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Anhänger des radikal-islamischen Predigers Pierre Vogel demonstrierten Anfang November in Frankfurt am Main.
Anhänger des radikal-islamischen Predigers Pierre Vogel demonstrierten Anfang November in Frankfurt am Main.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Salafisten als kreative Gotteskrieger: "Eine Art islamistische Internationale"

Was bewegt junge Männer aus Deutschland, nach Syrien in den Dschihad zu ziehen? Und wie erklärt sich der rege Zulauf in der deutschen Salafistenszene? Religionssoziologe Rauf Ceylan erklärt in Interview mit n-tv.de, was den Reiz dieser Gemeinden ausmacht und warum die Prävention in der Schule beginnen muss.

n-tv.de: Zu Wochenbeginn wurde bekannt, dass der ehemalige Jugendnationalspieler Burak Karan in Syrien ums Leben gekommen sein soll. Es wird spekuliert, dass er sich einer salafistischen Gruppe angeschlossen hatte. Vor Kurzem warnte der Verfassungsschutz, aus Syrien zurückkehrende deutsche Salafisten seien besonders gefährlich. Was zieht diese jungen Männer aus dem komfortablen Deutschland in diesen mörderischen Krieg?

Ein islamistischer Kämpfer, der sich der Freien Syrischen Armee angeschlossen hat, betet im Adidas-Shirt gen Mekka.
Ein islamistischer Kämpfer, der sich der Freien Syrischen Armee angeschlossen hat, betet im Adidas-Shirt gen Mekka.(Foto: REUTERS)

Rauf Ceylan: Gewaltorientierte Salafisten sehen in solchen Konflikten in der islamischen Welt die Möglichkeit, ihre Ideologie praktisch umzusetzen. Das heißt, für einen totalitären Gottesstaat zu kämpfen. Wir haben das im Irak und in Afghanistan bereits in den 1980er Jahren erlebt. In Afghanistan hat sich das ein Jahrzehnt später mit den Taliban wiederholt. Genauso ist das jetzt in Syrien der Fall. In Deutschland gibt es inzwischen weitreichende Kommunikationsstrukturen, junge Leute anzuwerben.

Salafistische Gruppen konzentrieren sich bei ihren Missionierungsaktivitäten auf Jugendliche und haben dabei offensichtlich Erfolg. Was bieten sie an, was die etablierten Moscheegemeinden nicht anbieten können?

Die Salafisten bieten eine sehr einfache Ideologie an. Ein junger Mann, der in einer Krise steckt und auf einen Salafisten trifft, wird die Botschaft hören: Du bist etwas Besonderes, du bist ausgewählt und du gehörst der Wahrheit an. Dieses einfache Weltbild ist sehr attraktiv: Es gibt schwarz und weiß, haram und halal (verboten und gestattet, Anm. d. Red.), für uns und gegen uns. Die salafistischen Gemeinden haben familienähnliche Strukturen, man kümmert sich umeinander.

In Ihrem Buch beschreiben Sie einen weiteren Punkt: Der Reiz der Salafistenbewegung sei auch der, dass die Mitglieder das Gefühl hätten, Teil einer weltweiten Bewegung und einer "großen Sache" zu sein.

Salafisten verteilen im Frühjahr 2012 kostenlose Korane in Berlin. Die Aktion brachte den Gruppen enorme mediale Aufmerksamkeit ein.
Salafisten verteilen im Frühjahr 2012 kostenlose Korane in Berlin. Die Aktion brachte den Gruppen enorme mediale Aufmerksamkeit ein.(Foto: REUTERS)

Das Erlebnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der Schwarzafrikaner neben Asiaten, gebürtige Deutsche neben kurdischen Muslimen für ein gemeinsames Ziel eintreten, ist ein wesentlicher Grund für die Anziehungskraft der salafistischen Gemeinden auf bestimmte junge Leute. Die Salafisten bieten anders als konventionelle Moscheegemeinden, die nach wie vor ethnisch geprägt sind, eine deutschsprachige Gemeinde an, sodass jeder die Prediger versteht. Zweitens wird hier die Idee der Umma (einer islamischen Weltgemeinschaft, Anm. d. Red.) wirklich vorgelebt. Die Salafisten demonstrieren: Nationalität und Herkunft spielen bei uns keine Rolle. Das ist sehr anziehend für Leute, die schon einmal Diskriminierung erfahren haben. Auch deutsche Konvertiten fühlen sich in dieser bunten Szene eher zu Hause.

Ist die Entstehung der Salafistenszene, wie Sie sie beschreiben, ein deutsches Phänomen?

Nein, das betrifft alle Einwanderungsländer, auch die USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien und andere. In diesen Staaten sind große Diasporagemeinden entstanden, weil eine gelenkte Einwanderungspolitik die Chance auf Aufnahme und Arbeit bot. Das haben sich mit der Zeit auch islamistische Splittergruppen zunutze gemacht. Sie haben eine ahnungslose und nicht politisierte muslimische Community angetroffen – ein ideales Rekrutierungsfeld. Muslime, die in die Diaspora gehen, erleben einen doppelten Kulturschock. Nicht nur sind sie mit der fremden Kultur des Einwanderungslandes konfrontiert, sondern auch mit einer extrem heterogenen Ausländergemeinde mit vielen islamischen Splittergruppen. Die Muslime stehen heute mitten in dem Prozess, mit dieser ganzen Vielfalt umgehen zu lernen.

