Politik
Die Schaufelradbagger im Tagebau Garzweiler kommen Immerath immer näher.
Die Schaufelradbagger im Tagebau Garzweiler kommen Immerath immer näher.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 04. Juni 2013

Ortstermin am Tagebau: Ein Dorf wartet auf die Bagger

Von Christoph Herwartz

Während die höchsten Richter über ein Recht auf Heimat verhandeln, rücken riesige Schaufelradbagger immer näher an Immerath heran. Das Dorf stirbt aus. Zu Besuch bei einem der letzten Immerather.

Hubert Hilgers hängt vor allem an den Erinnerungen, die er mit seinem Haus verbindet.
Hubert Hilgers hängt vor allem an den Erinnerungen, die er mit seinem Haus verbindet.(Foto: che/n-tv.de)

Die Straße, die zu Hubert Hilgers führt, ist lang und gerade. Rechts wächst Weizen, links Raps. Schon von weitem sind die zwei Türme der Kirche aus dem 19. Jahrhundert zu sehen, viel zu groß für das kleine Dorf Immerath, in dem einmal 1700 Menschen lebten. Seit klar ist, dass seine Geschichte zu Ende geht, werden es immer weniger. Die Dorfkneipe hat schon lange geschlossen, vor viele Fenster sind Bretter genagelt, die Vorgärten wuchern über die Wege. Noch anderthalb Jahre, dann müssen hier alle weg sein. Von Erkelenz-Immerath wird nichts bleiben - außer einem riesigen Loch.

Mitten im Ortskern, ganz nah bei der stolzen Dorfkirche, sitzt Hilgers an seinem Esstisch, Eiche rustikal, und trinkt Kaffee aus einer geblümten Tasse. Über ihm zieren dunkle Holzbalken den Raum, im Garten blüht es. "Ich weiß nicht, ob ich es so schön noch einmal hinkriege", sagt Hilgers und schaut sich um. Vor 45 Jahren kaufte er das Haus und zog mit seiner Frau nach Immerath. Zwei Töchter zog er hier groß, das Haus wuchs mit. Der Dachdeckermeister machte alles selbst. "Wir haben immer im Dreck gesessen", sagt der 70-jährige Hilgers. Und eigentlich fand er immer, dass es lohnte.

Besonders stolz ist Hilgers auf seinen liebevoll angelegten Garten.
Besonders stolz ist Hilgers auf seinen liebevoll angelegten Garten.(Foto: che/n-tv.de)

Vor einigen Jahren verkauften die Hilgers ihr Haus, genauso wie die Töchter, die Garten an Garten mit den Eltern wohnten. Eine von ihnen ist bereits umgezogen. Vielleicht noch 15 Familien leben hier, der Ort stirbt. Ganz Immerath gehört mittlerweile dem Energiekonzern RWE, oder "Rheinbraun", wie alle hier sagen. "Rheinbraun" hieß das Bergbauunternehmen, bis RWE vor zehn Jahren seine Geschäftsbereiche neu sortierte.

Die Kirchenglocken sind verstummt

Zwei Kilometer von Immerath entfernt beginnt der Tagebau Garzweiler. Ganz langsam graben die riesigen Schaufelradbagger weiter Richtung Westen, wo Immerath liegt. 160 Meter kann man hier in die Tiefe schauen, in den unteren Schichten zeigt sich tiefschwarz die begehrte Braunkohle. Auf der anderen Seite dampft der Kühlturm des Kraftwerks Frimmersdorf, in dem der Boden, auf dem jetzt noch Immerath steht, verheizt werden soll.

Verfassungsgericht prüft

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt seit Juni über Enteignungen für den Braunkohletagebau in Garzweiler. Die Karlsruher Richter befassen sich mit den Klagen eines Anwohners und des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Das Gericht will prüfen, inwieweit Grundrechte vor Enteignungen schützen. Dabei kommt es wesentlich darauf an, inwieweit der Abbau von Braunkohle dem Wohl der Allgemeinheit dient.

Im Rheinland mussten für die Tagebaue laut RWE schon mehr als 30.000 Menschen umsiedeln. Neue Projekte bis etwa 2050 sind in Planung, weitere Kohlevorkommen sind schon anvisiert. Rund um die Löcher baut RWE neue Dörfer mit Namen wie Neuotzenrath, Neubuschbell und Neubottenbroich.

Auch das neue Immerath steht schon. Weil viele aus dem Dorf nicht in die Retorten-Siedlung ziehen wollen, ist sie wesentlich kleiner als das alte Immerath. Eine Pizzeria hat dort aufgemacht, aber ob es wieder eine Kneipe geben wird, einen Metzger und einen Dorfladen, weiß noch niemand. Schützenverein und Sportklub ziehen zwar mit um. Aber ob die Dorfgemeinschaft erhalten bleibt? "Da geht schon was kaputt", sagt Hilgers und kneift die Lippen zusammen. "Und so eine große Kirche bauen sie uns auch nicht mehr. Dabei sind die Türme doch das Wahrzeichen von Immerath." Den Klang der Glocke vermisst er jetzt schon, weil seit einigen Monaten das Uhrwerk defekt ist. Repariert wird hier nichts mehr.

Er will nie zurückkehren

Ihr neues Haus durften Hilgers und seine Frau selbst gestalten, bald ist es fertig. Lieber wäre es Hilgers gewesen, wenn er das Haus mit seinen eigenen Händen hätte bauen können. Doch dafür ist er zu alt. Die Umsiedlung lässt sich RWE einiges kosten, auch wenn die Immerather über den Wert ihrer Häuser hart verhandeln mussten. "Am Ende war der Preis angemessen", meint Hilgers. "Aber die können uns gar nicht genug entschädigen." Für Hilgers ist alles in seinem Haus mit Erinnerungen verbunden, genauso wie in seinem beschaulichen Dorf, in dem man zusammenhielt, wenn es sein musste.

Jetzt fährt draußen ein Sicherheitsdienst durch die Straßen, der vor Plünderern schützen soll. Auch die Polizei lässt sich sehen. Trotzdem laufen nachts zwielichtige Gestalten durch die Straßen, berichtet Hilgers. Seine Frau traue sich kaum, den Müll rauszubringen. Der Abschied von seiner Heimat schmerzt ihn. Nach seinem Umzug will er nie wieder zurückkehren, sagt er. Zu sehen, wie sein Haus abgerissen wird, will er nicht ertragen müssen.

Ist es gerecht, dass die Immerather ihr Dorf verlassen müssen, weil RWE Strom produzieren möchte? Vor dem Bundesverfassungsgericht wird das seit diesem Dienstag verhandelt. Der Kläger kommt aus Immerath und macht sein "Recht auf Heimat" geltend. Karlsruhe muss zum ersten Mal entscheiden, ob es so etwas gibt. Hubert Hilgers hat davon gar nichts mitbekommen.

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Quelle: n-tv.de

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