Politik
Für Flaggenverkäufer Wahed kann es gar nicht schnell genug gehen bis zum Referendum: "Das Referendum macht mich schon jetzt zu einem glücklichen Menschen."
Für Flaggenverkäufer Wahed kann es gar nicht schnell genug gehen bis zum Referendum: "Das Referendum macht mich schon jetzt zu einem glücklichen Menschen."(Foto: David Gutensohn)
Dienstag, 19. September 2017

Referendum in Kurdistan: Ein Volk im Wartesaal

Von David Gutensohn, Erbil

Am kommenden Montag stimmt die Autonome Region Kurdistan über ihre Unabhängigkeit von Bagdad ab. Erstmals könnte ein Staat für die weltweit 30 Millionen Kurden entstehen.

Auf den Tischen stehen Schnitzel, Biere, Schweinesülze. Am Eingang des Biergartens strahlen schwarz-rot-goldene Farben. Im Inneren tummeln sich die Gäste, stoßen an und diskutieren vorwiegend ein Thema: das anstehende Unabhängigkeitsreferendum in Kurdistan. Denn der "Deutsche Hof" befindet sich nicht in Erding oder Erlangen, sondern versteckt in einer Wohnstraße in Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak.

Gunter Voelker im "Deutschen Hof" in Erbil
Gunter Voelker im "Deutschen Hof" in Erbil(Foto: David Gutensohn)

Betrieben wird das Lokal von Gunter Voelker, einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten aus Thüringen. Er diente in Bosnien und erlebte mit, wie der Kosovo ohne Referendum seine Unabhängigkeit bekam. 2005 wagte er den Schritt nach Kurdistan. Heute plant er zwischen Jagdgewehren und Fußballschals sitzend mit seinem philippinischen Chefkoch das Tagesmenü. Angesprochen auf das Referendum wird der Wirt emotional. "Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Einerseits wünsche ich mir, dass diese Gegend endlich ihre Souveränität bekommt. Es ist höchste Zeit. Andererseits macht sich der Geschäftsmann in mir Sorgen. Drohen Versorgungsengpässe, wenn nach dem Referendum Konflikte entstehen?", fragt sich der 53-Jährige.

Nur wenige Kilometer entfernt steht die Zitadelle von Erbil, dem ältesten ständig besiedelten Ort der Welt. Direkt gegenüber hat Wahed einen kleinen Stand errichtet. An diesem verkauft er rot-weiß-grüne Fahnen, Sticker und Anstecker. Für 1400 irakische Dinar, umgerechnet einen Euro, bringt er Autoflaggen an den Mann. "Das Referendum macht mich schon jetzt zu einem glücklichen Menschen", so Wahed.

Seit 1920 warten Kurden auf ihren Staat

Ein Blick über den Marktplatz lässt erahnen, weshalb. Überall befinden sich Banner und Poster, die auf das Referendum am kommenden Montag hinweisen. "Es wird höchste Zeit, dass wir unseren Staat bekommen", sagt Waheds nächster Kunde. Dieser ist 72 Jahre alt, hört auf den Nachnahmen Kurdo und trägt eine Jamana, den traditionellen kurdischen Turban.

Bereits seit 1920 wird den weltweit ungefähr 30 Millionen Kurden ein eigener Staat versprochen. Erst vom US-Präsidenten Woodrow Wilson, dann durch den Vertrag von Sèvres. Bis 1992 geschah nichts dergleichen. Dann nutzten die Kurden ihre Chance: Als im Irakkrieg eine Flugverbotszone eingerichtet wurde, besetzten sie die Gebiete im Norden des Landes und schufen sich ein eigenes Parlament, einen Präsidenten sowie Polizei- und Militärkräfte.

Trotz der für die kurdische Bevölkerung schrecklichen Jahre unter Saddam Hussein einigte man sich 2005 auf eine gemeinsame Verfassung mit dem irakischen Zentralstaat. Kürzlich verschlechterten sich die Beziehungen jedoch dramatisch. Der sinkende Ölpreis führte Kurdistan in eine Wirtschaftskrise, der IS hielt zwischenzeitlich große Teile des Irak besetzt. Im Zuge dessen kürzte die Zentralregierung der Region ihre Mittel und behielt mehr Gewinne ein als ihr vertraglich zustanden.