Rauf Ceylan ist Religionssoziologe an der Universität Osnabrück und Mitautor des Buches "Salafismus".
Rauf Ceylan ist Religionssoziologe an der Universität Osnabrück und Mitautor des Buches "Salafismus".

Gab es einen Plan hinter dieser Migrationsbewegung von Salafisten, die dann im Exil unter muslimischen Arbeitsmigranten für ihre Ideen warben?

Man kann nicht von einem Masterplan sprechen. Es hat sich einfach eine Eigendynamik entwickelt. Die salafistischen Gruppen sind in den vergangenen zehn Jahren sehr stark geworden. Die heute als Salafisten geführten Gruppierungen sind bereits in den 1990er Jahren aufgrund internationaler Konflikte wie dem in Afghanistan stärker geworden. Doch die Radikalisierung der heute aktiven Salafistengruppen hat zum Teil auch direkt in Deutschland stattgefunden.

Ist die Szene denn wirklich so stark, oder nehmen wir sie nur stärker wahr?

Die stärkere Wahrnehmung kommt nicht von ungefähr. Die Salafisten sind medial enorm geschickt und bestimmen inzwischen den öffentlichen Diskurs über den Islam, obwohl es geschätzt nur 5000 bis 6000 Mitglieder gibt. Allerdings hat sich allein in Nordrhein-Westfalen die Zahl verdoppelt. Dieser öffentliche Diskurs hat Auswirkungen auf die Mehrheitsgesellschaft. Die Gruppierungen sind überall präsent und sie halten öffentlich bewusst Konfliktlinien aufrecht. Wenn Sie "Islam" auf Youtube eingeben, stoßen Sie sofort auf diese Gruppierungen.

Gibt es auch Rekrutierung außerhalb der Moscheegemeinden?

Die religiös-extremistischen Gruppen sind da sehr kreativ. Ich kenne den Fall eines Fahrlehrers, der die Fahrstunden zum Missionieren genutzt hat. Eine sehr geschickte Idee: Zwischen Fahrlehrer und Fahrschüler besteht ohnehin ein Abhängigkeitsverhältnis und das Alter, in dem Jugendliche den Führerschein machen, ist ideal. Verbreitet ist auch eine Art Streetwork. In bestimmten Sozialräumen nutzen Salafisten die Straße dazu, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Manche junge Männer kommen auch über das Internet dazu. Es gefällt ihnen, wie mutig und klar die Leute in den Salafistenvideos vermeintlich auftreten. Dann recherchieren sie: Wo gibt es hier einen Verein und so weiter.

Sie unterscheiden zwischen politischen, dschihadistischen und puristischen Salafisten. Was macht sie jeweils aus und welche Gruppe ist die größte?

Wichtig ist: Die Ideologie ist bei allen dieselbe, nur die Methodik unterscheidet sich, wie sie zu seinem Ziel kommen wollen. Die größte Gruppe sind die Puristen, sie sind unpolitisch und sagen: Wir müssen Frömmigkeit vorleben und die Menschen dadurch überzeugen. Sie verfolgen also eine Entwicklung von unten nach oben.

Wie Sie die Puristen beschreiben, klingt fast harmlos. Wie sind die Dschihadisten einzuschätzen?

Es sind vielleicht wenige, aber wir dürfen uns nicht zu sehr von Zahlen leiten lassen. Die Puristen sind vermeintlich harmlos, aber hier muss die Präventionsarbeit ansetzen.

Was ergibt sich daraus für die Forderung nach einem islamischen Religionsunterricht?

Es sind häufig diejenigen anfällig für die salafistische Ideologie, die eine gewisse religiöse Grundbildung entbehren. Deshalb wäre es so wichtig, dass diese auch in der Schule vermittelt wird. Denn es gibt Muslime, die sich als muslimisch definieren, jedoch keine Gemeinde besuchen, wo sie Grundkenntnisse erhalten würden. Religionsunterricht vermittelt Kompetenzen, wie man mit religiösen Fragen umgeht, dass es eine Vielfalt gibt, dass Toleranz wichtig ist. Daneben geht es auch um die Gleichberechtigung neben den christlichen Schülern.

Was passiert, wenn jemand ohne religiöse Grundbildung an Salafisten gerät?

Die Salafisten bieten ihr Konzept als islamisch begründet an. Doch wenn die jungen Leute nicht wissen, was der Islam ist, ist das ein Problem. Dann übernehmen sie die Ideologie, die ihnen präsentiert wird. Zuhause sagen sie dann: Mama, du musst dich so und so kleiden, das Bild darf hier nicht hängen, ihr müsst alle anfangen zu beten und so weiter. Die Eltern sind in der Regel die ersten, die davon mitbekommen.

Mit Rauf Ceylan sprach Nora Schareika

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Quelle: n-tv.de

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