Politik
Zuletzt nicht immer einer Meinung: Kanzlerin Merkel und Präsident Erdogan.
Zuletzt nicht immer einer Meinung: Kanzlerin Merkel und Präsident Erdogan.(Foto: imago/ZUMA Press)
Samstag, 16. Juli 2016

Interview mit Yasar Aydin: "Ein EU-Beitritt rückt dadurch in weite Ferne"

Wie geht es weiter nach dem Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan? Der Türkei-Experte Yasar Aydin kann sich verschiedene Szenarien vorstellen. Bei einem besonders sensiblen Thema ist er ziemlich sicher mit seiner Prognose.

n-tv.de: Haben Sie eine Erklärung für den Zeitpunkt des Putschversuches?

Yasar Aydin: Den Zeitpunkt kann man mit dem Treffen des hohen Militärrates am 1. August in Zusammenhang bringen. Dieses bestimmt über die Beförderungen, aber auch darüber, wer aus der Armee ausscheiden muss. Denkbar ist, dass die Putschisten zu denen gehört haben, die befürchten mussten, rausgeschmissen zu werden. Dann wäre das eine Verzweiflungstat.

Erdogans Widersacher Fethullah Gülen hat den Putsch verurteilt. Könnte er trotzdem dahinter stecken?

Yasar Aydin ist als Türkei-Forscher unter anderem an der Hafencity-Universität in Hamburg tätig.
Yasar Aydin ist als Türkei-Forscher unter anderem an der Hafencity-Universität in Hamburg tätig.(Foto: picture alliance / dpa)

Dass Gülen dahintersteckt, halte ich für unwahrscheinlich. Dafür ist das alles zu amateurhaft. Es kann natürlich sein, dass die Verantwortlichen gehofft haben, dass Gülen-Sympathisanten mitmachen. Wir sehen aber: Bei den Putschisten handelt es sich großteils um Offiziere aus den unteren Rängen, die versucht haben, den Generalstabschef durch Erpressung auf ihre Seite zu ziehen. Ähnliche Versuche gab es auch in der Vergangenheit.

Das Vorgehen der Putschisten wird vielfach als sehr dilettantisch beschrieben. Wäre es sogar vorstellbar, dass Erdogan der Drahtzieher sein könnte?

Ich glaube nicht, dass er unmittelbar dahinter steckt. So etwas kann ja auch nach hinten losgehen. Es gibt keine Garantie, einen Putsch unter Kontrolle zu bringen. Wahrscheinlicher ist, dass Erdogan davon profitieren wird. Wir können aber immer noch nicht ausschließen, dass er vielleicht doch Schaden davon trägt. Was allerdings auch gegen seine Beteiligung spricht ist: So dermaßen unter Druck steht er zurzeit gar nicht mehr. Durch die Annäherung an Russland und Israel hat Erdogan zuletzt eher Druck abgebaut.

Wenn jemand anders für den Aufstand verantwortlich ist: Welche Lehren sollte Erdogan daraus ziehen?

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Erdogan hat das Volk aufgerufen, auf die Straße zu gehen. Er muss einsehen, dass er auf die Demokratie angewiesen ist und sie braucht. Erdogan muss sich eingestehen, dass es falsch ist, die Legislative und das Parlament weiter zu schwächen. Es ist wichtig, die Unzufriedenheit unter den Offizieren abzubauen. Denn daran zeigt sich, wie polarisiert das Land ist. Erdogan muss auch zur Kenntnis nehmen dass die autoritäre Politik der letzten Jahre das Land stark geschwächt hat und er sie beenden muss. Ob er das tut, ist schwer zu sagen. Seine heutige Erklärung deutet ehe darauf, dass Erdogan repressiv reagieren und mit einer Hexenjagd antworten wird. Das wäre schlecht für die Türkei

Was für Folgen haben die Ereignisse auf das Verhältnis zu Europa und einen möglichen EU-Beitritt?

Ein EU-Beitritt rückt durch den Putsch in weite Ferne. Der letzte direkte Militärputsch war 1980, also vor 36 Jahren. Wir sehen jetzt, dass so etwas in der Türkei immer noch möglich ist. Das ist kein Bild, das in die EU passt, es wird die Türkei-Skeptiker stärker. Die werden sagen: Seht her, wir haben es euch doch gesagt, die Türkei ist nicht reif. Den Beitrittsambitionen der Türkei wird das schaden. Es ist ja jetzt vielfach schon schwierig, etwa für die Bundesregierung, mit der Türkei zu kooperieren.

Das Verhältnis zwischen Türkei und EU ist so schlecht wie lange nicht. Warum erhält Erdogan von europäischen Politikern nach dem Putschversuch so viel Zuspruch?

Ich weiß nicht, ob das Zuspruch für Erdogan ist. Das ist mehr eine Solidarität mit der gewählten Regierung. Erdogan ist demokratisch legitimiert, er hat in freien Wahlen 52 Prozent der Stimmen erhalten. Insofern ist dieser Militärputsch illegitim. Wenn Erdogan jetzt aber mit unverhältnismäßiger Härte reagieren sollte, kann aus der Solidarität auch schnell wieder Kritik werden. Es war aber wichtig, dass sich so viele europäische Länder gegen den Putsch gestellt haben. In der Türkei existiert auch das Bild von dem Westen, der nicht davor zurück scheut, in bestimmten Situationen Putschisten zu unterstützen, wie zum Beispiel in Ägypten. Dieses Bild wird durch die Reaktion der westlichen Regierungen nicht bestätigt.

Mit Yasar Aydin sprach Christian Rothenberg

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Quelle: n-tv.de

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