Am lautesten klagen die Türkei und der Iran

"Es ist an der Zeit für unsere Unabhängigkeit. Erst dann kommen wir aus der Krise heraus", schlussfolgert Kurdo. "Auch wenn die ganze Welt gegen uns ist", ergänzt er mit enttäuschter Miene. Einzig Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat sich für ein unabhängiges Kurdistan ausgesprochen. Noch immer versucht die restliche internationale Gemeinschaft, das Referendum zu verschieben. Die Amerikaner fürchten Konflikte mit dem Irak und eine Ablenkung der kurdischen Peschmerga-Truppen, die für den Kampf gegen den IS gebraucht werden. Auch die Vereinten Nationen wollen Konflikte an den zu ziehenden Grenzen verhindern. Am lautesten klagen jedoch die Nachbarländer Türkei und Iran, wo es ebenfalls kurdische Minderheiten gibt. Ankara und Teheran befürchten, dass ein unabhängiges Kurdistan separatistische Tendenzen befeuern würde.

Im Streit mit der irakischen Zentralregierung geht es vor allem um Kirkuk. Sowohl der Irak als auch die Kurden beanspruchen die erdölreiche Stadt, die auch das "Jerusalem der Kurden" genannt wird. Es ist nicht lange her, da haben Peschmerga-Einheiten Kirkuk vom IS befreit. Seitdem steht sie unter kurdischer Verwaltung und soll dies aus Sicht der Kurden auch nach dem Referendum bleiben. Weil Nadschm Eddin Karim, Gouverneur von Kirkuk, darüber am Montag abstimmen lassen will, hat ihn das irakische Parlament kürzlich entmachtet. Gleichzeitig forderte das oberste Gericht des Landes die Aussetzung des Referendums, um dessen Verfassungswidrigkeit zu prüfen. Die Zentralregierung von Bagdad will einen Kurden-Staat einschließlich Kirkuk unter keinen Umständen erlauben.

Hussamalddin Ali Majed glaubt, ein militärischer Konflikt mit der Zentralregierung in Bagdad könne nicht von Dauer sein.
Hussamalddin Ali Majed glaubt, ein militärischer Konflikt mit der Zentralregierung in Bagdad könne nicht von Dauer sein.(Foto: David Gutensohn)

Fragt man die Experten der Stadt, könnte das verheerende Folgen haben. Der Politologe Mohammed al-Qissi ist sich sicher: "Es wird Krieg um Kirkuk geben." Er, der im Kampf gegen den IS seine Mutter verlor, hat eine klare Befürchtung: Al-Hashd Al-Sha'abi. Die vom irakischen Staat geförderte schiitische Miliz hat ebenfalls gegen den IS gekämpft, könnte sich nun jedoch gegen die Kurden richten. Auch der irakische Premierminister Haider al-Abadi hat bereits mit militärischen Aktionen gedroht, sollte das Referendum stattfinden.

"Peschmerga-Kräfte sind gut vorbereitet"

"Da wird nicht viel passieren", sagt dagegen Hussamalddin Ali Majed, Leiter des Instituts für Politikwissenschaften an der Salahaddin-Universität in Erbil. Er trägt Schnurrbart, eine blaue Krawatte und hat den wohl längsten Schreibtisch der Stadt. Erhaben sitzt er unter einem eingerahmten Foto, das ihn mit dem kurdischen Präsidenten Massud Barsani zeigt. "Ich glaube, dass die Peschmerga-Kräfte gut vorbereitet sind und diese irakische paramilitärische Gruppe keine echten Stellungen hat, um für einen langfristigen Konflikt zu sorgen", sagt er in ruhigem Ton.

Auch Awder Hamed ist sicher, dass die eigenen Truppen deutlich überlegen sind. Wenn er über die Peschmerga spricht, macht sich ein stolzes Grinsen auf seinem Gesicht breit. Er verkauft Handgranaten, Maschinengewehre und Munition in der Nähe der Zitadelle. "Alles aus Plastik", versichert er den verwundert schauenden Müttern sogleich. Doch wie könnte das neue Kurdistan aussehen, in dem die kommendene Generation heranwachsen soll?

Die 27-jährige Shadi hat klare Vorstellungen, während sie auf den sprudelnden Brunnen am Marktplatz schaut. Demokratisch, förderal und multiethnisch soll es werden. Um auch die turkmenischen, arabischen und christlichen Minderheiten zu repräsentieren, wird deshalb an eine neue Nationalhymne und Landesflagge gedacht. Wahed würde es freuen, denn nach der Unabängigkeit dürfte sein Stand mit den dann neuen Fahnen beliebter denn je sein.

Quelle: n-tv.de

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