Politik
(Foto: REUTERS)

Drei Tage bis zum Referendum: Ein Land für Schottland

Von Christoph Herwartz, Edinburgh

Wer ohne Not einen neuen Staat gründen will, muss doch verrückt sein. Oder nicht? In Edinburgh halten es manche für radikaler, im Königreich zu bleiben. Ein Besuch bei den Schotten, die für die Unabhängigkeit kämpfen.

Sarahs zweites Zuhause ist seit kurzem eine Zeitmaschine. "Tardis" nennt sie den kleinen Verschlag liebevoll, den sie am Rande einer belebten Straße aufgebaut hat. Der Begriff stammt aus der Kultserie "Dr Who" und bezeichnet dort ein Gerät, das von außen unscheinbar aussieht, in Wirklichkeit aber eben eine Zeitmaschine und ein Raumschiff ist. Sarah bewahrt in der Bude Broschüren, Plakate und T-Shirts auf, die sie an Passanten verteilt. "Yes" steht darauf – ein Ja zur Unabhängigkeit Schottlands. Sarah glaubt daran, dass die "Tardis" sie in eine bessere Zukunft bringen kann. Eine Zukunft ohne Atomwaffen, mit besseren Jobs und einer gerechteren Gesellschaft.

Es ist ganz einfach, sich diese Zukunft vorzustellen, wenn man mit Leuten wie Sarah spricht. Ihre Augen leuchten, wenn sie beschreibt, wie ihr Land nach dem Referendum am kommenden Donnerstag aufblühen könnte. Folgende Frage müssen die Wähler dann beantworten: "Soll Schottland ein unabhängiges Land sein?"

Besonders ernst genommen wurden Menschen wie Sarah lange nicht. Die Abspaltungsbewegung galt als Spinnerei. Das änderte sich nach der letzten Wahl zum schottischen Parlament. Die Scottish National Party (SNP) gewann deutlich dazu und hat nun die absolute Mehrheit. Angetreten war sie praktisch nur mit einem Thema: der Unabhängigkeit. Der Chef der SNP und jetzige Regierungschef des Landes, Alex Salmond, treibt seitdem eine Kampagne voran, die mehr soziale Umverteilung, mehr Geld, eine bessere Gesundheitsversorgung und allerlei andere Wohltaten verspricht.

Atomwaffen, Konzerne, Primark

Salmond gilt als charismatisch; rhetorisch und strategisch geschickt ist er auf jeden Fall. Das letzte TV-Duell gewann er, indem er seinen Kontrahenten kaum zu Wort kommen ließ und drängende Fragen nach der Währung weglächelte. Wenn Schottland unabhängig wird, dann wird man dieses Ereignis immer mit Alex Salmond in Verbindung bringen. Doch die Kampagne hat viel mehr Seiten.

Es ist ein Sommerabend in einem der vielen "Yes-Shops" in Edinburgh, wo sich die Wähler informieren und die Freiwilligen mit Material eindecken können. Es sind noch acht Tage bis zur Abstimmung. Die Grünen-Abgeordnete Alison Johnstone hat Interessierte eingeladen, mit ihr über das Referendum zu sprechen. Nach und nach kommen ein paar Leute, am Ende werden es zwölf sein. Die Klientel im Stuhlkreis ist klassisch grün. Man sorgt sich wegen der Umwelt, der Atomwaffen, der Konzerne und der billigen Geschäfte in der Princess Street. "Das war einmal die schönste Straße der Welt", sagt eine Dame. "Jetzt ist Primark dort eingezogen."

Das große Thema aber ist die Armut im Land. Im Vereinigten Königreich sind die Einkommen und Vermögen so ungleich verteilt wie in nur wenigen anderen Demokratien. In der "Yes"-Kampagne ist man sich einig, dass es mehr Umverteilung braucht. Dass London nichts tut, finden die Leute im Stuhlkreis unverständlich.

Sie nehmen die britische Politik als etwas Fremdes wahr, das mit ihrem Leben nichts zu tun hat. Die traditionellen Umgangsformen und merkwürdigen Rituale in "Westminster" verstärken den Effekt. "Warum hat das nicht gewählte 'House of Lords' das letzte Wort über unsere Gesetzgebung?", sagt die Abgeordnete Johnstone n-tv.de. "Das ist archaisch." Einige Adelige haben einen Hilferuf formuliert, weil sie fürchten, bei einer Bodenreform um ihre Ländereien gebracht zu werden. Ganz unrealistisch ist das nicht.

Die grüne Partei ist nur eine von sehr vielen Gruppen, die für die Unabhängigkeit kämpfen. Es gibt einen Zusammenschluss von Frauen, der viele Ortsgruppen hat, es gibt die Unternehmer, die Lesben und Schwulen, die Lehrer, die Mütter, die Veteranen, die Christen, die Studenten und so weiter. Auch die sozialdemokratische Labour-Partei, die stärkste Kämpferin gegen die Unabhängigkeit, konnte nicht verhindern, dass sich in ihren Reihen eine Gegenbewegung formierte.

Risiken gibt es immer

Eine der Ansichten, die alle diese Gruppen teilen, ist, dass Schottland mehr Migranten braucht. Die Gesetze aus London beschränken den Anteil von Ausländern an britischen Unis. Doch gerade zugezogene Studenten könnten die Demographie verbessern, heißt es bei der "Yes"-Kampagne. Der Kampagnenleiter und "Erste Minister" Schottlands Alex Salmond lässt Muslime bei seinen Veranstaltungen auftreten oder spricht gleich in der Zentralmoschee von Glasgow. "Wir glauben nicht, dass wir besser sind als irgendeine andere Nation", sagt er bei einer Pressekonferenz. Zwei Männer, die seit Wochen Wahlkampf auf der Straße machen, erzählen, dass sie schon als "Nazis" beschimpft wurden. "Dabei sind die Rassisten alle gegen die Unabhängigkeit", sagen sie.

Die Unabhängigkeit ist für ihre Verfechter vor allem eines: die Möglichkeit, über sich selbst zu bestimmen. Sarah, die Frau mit der kleinen Zeitmaschine, sei vor einigen Jahren noch skeptisch gewesen, erzählt sie. Aber je mehr sie darüber nachdachte, desto weniger Politikbereiche fielen ihr ein, über die besser in London entschieden werden sollte. Die Landesverteidigung? Sie will vor allem, dass die Atomwaffen aus Schottland abgezogen werden. Die Währung? Sie hätte gerne eine eigene für Schottland. Und hat sie dann keine Angst vor einer neuen Finanzkrise? Sie zuckt mit den Schultern. Viele Schotten halten diese Fragen für Angstmacherei, Sarah auch. Schottland ist reich und wird seinen Weg schon machen, denkt sie.

Und da mag etwas dran sein: Wie genau ein eigenständiges Schottland aussehen wird, ob die Banken wegziehen und ob das Pfund bleibt, entscheidet sich bei diesem Referendum noch nicht. Erst einmal folgen monate- oder eher jahrelange Verhandlungen. "Natürlich gibt es Risiken", sagt ein Mann, der die Scottish National Party gewählt hat, um endlich dem Königreich zu entkommen. Aber die gebe es immer. Die Regierung in London lässt sich von der populistischen Ukip-Partei treiben und will über einen Austritt aus der EU abstimmen lassen. Er fände es radikaler, da mitzumachen, als sich loszusagen.

Quelle: n-tv.de

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