegen gewehrt, zu unkritisch verehrt zu werden. Die meisten schwarzen Südafrikaner sahen damals in ihm eine Art Messias - obwohl oder gerade weil es verboten war, während seiner Haft Fotos von ihm zu veröffentlichen oder ihn zu zitieren.

Doch schon in der ersten öffentlichen Ansprache nach seiner Freilassung wandte sich Mandela gegen jede Überhöhung seiner Person. Er sei "ein gewöhnlicher Mensch, der unter außergewöhnlichen Umständen zu einem politischen Führer geworden ist", sagte der damals 71-Jährige der Menschenmenge auf dem Rathausplatz in Kapstadt. "Wenn ich heute hier sein kann, so verdanke ich das euch. Ich bin hier, weil ihr es gewollt habt. Ihr habt dafür gekämpft, dass ich jetzt unter euch sein kann. Ich stehe also nicht vor euch als ein Prophet, sondern als ein euch ergebener Diener."

Freiheit nicht um jeden Preis

Die südafrikanische Regierung hatte Mandela Ende der 1980er Jahre fast angefleht, sein Gefängnis endlich zu verlassen. Er aber weigerte sich beharrlich, denn er wollte die damit verbundene Auflage, den damals verbotenen Afrikanischen Nationalkongress zu verlassen und der Gewalt abzuschwören, keinesfalls erfüllen. Erst, als am 2. Februar 1990 Präsident Frederik Willem de Klerk bei der Parlamentseröffnung die Aufgabe der Apartheidpolitik und die Aufhebung des ANC-Verbotes verkündete, verließ Mandela sein Gefängnis.

1993 erhielten De Klerk und Mandela gemeinsam den Friedensnobelpreis. Im Mai 1994 wurde Mandela zum ersten schwarzen Staatspräsidenten von Südafrika gewählt. Er sorgte für Stabilität und Versöhnung, als Südafrika nach dem Ende der Apartheid den Übergang in die Demokratie anging. Er bewahrte das Land davor, im Bürgerkrieg zu versinken, weil er es gleichermaßen schaffte, die hassgeladenen schwarzen Stammesführer und die zum Putsch entschlossenen weißen Militärs zu beruhigen.

Bei aller Bewunderung haben Kritiker Mandela immer wieder seine unverbrüchliche Loyalität zum ANC und seinen früheren Mitkämpfern vorgehalten. Auch sind wahrscheinlich nicht alle Mitglieder der Mandela-Familie so uneigennützig, wie es ihr "Madiba" war.

Ein anderes Land

Südafrika hat sich verändert, auch wenn nicht alle Träume, die sich mit Mandela verbanden, in Erfüllung gingen. Nach nur vier Jahren gab Mandela das Amt des Staatschefs ab. Doch weder Thabo Mbeki noch Jacob Zuma hatten das Format, Mandelas Vision der Regenbogennation umzusetzen. Mandela wandte sich der karitativen Arbeit zu, sammelte mit seiner Stiftung Geld für AIDS-Kranke und für die schulische Ausbildung afrikanischer Kinder.

Die Werte, für die er stand, sind universell. Das brachte ihm eine beinahe religiöse Verehrung ein. Ein Leben frei von Hass, im Glauben an die Gleichberechtigung aller Menschen, an die Freiheit, voller Fröhlichkeit und Humor – dafür stand Nelson Mandela. Eine Utopie, so stark und unglaublich, dass er manchen eher als Prophet denn als Politiker erschien.

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Quelle: n-tv.de

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